Sonntag, 30. April 2017


Notfallambulanz, Teil 2: Im Krankenhaus



22:45    Meine erste Nacht im Krankenhaus. Die Gefühle tanzen im Kreis: Verwunderung, Erstaunen, Ekel, Schock, Apathie, Traurigkeit…. Alles durcheinander. Ich habe also eine Lungenembolie. Das habe ich gar nicht gemerkt. Thrombose vielleicht, aber Embolie? Die müssen sich bei der Diagnose geirrt haben. Na klar, das sind lauter Spezialisten, die falsche Diagnosen stellen. Geirrt. Keine Lungenembolie. Aber was dann….? Doch Lungenembolie.

Christiane hatte mir ja Sachen mitgebracht, aber die passen nicht in den winzigen Spind. Egal, in diesem Zimmer (noch dunkel) bleibe ich nur eine Nacht. Ich erhalte ein Nachthemd, das hinten offen ist und das ich deshalb nicht richtig schließen kann. Ein freundlicher Pfleger tüdelt mich an: Auf meinem Oberkörper sind Elektronen befestigt, die an ein Aufnahmegerät nun mit Kabeln angeschlossen werden. Ich erhalte ein Pulsmessgerät und eine Blutdruckmanschette, die sich alle 30 Minuten aufbläst. Die Daten erhält der Pfleger in seinen Kontrollraum. „Gute Nacht.“ Licht aus.

Mit mir im Zimmer ist ein älterer Mann, circa 70 Jahre alt, den wir Klaus nennen wollen. Er hat meinen Namen falsch verstanden und nennt mich „Helmut“. Ich bin noch so genervt, dass ich das nicht korrigiere. Dann eben „Helmut“. Das Spiel geht dann Licht an, Pfleger kommt, Klaus geht zum Klo, Licht aus, Licht an, Klaus kommt mit dem Pfleger wieder, legt sich hin, Licht aus. Das wiederholt sich in der Nacht circa 3 Mal. Auch Klaus ist ein Notfall gewesen, er lag im UKE von 9 Uhr morgens bis 22.00 In einem Bett auf dem Flur. Er hat ein besonderes Mitteilungsbedürfnis und textet mich zu. Dann schnarcht er. Ich (wohl) auch.

Die Nacht wechselt zwischen Wach- und Schlafphasen. Das geht alles so ineinander über. Manchmal fahren LKW direkt an unserem Zimmerfenster vorbei. Nein, das sind keine Träume, das passiert tatsächlich. Es gibt keine Vorhänge, die man zuziehen kann.

7:00       „Guten Morgen!“  - Zwei Krankenschwestern lassen sich blicken. „Wollen Sie einen Waschlappen und ein Handtuch zum Waschen?“ Ich erhebe mich aus wirren Träumen. Was? Waschen? Waschlappen? Ich wasche mit NIE mit einem Waschlappen, wen ich dusche. Es ist mir so schietegal, was die beiden wollen. Dabei schaue ich durch das jetzt helle Zimmer: Abgewetzte Wände, ein schmuckloser Spind und ein winziges Waschbecken mit einem Schemel davor. Ich raune unwirsch: „Legen sie man alles da hin. Wo kann ich aufs Klo gehen?“ „Hier den Gang hinunter, dann links.“ Die beiden trollen sich.

7.30       Mir ist alles wurscht. Aber: Ich will aufs Klo, bin aber noch an das Aufnahmegerät angeschlossen. Ich klingele nach einer Schwester. Als eine ältere Krankenschwester dann kommt, kann sich mich abtüdeln. Dabei sagt sie mir, dass gleich „Visite“ ist. Hier ist von 7.30 bis 8.00 Uhr Visite. Oh prima, dann warte ich bis 8.00 Uhr, dann kann mir einer sagen, wie es weitergeht.

8:10       Keine Visite ist gekommen. Mittlerweile habe ich mich notdürftig gewaschen. Klaus wartet auch und erzählt mir von seiner Arthrose. Ich starre an die Decke, dann raffe ich mich auf und humple durch die Gänge aufs Klo. Als ich wieder im Zimmer bin war immer noch kein Arzt zugegen. Also warten wir. Aber jetzt habe ich Durst! Ich habe ein Waschbecken, kann aber nur aus dem Hahn trinken? Ich klingele nach einer Schwester. Es erscheint wieder eine andere. „Haben sie vielleicht einen Trinkbecher für mich? Hier ist leider nichts.“ Sie kommt dann mit einem Plastikbecher und etwas Mineralwasser wieder. Meine Frage: „Gibt es hier auch Frühstück und etwas Kaffee?“ „Ja, so in einer halben bis einer dreiviertel Stunde.“ Also: Warten.

8.45       Ich starre an die Wände des unansehnlich-kargen Zimmers. Klaus ist jetzt auch mit Waschen durch. Vorher hat er mir an den Schultern gerüttelt: „Wir müssen noch warten“ sagt er dabei. Ah ja. Mir fällt Bernd das Brot ein: „Ich will hier weg!“



9.15       Ein junger Mann erscheint: „Frühstück“. Er bringt Kaffee (1 Tasse) und Brötchen (1 Stück) mit Butter und Marmelade. Gut, annehmbar, übersichtlich. Nach alter Facebook-Tradition fotografiere ich das ab.
Frühstück im gediegen-gemütlichen Ambiente. Stylisch.


9.45       Die nicht üppige Mahlzeit ist eingenommen. Ein junger Arzt kommt und eröffnet mir, dass ich gleich auf die Station verlegt werden soll. Gut, das auch noch. Dann eben so. Also packe ich meine Siebensachen zusammen und harre des Transports.

10.10    Klaus wird  vor mir verlegt. Ein Pfleger kommt und nimmt ihn samt Habe und allem mit. Er freut sich, endlich „auf Station“, da wäre es besser. Na dann, good luck.

10.15    Eine Schwester erscheint: Ist Herr O. verlegt? Ich sage ja. „Sie werden dann heute nach Hause gehen“ sagt sie mir dann. „Wie? Mir wurde eben noch gesagt, dass ich verlegt werden soll“ erwidere ich. „Nein, sie kommen nach Hause“ sagt sie mir wieder. Das habe Professor Soundso bei der Visite entschieden. Visite? Wer ist Professor Soundso? Ich frage also: „Wer ist Professor Soundso? Und eine Visite gab es auch nicht.“ Die Schwester hierauf: „Die Visite war auch nicht überall, hier eben nicht. Wir haben viel zu tun. Und der Professor kennt sie.“ Ach: „Dann soll er mir das sagen“ versetze ich. Und ich warte, bis er kommt. Im Warten habe ich schließlich seit gestern Erfahrung. Später erscheint der junge Arzt: „Ich habe mich geirrt, sie gehen nach Hause.“ Soso.

10.45    Professor Soundso erscheint, ein freundlicher älterer Herr. „Ja, wir haben viel zu tun, entschuldigen sie bitte. Aber es ist so viel zu tun seit gestern.“  Das hatte ich noch nicht gemerkt, denke ich in einem sarkastischen Anfall. Er untersucht mich nochmals. Dann sagt er: „Ich mache die Entlassungspapiere fertig. Leider funktioniert unsere EDV heute nicht, wir hatten heute Nacht einen totalen Computerausfall, sobald die Systeme wieder laufen, kann ich ihren Entlassungsbrief schreiben“. Alsdann entfleucht er. Von mir aus können die ihre Arztbriefe auch auf Büttenpapier und handschriftlich verfertigen.

11:10    Eine Schwester weist mich in die Geheimnisse der Heparin-Selbstspritzen ein. Lehrreich. Dann darf ich mir die erste Spritze gleich selbst setzen.

11:30     Walde ist da! Wie aus dem Boden gewachsen steht er mit einem Male im Zimmer. Ich bin perplex. „Wie kommst du denn hierher?“ Aber als er antworten will erscheint Professor Soundso und bringt mir den Entlassungsbrief. Er schärft mir ein, mich körperlich zu schonen. Mit einer Lungenembolie auf beiden Seiten ist nicht zu spaßen. Und er entschuldigt sich abermals für das UKE, dass das alles so lange gedauert hat.

11:45     Walde, den buchstäblich der Himmel geschickt hat, und ich verlassen das UKE. Als ich endlich durch die Türen hinaus ins Freie trete atme ich tief durch. Walde, der über einen Elim-Infokanal über mein Schicksal in Kenntnis gesetzt worden war, fährt mich heim.

War´s das?



Liebe Grüße, Alsterstewart




Samstag, 29. April 2017


Tag 9/5



Eigentlich müsste ich seit Dienstag, 25. April im Krankenhaus sein. Das wäre der Starttermin für die Stammzellenchemo gewesen. Die sollte sich an die ganze Einleitungstherapie anschließen. Eigentlich. Doch eine leicht fiebrige Erkältung, die ich mir Ostern aufgesackt hatte, machte einen Strich durch die Rechnung. Die Therapie wurde um eine Woche verschoben.

Also noch einmal eine Gnadenfrist.

Wirklich?


Schmerzen im Fuß
Am Dienstagmorgen entdeckte ich einige Schmerzen im linken Fuß. Kenne ich schon, dachte ich, das  sind wieder Fersenspornbeschwerden. Nichts dramatisches also, damit kenne ich mich gut aus, damit kann ich leben. Aber als ich mir den Fuß näher besah entdeckte ich eine deutlich sichtbare Schwellung knapp oberhalb des Sprunggelenks, das Gelenk selbst war knapp 2 cm dicker als das Sprunggelenk auf der rechten Seite. War ich irgendwann irgendwo umgeknickt? Dazu kamen noch Druckschmerzen im Knöchelbereich. Und überhaupt „Knöchel“ – der war nicht mehr zu sehen vor lauter Schwellung.

Was macht man dann? Ganz einfach: Kam von allein, geht von allein. Das ist wieder so eine Nebenwirkung. Also Abwarten. Morgen ist es bestimmt vorbei.

Mittwochmorgen: Da ist nichts weggegangen. Alles so wie gestern im linken Fuß, nur kann ich da kaum noch auftreten. Nützt alles nichts, ab zum Arzt.

Meine Hausärztin besieht sich die Sache. Nach einigem hin und her sagt sie: „Das kann eine Thrombose sein. Fahren sie am besten ins UKE in die Notaufnahme, ich gebe Ihnen eine Einweisung mit.“ WAAAAS? THROMBOSE? NOTAUFNAHME? EINWEISUNG? Aber bei allem Schrecken: Was soll ich anderes tun als das, was am Naheliegendsten ist? ´

Also Notaufnahme.

Die Notaufnahme


Und nun mache ich es chronologisch:

13:00     Ich erreiche die Notaufnahme des UKE. Vor mir erläutern zwei Männer einem Empfangsmitarbeiter ihren Arbeitsunfall. Sie sehen eigentlich ziemlich gut gelaunt aus. Ich aber kann kaum noch stehen. Endlich winkt mich eine Mitarbeiterin heran. Jetzt darf ich mich samt Einweisung, Ausweisen und Krankenkassenkarte anmelden. „Die Pflegemitarbeiterin spricht gleich noch mit ihnen“, sagt die Empfangsdame und weist auf eine genervte Frau in blauem Kittel. „Ich kann jetzt nicht.“ , blafft die zurück. Ich darf mich ins Wartezimmer verkrümeln. „Die Kollegin kommt auf sie zu.“ Gut.

13:50     Ich warte geduldig und starre – wie alle – in den sich allmählich füllenden Wartebereich. Dabei entdecke ich: Alle haben ein Papierarmband, auf dem sie als Notaufnahmepatient gekennzeichnet sind. Das fehlt mir! Und gesprochen hat mit mir noch niemand! Also jachtere ich zum Empfangstresen: „Mir fehlt das Papierarmband“ sage ich zu einer anderen Frau. „Das haben wir schon entsorgt“. Die genervte Pflegefrau sagt: „Nee, das habe ich noch.“ OK, denke ich. Endlich erhalte ich das. „Warum sind sie denn hier?“ fragt die Pflegefrau. „Bei mir besteht Thromboseverdacht.“ „Gut, dann nehmen sie Platz.“ Prima. Ich bin so weit wie vorhin – habe aber das Armband. Voller Vorfreude auf die baldige ärztliche Hilfe nehme ich den gewohnten Platz im Wartezimmer ein.

14:30     Geschätzt warten hier 30 Menschen auf einen Arzt. Bislang wurden gerade mal 5 Leute aufgerufen. Ein älteres Paar neben mir verliert allmählich die Geduld. Sie stacheln sich gegenseitig auf und schimpfen vor sich hin.

15:00     „Herr Wartisch bitte“ Was? Da ist eben mein Name gerufen worden. Ich fasse es kaum und folge einer jungen Krankenhausmitarbeiterin in einen Behandlungsraum, auf dem „Ersteinschätzung“ zu lesen ist. Business as usual: Blutabnahme, EKG. Kenne ich alles schon. Aber endlich geht es los. Während des EKG berechne ich, wie lange ich noch brauche, bis ich das UKE wieder verlassen kann: Um 18 Uhr bin ich im Haus.

15.15     Zurück im Wartezimmer. Da ist es immer noch voll. Aber ich habe meine Ersteinschätzung!!!!! Jetzt geht es los.

15.30     Sitze im Wartezimmer. Mein Buch macht mir keine Freude mehr. Also daddele ich am Handy herum. Das ist aber auch spaßlos. Was denn noch? Aufs Klo gehen? Das wäre sicherlich nötig, aber dann verpasse ich bestimmt meinen Namensaufruf. Bloß das nicht. Ich sitze und „schwitze mir das Bedürfnis durch die Rippen“. Warten.

16:00     Ich warte immer noch.

16:30     „Herr Wartisch bitte“ Ich falle vor Schreck fast auf den Boden. Mein Name wurde aufgerufen. Eine junge Ärztin nimmt mich in ein Sprechzimmer mit. Dort muss sie erst einmal telefonieren. Dann widmet sie sich mir. Ein Interview also. Wann die Beschwerden anfingen? Luftnot? Brustschmerzen? „Zeigen sie mir mal die Füße. Links sieht das nicht nach Gicht aus.“  Sie raunt etwas von einem Gerinnungswert, der noch fehlt. „Das Labor hat viel zu tun.“ Und schließt mit: „Für die Lunge brauchen wir noch eine CT“. Dann darf ich wieder wohin? – Natürlich ins Wartezimmer.

17:00     Das Warten hat mich wieder. Ich schreibe eine Liste der Dinge, die ich für einen Aufenthalt im UKE benötige und schicke sie an Christiane, die mir vorher schon gesagt hat, dass das hilfreich wäre. Sie will kommen. Nur wann? Und wo treffen wir uns?

17:30     Ich warte.

18:00     Ich warte.

18:15     Christiane fragt, wo sie mich findet. Sie fährt jetzt los. Ich sitze im Wartezimmer.

18:30     Ein Pfleger nimmt mich mit. In einem Nebenzimmer verpasst er mir eine Heparinspritze. Und dann soll ich im Wartezimmer 2 Platz nehmen. „Wo ist das?“ – „Gehen sie einfach durch die Glastür und dann rechts.“ Ich gehe also tiefer ins Labyrinth des UKE hinein und finde das rappelvolle Wartezimmer 2. Da sitzt eine Frau, die ich bereits aus dem ersten Wartezimmer kenne.  „Haben sie es auch hierher geschafft?“ fragt sie. „Ja, ich bin jetzt aufgestiegen.“

18:45     Christiane kündigt ihr Erscheinen in den nächsten 10 Minuten an. Ich schicke die Nachricht, wo sie mich jetzt findet.

19:00     „Herr Wartisch bitte“ – ausgerechnet jetzt. Aber die  CT kommt nun. Man führt mich durchs UKE-Labyrinth in einen Raum. Da darf ich warten. Nach 20 Minuten werde ich weitergeführt. Dann kommt die Lungen-CT. Während dessen sucht Christiane mich irgendwo im Gewirr von Gängen und nicht zuständigem Personal.

19:45     Ich bin wieder im Wartezimmer 2. Und dann kommt auch Christiane. Wie schön. Jetzt warten wir gemeinsam. Ihre Jazzprobe hat sie abgesagt, das hier ist für sie jetzt wichtiger.

20.00     Christiane fragt, ob ich schon etwas gegessen habe. Das muss ich verneinen. Dafür kann ich jetzt endlich auf Klo. Dann besorgt Christiane ein Abendbrot bei Edeka.

20.45     Vesperzeit im UKE.

20.50 – 21.45     Mit uns warten noch ein nettes Geschwisterpaar, das sich seine Zeit mit dem Pokalspiel Bayern gegen den BVB vertreibt und ein Ehepaar, dessen männlicher Teil leukömiekrank und hoch fiebrig ist. Da ich seit 13 Uhr im Haus bin, liege ich dort im Mittelfeld. Die Geschwister sind seit wenigen Stunden, der Leukämiekranke seit 11:30 Uhr in der Notaufnahme.

21:45     Meiner Frau platzt der Kragen. „Jetzt beschwere ich mich.“  Als sie wiederkommt erzählt sie, dass hier viel zu tun ist und wir Wartenden ein wenig in den Hintergrund gedrängt worden sind. Die beiden Krebskranken sollen aber im Haus bleiben, es gibt nur keine freien Betten. Aber bald kümmert man sich um uns.

22:10     Jetzt platzt mir der Kragen, es ist immer noch nichts passiert. Ich stampfe an den Empfangstresen und frage energisch nach, was mit mir nun passiert und wann ich einen Arzt  sehe. Keine fünf Minuten später kommt ein Arzt, ein Vertretungsarzt, kurioserweise ein Onkologe, den ich schon vor zwei Wochen hatte. „Sie haben eine beidseitige Lungenembolie, wir müssen sie zur Beobachtung hierbehalten.“  „Und wo soll ich hin?“ frage ich. „Das regeln wir irgendwie.“

22:20     Eine Krankenschwester, Christiane und ich erreichen das Behelfszimmer. Hier darf ich meine allererste Nacht im Krankenhaus verbringen. Nachdem ich mich einigermaßen eingerichtet habe verabschiedet sich Christiane. Es war auch für sie ein langer Abend.

Wie geht es weiter? Fortsetzung morgen.


Donnerstag, 13. April 2017


Tag 14/4

Und schon wieder so viel Zeit vergangen. „Schreibst Du eigentlich noch?“ wurde ich schon einmal gefragt. Es gehört vermutlich zu den Eigenheiten eines Schreibunterfangens, dass sich Phasen äußersten Mitteilungsbedürfnis mit Phasen der Stille abwechseln. Nun, jetzt schreibe ich halt doch wieder.

Körperlich geht es mir nicht so klasse. Die zahlreichen Nebenwirkungen der letzten Wochen setzen mir deutlich zu. Kopfschmerzen, Schwindel, Nasenbluten und und und… Was mich ehrlich ein wenig erschrocken hat ist meine Kurzatmigkeit. Mein Arbeitsplatz liegt im dritten Stock – wenn ich angekommen bin, muss ich nach Luft jappen und etwas drückt schwer auf meine Brust. Das ist neu und das mag ich gar nicht. Schlafen kann ich auch nicht mehr so richtig. Nach drei Stunden wache ich auf – und wechsele dann in einen Intervallschlaf: Drei weitere Stunden bleiben mir dann, in denen ich ungefähr alle Stunde einmal aufwache. Das hat natürlich Folgen.

Meine Ärztin meinte: „Herr Wartisch, sie machen doch alles gut mit. Die Nebenwirkungen sind normal. Andere Patienten haben ganz andere Schwierigkeiten und mussten ihre Therapien schon unterbrechen.“ Ach, schlimmer geht also auch? Dann geht es mir doch noch gold – in diesem Szenario.

Psychisch? Die Seelenkräfte sind mindestens ebenso erschöpft. Seit vier Monaten herrscht in meiner Seele absoluter Kampf. Dabei wurde mir bewusst, dass ich innerhalb von jetzt auf gleich in ein komplett neues Setting wechseln musste: Aus „Gesund“ in „Sehr krank“. Das selbstbestimmte Leben wechselte in ein Patientendasein. Und das für unabsehbare Zeit.

Wie gewinne ich meine Freiheit wieder? Freiheit innerhalb meiner Lebensumstände?

Jedenfalls ist der erste Teil der Therapie jetzt erst einmal durch. Die Einleitungsphase der Chemotherapie liegt hinter mir, jetzt kommt als nächstes: Stammzellenentnahme und – tusch – HOCHDOSISTHERAPIE. Das klingt bedrohlich. Das klingt nach „Ich will das nicht.“ Das klingt nach „Da musst du nun durch“. ES GIBT KEINEN WEG DRUMHERUM.

Am letzten Montag (10.4.) saß mir ein Vertretungsarzt gegenüber, der mir das weitere Verfahren erläuterte und dankenswerterweise auch aufschrieb. Mit dürren, tonlosen Worten beschrieb er den Weg von der Stammzellentnahme bis zur Hochdosistherapie, gab mir meine Blutwerte in die Hand, hätte auch einiges anders gemacht als die mich betreuende Ärztin, malte ein Szenario nach der Hochdosistherapie auf, fragte nach Rezepten… Das mag sein Stil sein, ich war jedenfalls platt. Auch wenn er Erforderliches, Unausweichliches beschrieb – ich habe seither einiges zu verdauen. Irgendwie fühle ich mich seitdem aus den letzten Bahnen geworfen, die mich noch in der Sphäre des Normalen hielten.

Und dann wieder diese Geschichten. Im „idea-spektrum“ wird ein Arzt vorgestellt, der dieselbe Krankheit in etwa demselben Alter wie ich bekommen hat. Auch beim ihm begann es mit plötzlich eintretenden Schmerzen, die er erst für lästig, aber harmlos gehalten hat. Und der freimütig erzählt, wie er sein Testament gemacht hat. Seinen Job als Klinikleiter hat er krankheitsbedingt quittiert.

Ich scheue solche Stories. Welche Unterschiede gibt es? Wenn er von 4-7 Jahren redet, die ihm noch bleiben, gilt das auch für mich? Nein? Ja? Muss ich auch irgendwann krankheitsbedingt mit dem Erwerbsleben aufhören? So abgesichert wie ein gut verdienender Klinikleiter bin ich nicht. Ich habe seitdem wieder Stoff zum Grübeln – also genau das, was ich gerne vermeiden will.

Auf die Frage, ob er für Heilung betet, antwortete er: „Nein. Diese Krankheit ist nicht heilbar.“ Richtig, es gibt derzeit für MM keine medizinische Heilung. Er aber betet dafür, dass Gott ihn in dieser Zeit durchträgt. Ich sehe das ähnlich. Klar sehne ich mich nach kompletter Heilung, aber andererseits sehne ich mehr noch nach der Gegenwart Gottes. Was ist die Wahl?

Er sagte dem „idea-Spektrum“ auch: „Manche Christen meinen, Gebet sei als wenn man eine Münze in eine Musikbox schmeißt, damit dann die eigene Musik gespielt wird.“ Da mag etwas Wahres dran sein. Gebet ist aber auch der Schrei einer Seele, die sich verlassen fühlt, nach der Gegenwart Gottes. „Wie ein Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele zu dir, mein Gott“ heißt es in den Psalmen. ICH SCHREIE! Und wo ich nicht mehr schreien kann, schreien andere für mich.

Viele Christen sagen: „Ich bete für dich.“ Und ich weiß, dass sie das sehr ernst nehmen. Das bedeutet mir viel und ich danke allen, die in dieser Zeit für meine Frau, meine Kinder und für mich beten. Wir werden noch mehr Gebet brauchen, denn die Wegstrecke ist noch lang, die vor uns liegt.

Jetzt komme ich in eine Ruhephase, die bis zum 24.4. anhalten wird. Der Körper muss sich etwas regenerieren, dann folgt die Stammzellenanregung stationär im UKE. Dann wird man weitersehen.

Alles Gute, Alsterstewart

PS: Bald mehr.


Sonntag, 2. April 2017


Tag 2/4

Nanu? Schon lange nichts mehr geschrieben? Ist was passiert? Ist nichts passiert?

Ehrlich gesagt: Auch über die letzte Zeit zu schreiben ist Lust- und Launesache. Tatsächlich passiert manchmal gar nichts, mal habe ich keine Lust, über die Krankheit und ihre Begleitumstände zu schreiben und dann fehlt auch zuweilen die Inspiration für einen Text. Aber diesmal, bei Sonnenschein und milden Temperaturen schreibe ich doch ein paar Zeilen.

Vielleicht ein körperliches Zwischen-Resümmee?

In der Regel kämpfe ich mehr mit den Nebenwirkungen der Chemotherapie als mit der Krankheit selbst. Die Blutdruckprobleme sind geblieben, also nehme ich nun die doppelte Dosis des Medikaments dagegen. Die Folgewirkungen sind dann ein schwächer werdender Geschmack, ein trockener Reizhusten und die Sorge, ob das hält. Das Kortison macht mir Beschwerden und sorgt bei mir für eine rote Birne oberhalb des Halses. Manche finden das toll („warst wohl in der Sonne“). Meine Schwiegermutter fand, dass ich nun endlich nicht mehr so eingefallene Wangen habe (sie meint das Kortison-Mondgesicht, ggf. googeln). Die Durchschlafstörungen sind geblieben, wenn ich mal vier Stunden am Stück schlafe, bin ich schon zufrieden. Maximal komme ich auf sechseinhalb Stunden, meistens auf fünfeinhalb (Wachphasen mitgerechnet). Leider blutet die linke Nase beständig, was vom Aspirin kommen soll. Dann noch zitternde Hände, langsames Gehen, mal ein Kribbeln links, eine schmerzende Sehne rechts…. Ja, so in etwa fühlt es sich an.

Seelisch? Hmn, drunter und drüber. Auf jeden Fall kann es launisch werden und die Stimmung von einem auf den anderen Moment kippen. Auch das hat mit Medikamenten zu tun  - aber sicherlich nicht nur.

Gibt es denn auch Positives? Auf jeden Fall. Die Schmerzen im linken Schulterblatt (die Mikrobrüche made by Herrn K) sind deutlich reduziert bis kaum mehr spürbar. Und für einen MM-Kranken sind meine Blutwerte recht gut (das sagt meine Ärztin jedes Mal, wenn sie mir diese überreicht). Die Muskelverspannungen auf der rechten Seite, die mit der linken Schulter korrespondierten, sind auf ein erträgliches bis minimales Maß zurückgegangen.

Heute bin ich wieder mal Auto gefahren. Ich legte den Rückwärtsgang ein, fuhr aus meiner Parklücke heraus, legte den ersten Gang ein und fuhr los. Da war plötzlich etwas anders als in den letzten Wochen. Was war denn das bloß? Ach ja: Ich konnte BESCHWERDEFREI beide Gänge einlegen. Das war mir zuletzt im November vergönnt. Diese kleine Begebenheit heute mag illustrieren, warum mir die Grunderkrankung aus dem Bewusstsein rückt.




Und gerade das ist das Tückische an MM. Man merkt den Krebs nicht. In den meisten Fällen wird er erst entdeckt, wenn er Schmerzen bereitet – so wie bei mir im Schulterblatt. Gedanke: Das ist wohl bei vielen (allen?) Krebsarten so.

An Tagen wie heute, aber auch in den letzten zweieinhalb Wochen, gerät die Krankheit aus dem Blickfeld. Und ich denke „So soll es bleiben“. Aber dann folgt gleich ein mächtiger, dumpf angeschlagener Akkord: „MM“. Nein, Herr K ist präsent.



Gedanken über das Ende

Die Bibel lehrt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90:12). Das Bewusstsein, dass dieses Leben einmal zu Ende geht, soll den Menschen nicht verloren gehen. An das Ende zu denken schärft die Frage, wo die Lebensprioritäten zu setzen sind ungemein. Durch die christliche Literatur der vergangenen Jahrhunderte taucht diese Frage immer wieder auf. Wir finden sie in den Regel des heiligen Benedikt im fünften Jahrhundert, in den Schriften des Thomas a Kempis aus dem 15. Jahrhundert und bei Jonathan Edwards in seinen Entscheidungen aus dem frühen 18. Jahrhundert. Viele kennen sicherlich noch andere Autoren, die sich aus christlicher Sicht mit dieser Frage auseinandergesetzt haben.

Was bedeutet es, wenn man auf dieses Ende hin zu lebt? Was bedeutet es, wenn das Ende dieses Lebens näher ist als man es sich ursprünglich gedacht hat?

Mir persönlich war immer klar: Der Tod gehört dazu. Aber bitte: Nicht so bald. Und dann kommt so eine ungebetene Krankheit um die Ecke  - und alles sieht anders aus. Das Leben kann ganz schnell zu Ende sein, viel eher, als ich es mir ausgemalt habe. Nicht „erst“ mit 75, 80, 85 oder 90 Jahren, sondern deutlich früher. Was müsste ich in meinem Leben jetzt ändern wenn ich mir bewusst bin, dass ich nur noch 5 oder 10 Jahre vor mir hätte?

Es kommen dann unangenehme Wahrheiten zu Tage. Mit wie viel trivialem Schund belaste ich mein Leben? Muss ich mir das alles geben, was sich mir als „wichtig“ aufdrängt? Wer oder was steuert mein Leben durch diese Zeit?

Diese Frage stelle ich mir jetzt. Das soll nicht heißen, dass ich vorhabe, in den nächsten 5 bis 10 Jahren das Zeitliche zu segnen, aber – im Ernst – rechnen muss ich damit. Und darin unterscheide ich mich im Grunde nicht von jedem anderen Menschen, der dies liest. Wir sind mitten im Leben doch vom Tod umgeben, nur haben wir den Gedanken an den Tod vertrieben und lenken uns ab. Ablenkungen sind an sich nicht schlimm, wir können und dürfen sie genießen. Aber ich lasse mir von ihnen nicht mehr vorschreiben, die Lebensprioritäten zu setzen.

Also klar: Etwas HSV geht immer. Etwas bis sehr viel Musik und Literatur gehört dazu. Aber ich beschließe für mich, dass ich nur noch das nehmen möchte, was mich aufbaut, was mir weiterhilft und was mein Leben bereichert. (Manche würden das beim Thema HSV bestreiten, na gut).



Wo sind die Prioritäten?

So leid es mir tut: In den Himmel mitnehmen kann ich nichts. Was ich mir wünsche ist, dass ich dort möglichst viele Menschen wiedersehe, die ich in diesem Leben bei mir hatte. Gottes Reich in dieser Welt besteht vor allem aus Beziehungen zu Menschen, dann erst  aus Weisheiten und Wissen. Bei mir stand bislang Weisheit und Wissen meistens vor den Beziehungen. Da lässt sich was ändern, n´est-ce pas?

Bill Hybels schreibt in seinem Buch „Einfach“, dass wir ein Vermächtnis hinterlassen sollen für die Menschen, die nach uns kommen. Was hinterlasse ich, wenn ich von dieser Welt gehe?

Ich lasse an dieser Stelle die Antworten einfach mal offen, mag jeder Leser selbst entscheiden, was dort einzusetzen ist. Sicher aber ist, dass ich diese Gedanken vertiefen werde.



Der Monatsspruch in den Losungen für den April 2017 lautet: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten. Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ (Lukas 24, 5-6). Das ist ein österlicher Vers. Jesus ist auferstanden und damit hat der Tod keine Macht mehr. Wenn man mich fragt, worauf ich hoffe, dann ist es das Leben mit Jesus. Mehr braucht es nicht, denn in Ihm ist alles.

Herzliche Grüße von Alsterstewart.














Freitag, 17. März 2017


 


 
Tag 8/3
Die Einleitungsphase ist nun deutlich in ihrer zweiten Hälfte angekommen. Im dritten Zyklus habe ich noch eine Infusion vor mir. Dann folgt bis Mitte April noch der vierte Zyklus, der ebenfalls zwei Infusionen haben wird.
Ab Mitte April dann: Mal sehen. Dann kommt irgendwann die Hochdosistherapie mit Stammzelltransplantation. Dann wird es sportlich.
Neulich wurde ich gefragt, wie denn so ein Chemotherapie-Raum aussieht. Also: Genauso wie auf dem Bild. Unspektakulär, nüchtern, vielleicht auch leicht abweisend.
Chemotherapiesessel, mittel bequem
Struktur
Das ist für mich ein Experiment: Die Rückkehr in den Alltag.
Jedenfalls habe ich festgestellt, dass mir ein stark strukturierter Alltag Halt und Mut gibt. Und deshalb bin ich diese Woche wieder regelmäßig zur Arbeit gegangen. Warum auch nicht? Am Dienstag musste ich mich sogar regelrecht daran erinnern, dass ich schwerkrank bin, so gut fühlte ich mich. Aber am Mittwoch hatte ich den Eindruck, als wenn die ganze Zeit jemand in meinem Kopf herumtrampelt und ihn mal nach links und mal nach rechts drückt. Seither ist wieder weitgehend Nebenwirkungsruhe, d.h. es ist erträglich.
Ich konnte sogar Auto fahren. Das spart unheimlich viel Zeit. Den ersten Gang kann ich noch nicht mit rechts einlegen, das führt unweigerlich zu starken Schmerzen im Oberarm. Aber die linke Hand kann unterstützen (ich nutze den ersten Gang nur zum Anfahren). Die Sitzposition habe ich verändert, jetzt passt alles.
Auch wenn ich lieber mit der U-Bahn unterwegs bin, so darf ich doch wieder etwas Freiheit genießen.
Freiheit? Das heißt für mich, auch die Krankheit mal zu vergessen.
Freiheit? Das heißt für mich, nach vorne zu denken.
Freiheit? Das heißt für mich, mir Ziele zu setzen.
Ich muss damit rechnen, dass mir die Tagesform immer ein Bein stellt. Mal gibt es da einen Krampf, mal Kopfdruck, mal ist mir schlecht. Der Blutdruck scheint sich zu regeln. Ich bin in diesem Alltag für alles dankbar, was mir an kleinen guten Dingen widerfährt. Den ganz großen Wurf will ich nicht aus dem Blickfeld verlieren. Aber jeder Tag ist neu.
Ich lerne, auch in ganz kleinen Abschnitten zu leben.
 
Veränderungen
Gehe ich aus der Krankheit hervor, wie ich in die Krankheit hineingegangen bin? Die Krankheit ist ein erheblicher Einschnitt in mein Leben, in das Leben meiner Frau, in das Leben meiner Kinder, meiner Familie, meines Umfeldes. Da sind Veränderungen immer dabei, auch bis in die Tiefe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich dort weitermache, wo ich vor der Krankheit gestanden habe. Aber was kommt?
Eigenartig: Ich sehe nur schattenhafte Umrisse vor mir. Der Nebel der Zukunft verhüllt, was mir vorschwebt. So bleiben meine Vorstellungen diffus, unsagbar, nicht zu formulieren.
Aber ich will mir Ziele setzen! Nur welche, das ist die Frage.
Gegoogelt
Heute fiel mir beim Googeln das  Thema „Lebenserwartung“ bei MM in die Hände. Ich kann nicht behaupten, dass es mich sonderlich optimistisch gestimmt hätte. Gerade gestern ist der Vater einer britischen Sängerin an MM gestorben, er wurde 63 Jahre alt und hat seit fünf Jahren gegen die Krankheit gekämpft. Das findet man, wenn man googelt. 63 Jahre, also etwa neun Jahre älter als ich.
Die Meldungen sagen nichts darüber aus, wie sich MM bei ihm bemerkbar gemacht hat, wie heftig es war, ob er Vorschädigungen hatte und welche Therapieformen er ausprobieren musste. Als Vater einer Prominenten dürfte es bei ihm an Geld nicht gemangelt haben, um sich auch teure Verfahren leisten zu können. Aber: MM ist nach meiner Einschätzung immer anders. Es kann bei mir ganz anders sein, muss und soll ganz anders sein. Natürlich! Doc ich spüre, dass da ein Leidensgenosse aus dem Leben genommen worden ist. Ein Menetekel? Ach was. Oder doch?

Nichts ist selbstverständlich
Wir meinen, dass unser Leben selbstverständlich ist und dass es immer so weitergeht. Unterhalte ich mich mit anderen über ihre Jahresplanung, dann kommen diverse Sachen der nächsten Monate zur Sprache: Urlaub, neues Auto, neues dies und das, Karriere, Hobbys usw.. Und ich finde das vollkommen in Ordnung. Gerne möchte ich mitreden. Doch nun höre und sehe ich das alles wie durch eine Glasscheibe: Bild und Ton sind gedämpft, mein Zugang zu dieser Welt ist indirekter geworden.
Aber: Was wir heute für selbstverständlich halten, kann uns morgen schon genommen werden.
Urlaub? Pustekuchen. Ist gestrichen.
Neues Auto? Nicht mehr zu finanzieren.
Karriere? Werde erst mal gesund.
Wie gehen wir damit um, wenn die Selbstverständlichkeiten entfallen und der Lebensplan umgeworfen wird? „Ja, Sie haben Krebs.“ – und alles, was selbstverständlich war, gilt nicht mehr viel.
 
Liebe Grüße, Alsterstewart


Samstag, 11. März 2017


Tag 2/3

Der dritte Zyklus hat nun angefangen. Ich bin natürlich gespannt, wie diese drei Wochen nun laufen werden. Der Start war wie gewohnt gut: Kaum Schmerzen, etwas Euphorie und natürlich auch Gedanken, wie das mit dem Blutdruck weitergeht. Dabei bin ich durchaus hoffnungsvoll, was die generelle Veträglichkeit angeht. Das wird schon, sage ich mir. Immerhin: Aktuell sind die Blutwerte sehr gut, was auch heißt, dass sich der Krebs wenigstens nicht ausbreitet.

Natürlich wollte ich auch wissen, wie es nach dem vierten Zyklus weitergeht. Aber das ist derzeit noch Nebel. Ende April / Anfang Mai werden Stammzellen gesammelt – und dann folgt irgendwann die Hochdosistherapie. Ein schreckliches Wort, das allerdings seinen Schrecken verliert wenn ich darüber nachdenke, wozu diese Form der Therapie gedacht ist: Hinaus mit dem bösen Zeug, das mich ruinieren will.

Wozu und warum?

Der Heimgarten

Über dem Ort Ohlstadt, einer kleinen Gemeinde in Oberbayern, kurz vor Garmisch-Partenkirchen, aber noch im Alpenvorland, erhebt sich der Berg, der „Heimgarten“ heißt. Das ist kein schneebedeckter majestätischer Berg, sondern ein dichter Wald, über dem ein Felsengipfel thront. Der Heimgarten trennt mit seinen knapp 1800 Metern Höhe das westlich gelegene Loisachtal, an dem auch Ohlstadt liegt, vom östlich gelegenen Walchensee ab. Über einen Gratweg ist der Heimgarten mit dem Herzogstand verbunden, dessen Gipfel man mit einer Seilbahn von Kochel am See erreichen kann. Der Heimgarten ist gut zu besteigen über Waldwege, die nach meiner Erinnerung von Ohlstadt und Eschenlohe am besten hinaufführen.
Der Heimgarten

1982 war mein Heimgarten-Jahr. Meine Eltern, mein Bruder und ich waren in Ohlstadt im Sommerurlaub. Mit uns zwei Familien: Eine Nachbarsfamilie aus Hamburg und eine dritte Familie, ebenfalls aus Hamburg. Und meine Mutter, mein Bruder und ich beschlossen, gemeinsam mit diesen Berg Heimgarten zu ersteigen. Bald war eine Reisegruppe aufgetan: wir drei, der Vater eines Freundes von mir und eine dreiköpfige Familie, die auch aus Hamburg war. So ging es los. Lustigerweise waren Wartischs nicht mit Rucksäcken unterwegs, sondern mit Einkaufstaschen, in denen wir den Proviant eingepackt hatten. Aber das Schuhwerk stimmte soweit.

Zuerst ging es gemäßigt steil den Waldweg hinauf. Die Hitze des Tages konnten wir durch den reichen Schatten der Bäume aushalten. Je weiter wir hinaufkamen, desto kühler wurde es ohnehin.

Aber bald wurde aus dem gemäßigt steilem Aufstieg ein richtig steiler Aufstieg. Jedenfalls in meiner Erinnerung hatten wir mitunter Steigungswinkel von ca. 45 Grad zu bewältigen. Wir kamen immer langsamer voran, die Pausen wurden öfter, das Luftschnappen mühsamer, das Schwitzen heftiger und dann die Frage: Warum das alles? Sollen wir umkehren? Was nützt die Quälerei? Dazu hatte der Vater meines Freundes, nennen wir ihn Heinz, 55 Jahre alt, ein deutliches Kräfteproblem. Er jammerte andauern „O Gott, o Gott, o Gott – ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr:“ Das korrespondierte ganz gut mit dem viergeknoteten Taschentuch, das er sich als Kopfschutz über sein schütteres Haupthaar gelegt hatte und dem darunter erkennnbaren hochroten Kopf. Heinz war fertig. Und aus der dritten Familie, alles erfahrene Wanderer, wurde sich um ihn gekümmert – großartig. „Komm Heinz, wir gehen den Weg zusammen.“

Als wir aus der Nadelwaldzone in die Zone kamen, in der auf dem Berg nur noch Flechten und Moose wuchsen, zerstreute sich die Gruppe allmählich. Mein Bruder Lutz erklomm im Affenzahn mühelos jede Steigung. Er war damals erst 12. Dann folgte aus der dritten Familie deren Sohn, 17 Jahre. Und mit etwas Abstand kam ich als dritter. Weit unter mir waren die vier Erwachsenen: Meine Mutter, Heinz und Vater und Mutter der dritten Familie.

Nach endloser Zeit wurde der Weg, der nun in Serpentinen hinaufführte, wieder etwas flacher, zudem gab es nun noch wenige Pflanzen, es überwog nackter Fels. Über mir sah ich einen Bergrücken, der mir die Sicht auf den Gipfel nahm. Auch ich war leicht entkräftet und wünschte mir nichts sehnlicher als diese Wanderung endlich zu Ende zu bringen.

ABER DANN: Der Bergrücken war erstiegen – und mir eröffnete sich ein atemberaubendes Bild. Weit unter mir konnte ich nun den Walchensee bläulich schimmernd erblicken. Aber noch mehr: Der Blick nach Süden eröffnete mir ein gewaltiges Alpenpanorama. Auch dies schimmerte bläulich. Eine Fernsicht, die es in sich hatte. Die Zugspitze war gut zu erkennen, aber auch die österreichischen Alpen. Man sagte mir später, dass sogar der Großglockner zu erkennen gewesen sei. Ob das tatsächlich so war? Jedenfalls: Ich sah die Alpen in ihrer Majestät. Als ich den Blick nach Norden wandte: Schau an, da lief Lutz strebsam dem Heimgarten-Gipfel zu. Der 12jährige Junge aus Hamburg, ohne jede Wandererfahrung, aber mit Biss und Zielorientierung. Mit einem Mal donnerte es unter mir: Da flogen drei Kampfflugzeuge der Luftwaffe 500 Meter unter mir durch das Walchenseetal. „Ich stehe über fliegenden Flugzeugen“ schoss es mir durch den Kopf. Und dann berauschte ich mir nochmals am Alpenpanorama. Ich war hin und weg, allein dafür hatten sich die Strapazen gelohnt.

Heimgartenpanorama


So gestärkt ging ich die sanfte Steigung zum Heimgartengipfel. Dies war nun ein Gratweg, der an der östlichen Seite des Bergs entlanglief. Und kaum 30 Minuten später war ich am Ziel: Der Gipfel des Heimgartens war meiner. Lutz wartete lachend am Gipfelkreuz.




Ich jappte dennoch nach Luft. Vom Gipfel blickte ich umher: Das Panorama war immer noch da, nun sah ich auch den benachbarten Herzogstand mitsamt Seilbahn, darunter den Ort Kochel am See, ebenso den Walchensee und den Kochelsee. Westlich erblickte ich Ohlstadt, von wo aus wir gestartet waren, ebenso Eschenlohe und in Entfernung auch die Gemeinde Murnau am Staffelsee. Selbst Garmisch-Partenkirchen war auszumachen und – in einiger Entfernung nördlich – der Starnbergersee.

Mich interessierte dabei der Weg, den wir von Ohlstadt aus zurückgelegt hatten. Jede kleine Steigung, jeder Baum, der auf dem Weg lag, jedes Geröll, jeder kleine Wasserlauf, einfach alles. Fliegen umschwirrten mich am Gipfel zu Tausenden, als mir klar wurde: Es hat sich gelohnt, hier hochzuwandern. Es hat sich gelohnt.

Die vier Erwachsenen kamen etwa eine Viertelstunde später: Meine Mutter, die Eltern der dritten Familie – und auch Heinz hatte es endlich geschafft. So saßen wir bei „Skiwasser“ (so hieß die wässrige Limonade in der Gipfelstube) und von Abertausenden Fliegen belagert, den Schweiß trocknend, die Füße massierend, die Sonne genießend in der kühlen Gipfelluft. Wir hatten ja noch den Rückweg.


Warum erzähle ich das?

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind.“ – Römer 8:28

Viele Christen mögen diesen Vers, ich gehöre dazu. Ich lese gerade von Timothy Keller das Buch „Gott im Leid begegnen – Walking with God through pain and suffering“. Da kommt er ebenfalls auf eine Bergwanderung zu sprechen und vergleicht sie mit dem Leben. Wenn wir den Gipfel erreicht haben, übersehen wir den Weg, den wir zurückgelegt haben, erinnern uns an Strapazen und Hindernisse und können all das in unsere Wanderung einfügen. Es hatte alles Sinn, jetzt, da wir auf dem Gipfel stehen. Nur von unten, als wir noch auf dem Weg waren, war der Sinn oft dunkel, verborgen, geheimnisvoll. Aber selbst in der Verborgenheit des Sinnes, wenn Gott uns verborgen scheint, bleibt Seine Hand stets über uns. Und die Strecke, die wir Zeit unseres Lebens gehen, wird uns erst dann in ihrem Sinn, ihrem Gehalt, ihrem Wert klar, wenn wir oben sind: Auf dem Gipfel.

Wir dürfen jammern wie Heinz – wenn wir Menschen auf dem Weg haben, die uns weiterhelfen, wenn wir uns auf Gott verlassen, dann erreichen wir das Ziel. Und wir dürfen strebsam und zielorientiert sein wie Lutz, dann verlieren wir den Sinn unserer Wanderung nie.
Gott hat unser Leben in der Hand. Nicht mehr und nicht weniger. Und in Gott findet unser Leben seinen tieferen Sinn, seine tiefere Bedeutung und seine tiefsten Frieden.

Darum also diese Geschichte.

Alles Gute, Alsterstewart.

PS: Gerade habe ich gelernt, dass der Aufstieg zum Heimgarten im Jahre 1879 für den damals 15jährigen Richard Strauss die Inspiration für seine spätere "Alpensymphonie" gewesen ist.














Freitag, 3. März 2017


Tag 15/2

Eine harte Woche liegt hinter mir. Wie bereits am Sonnabend geschrieben, habe ich Blutdruckprobleme. Mir war das bislang neu, die Frage ist: Kommt der zu hohe Blutdruck durch die Therapie – oder ist er eine Folge der Therapie? Einerlei.



Der Druck

Dabei kann ich gar nicht so richtig sagen, wie sich das anfühlt: Hoher Blutdruck mit 180 zu irgendwas. Mal versuchen: Erst steigt so ein Unwohlsein die Wirbelsäule hoch, gleichzeitig wird die linke Herzseite ganz warm, sticht dann leicht, dann kribbelt es v.a. auf der linken Seite, schließlich kommt ein linder Schmerz aus der Mitte des Kopfes und greift mir von innen an die Nasenwurzel. Denken geht noch – aber nicht mehr klar. Denn zeitgleich mit diesen Phänomenen kommt von unten aus dem Bauchraum ein beklemmendes Angstgefühl und schleicht sich allmählich nach oben in den Hals.

So ein Anfall dauerte bei mir rund 1-3 Stunden, je nach Lust und Laune. Irgendwann war er dann vorbei, der Spuk und verzog sich wie ein zäher roter Nebel. Aber dabei war mir bewusst, dass er bald wiederkommen wird.

Nun hatte man mir Tabletten gegeben, die den Druck senken sollten. Sorry, entweder musste sich das noch einspielen oder die Dosis war 2,5 mg Ramipril zu niedrig: Eine Wirkung konnte ich nicht feststellen. So war das ganze letzte Wochenende bis einschließlich Montag ein Wechsel zwischen Bluthochdruckanfall und kurzer Entspannung.

Am Montag sagte meine Ärztin, dass nun die Tablettendosis verdoppelt wird. Ab sofort 5 mg Ramipril. Das Zeugs wird übrigens über die Niere ausgeschieden, das bedeutet viel für einen MM-Patienten, der auf seine Nierenwerte aufpassen muss.

Flugs die doppelte Portion genommen – und die Anfälle von Bluthochdruck kamen nur ansatzweise. Aber nicht so flugs. Es war irgendwie wie ein Jo-Jo: Es wird nach oben gezogen, nach unten gelassen und pendelt dann zwischen unten und oben erstmal hin und her. Und dieses „hin und her“ war mein Alltag am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Es schauerte mich, es krampfte mich, es würgte mich, es hustete mich, es schwindelte mich, es bedrängte mich.




Bluthochdruck ist schlimm. Und den Druck dann nach unten senken ist auch schlimm.

Den Teufel mit Beelzebub austreiben – das kam mir in den Sinn.

Auf der anderen Seite: Der Körper kann sich doch auch daran gewöhnen. Warum nicht bei mir?

Das Problematische daran ist ja, dass ich mich mehr auf die Nebenwirkungen der Therapie konzentriere als auf die Hauptsache der Therapie. Das Ziel ist ja nicht, den Druck in den Griff zu bekommen, sondern MM zurückzudrängen, möglichst WEIT WEG. Und dieses Ziel kann und darf nicht aus den Augen verloren werden.

Und nun?

Heute ist der erste Tag seit Mittwoch letzter Woche, an dem ich wieder einigermaßen klar bin. Zwar fühle ich mich immer noch leicht benommen, aber die Schmerzen im Kopf sind weg, die Anfälle sind ausgeblieben, die Angstattacken auch. Also eigentlich: Ein guter Tag, sieht man von Kleinigkeiten ab.

Ich lerne, mit Kleinigkeiten zufrieden zu sein. Ein klarer Tag – das ist schon sehr viel. Morgen kann es wieder ganz anders aussehen. Nichts im Leben ist selbstverständlich.


Sorgt nicht für morgen

Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. (Matthäus 6:34).

Ich bin gut im Sorgenmachen. Und seitdem ich Christ bin, denke ich über diesen Vers nach. Mir fällt es nicht leicht, mir keine Sorgen zu machen. Es gibt so vieles, was mich bewegt, so vieles, was mich bedrückt -  und so vieles, das sich bedrohlich in mein Leben einschleichen will. Oft verscheuche ich diese trüben Gedanken mit dem Wort „Sorgt nicht für morgen“ und „Gott gibt euch das Nötige hinzu“. Aber wirklich? Ist das nicht nur Illusion? Frommes Geschwätz?

In der Einsicht, dass es im Leben keine Selbstverständlichkeiten gibt, liegt ein Schlüssel meiner Lektion: Denn wenn es keine Selbstverständlichkeiten mehr gibt, dann gibt es nur noch Chaos ab morgen – oder Gnade, die auf mich wartet. Dem Chaos von morgen habe ich abgeschworen, als Gott mich durch Jesus in Sein Reich nahm. Also bleibt: Die Gnade, die auf mich wartet. Und wie diese Gnade aussieht, darin liegt das Spannende im Glauben. Aber wenn Jesus hier sagt: „Sorgt nicht für morgen“ – dann heißt das für mich: Auch morgen liegt mein Leben in Gottes Hand, und Gottes Hand verheißt mir Seine Gnade.

Wie sieht die Gnade morgen aus? Das weiß ich, wenn morgen ist.  Heute war die Gnade ein klarer Tag ohne Anfälle.


Alles Gute, Alsterstewart