Sonntag, 28. Mai 2017


28. Mai 2017

Heute Morgen ist es passiert: Die Sonne schien durchs Fenster, eine Brise mild-warmer Frühlingsluft wehte ins Zimmer hinein, die Vögel sangen, meine Krankheit war wie weggeblasen. Ich krank? Schwer vorstellbar. Also: Wie will ich den Tag gestalten?

In tiefstem Frieden und voller angenehmer Gedanken strich ich mir über den Kopf – da rieselte es Haare. Nicht eines, nicht zwei, nicht drei – nein: ein ganzer Schauer meiner Haare fiel vor meinen Augen hernieder.  Ich hielt es für eine Täuschung. Also zog ich leicht an meinem Haupthaar – und hielt ein kleines Büschel meiner Haare zwischen den Fingern. Im Badezimmer dann folgte die Gewissheit: Aus dem Spiegel blickte mich ein ausdruckloses Gesicht unter sichtlich dünnem Haar an. Und im Waschbecken versammelten sich lauter funktionslos gewordene Haare, die sich von meinem Kopf für immer verabschiedet hatten.

Also doch: Die Haare fallen mir jetzt aus. Darauf war ich vorbereitet, dass es irgendwann passiert. Aber warum jetzt? Warum jetzt? Und trotz Vorbereitung: Nein, das ist auch für mich kein schöner Gedanke, demnächst als Skinhead durchs Leben zu gehen. Mist. Auf der anderen Seite: Dies ist eine der Nebenwirkungen der Chemotherapie, die vor gut zwei Wochen im UKE gestartet worden ist und derentwegen ich vier Tage dortselbst verbringen musste. Es gibt keinen Weg drumherum, auch da muss ich nun durch – und mit mir alle, die mich noch mit Haaren kennen gelernt haben.

Meine Konsequenz: Ich lasse mir sobald als möglich alle Haupthaare beim Friseur abrasieren – dann entsteht die Glatze halt gleichmäßig. Dieses allmähliche Ausfallen über Tage oder Wochen hinweg ist nicht mein Fall.

Wie war die Woche?

Seit letzten Sonnabend habe ich mir Mobilisierungsspritzen gesetzt, die die Produktion uns das Ausschwemmen von Stammzellen in das Blut bewirken sollen. Dies ist wichtig für die Stammzellensammlung, die wiederum für meine weitere Therapie erforderlich ist. Also spritzte ich fröhlich und erwartete den Termin am Mittwoch, 24. Mai, an dem ich meine Zellen endlich abgeben sollte.

Dienstag hatte ich dann den ganzen Tag über schreckliche Rückenschmerzen. Eigenartig: Sie zogen aus dem unteren Lendenbereich beidseitig die Wirbelsäule empor und pochten dann von hinten in meinen Schädel. Sie fühlten sich sogar in etwa wie Stromstöße an. Nichts half dagegen. Bei jedem Schritt pochte es schmerzhaft, wenn ich mich hinsetzte waren die Schmerzen da, selbst im Liegen waren sie unangenehm zu spüren. Was um alles in der Welt ist das? Christiane und ich erwogen abends sogar schon den Notarzt zu holen. Ein gebrochener Wirbel vielleicht? Oder irgendetwas anderes Schlimmes? Wir beschlossen, die Nacht abzuwarten.

Mittwoch war ich also im UKE zum Stammzellensammeltermin. Die Ärztin dort inteviewte mich vor der Prozedur. „Gibt es etwas Besonderes?“ fragte sie. „Och, ich bin leicht angespannt“ erwiderte ich. „Ah ja, haben sie etwas im Körper gespürt, vielleicht Rückenschmerzen?“ wurde ich gefragt. „Ja, gestern den ganzen durch“ war meine Antwort. – Da schaute mich die Ärztin mit einem befriedigten Gesichtsausdruck an und sagte: „Das ist ein gutes Zeichen. Dann hat die Stammzellenproduktion begonnen.“ Mit anderen Worten: Die gestrigen Schmerzen waren nicht unheimlich, sondern gehörten zur Behandlung dazu.

Also wurde ich an Geräte angeschlossen, die Bluttests waren  OK – und dann lag ich fünfeinhalb Stunden auf einem Bett im UKE: In beiden Armen waren Venen angepiekt worden und mit Schläuchen an eine Zentrifuge angeschlossen. Auf der einen Seite floss mein Blut in die Zentrifuge, auf der anderen Seite wurde es mir wieder in die Adern gepumpt. Die Zentrifuge arbeitete (Geräusch wie eine Waschmaschine) und sammelte die Stammzellen aus meinem Blut.

Als ich endlich fertig war, wurde mir noch durch eine Ärztin eröffnet: „Wir schauen mal nach, ob wir nun genug Stammzellen haben. Wir rufen sie nachher an, ob sie morgen noch einmal kommen müssen.“ Wenn es sein muss, komme ich halt am Donnerstag wieder. Doch schon eine Stunde später erhielt ich die erlösende Nachricht: „Genug Stammzellen gesammelt, sie brauchen nicht mehr wiederzukommen.“ Uff.

Gedanken über Nebenwirkungen

Die Beschäftigung mit den Nebenwirkungen der Chemotherapie lenkt von der Grunderkrankung ab. Wenn die Nebenwirkungen stark sind, denke ich kaum an den Krebs. Lassen sie nach, kommt er wieder ins Bewusstsein. Bin ich komplett beschwerdefrei (auch das kam in den letzten Monaten an einer Handvoll Tagen vor), muss ich mir die Krankheit ins Gedächtnis rufen.

Nebenwirkungen der letzten Monate: Schlafstörungen, nächtlicher Harndrang, Gesichtsrötung, Fußschmerzen, Geschmacksverlust, Verstopfungen, Schwindel, Appetitverlust, Kopfschmerzen, Gangunsicherheit, Nachtschweiß, Übelkeit, Stimmungsschwankungen, Fatigue, Thrombose mit Lungenembolie, Haarausfall…..

Mal gespannt, was da noch kommt.



Wie lange noch HERR (Psalm 13:2)



Liebe Grüße, Alsterstewart


Freitag, 19. Mai 2017


Aus dem Krankenhaus

Die letzten Tage waren turbulent. Am Donnerstag, den 11. Mai, bin ich ins Krankenhaus gekommen. Warum? Weil meine Stammzellen „mobilisiert“ werden sollen. Dies dient der späteren Stammzellentnahme und der noch späteren Stammzelltransplantation. Ich erhalte also meine Stammzellen wieder. Um diesen Vorgang einzuleiten, musste ich mich einer Chemotherapie unterziehen, die die Stammzellen mobilisiert. Damit war ein Krankenhausaufenthalt bis einschließlich Montag, 15. Mai erforderlich. Seither erhole ich mich allmählich von dieser Zeit.

Die ersten fünf Tage Krankenhaus also. Ich werde darauf später noch eingehen – hier nur so viel: Es war eine intensive, aber auch harte Zeit, die ich dort verbracht habe. Und ich bin mir mehr als bewusst, dass die richtig schwierige Zeit erst noch kommt: Ab Mitte Juni werde ich wieder dort sein, dann allerdings nicht nur für fünf Tage, sondern für insgesamt drei Wochen. Oha.

Dennoch hier einiger in Kürze:

Donnerstag, 11.Mai

Komme um 10 Uhr an. Die ersten kleineren Untersuchungen und Interviews mit den Ärztinnen. Dazwischen viel Wartezeit. Sehr viel Wartezeit. Um 13 Uhr habe ich dann mein Zimmer. Ein freundlicher junger Mann aus Afghanistan als Zimmergenosse. Mir soll ein Venenkatheder gelegt werden für die Infusionen, dazu ist eine kleine OP erforderlich. Darauf soll ich warten. Essen ist verboten. Warten. 16 Uhr noch nichts passiert. 16.30 Uhr: Ich frage mal nach, wann die OP losgeht. „Das wissen wir nicht“ ist die Antwort. Ich habe Hunger und bin genervt. 16.45 Uhr: Jetzt geht es Schlag auf Schlag: „Sie kommen zur OP“. Im Krankenbett werde ich durchs UKE gefahren. OP in der Anästhesie. Lokale Betäubung. Dazu aber Sauerstoffmaske und Atmosphäre wie bei einer Groß-OP. Wo bin ich überhaupt? „Dies ist der Aufwachraum“. Betäubungsspritze in die rechte Oberkörperhälfte. Dann wird der Venenkatheder gelegt. Die OP-Ärztin ruckelt den Katheder hin und her. Ich habe Engegefühl, Erstickungsanfälle, Druckschmerzen. Das dauert Ewigkeiten. Wieder Ruckeln des Katheders. Dann ist sie fertig. Ärztin und Assistenten säubern den Platz und entfernen sich. Ich kann mich nicht bewegen. Liege in einer dunklen Ecke des Saales. Eine Stunde später: „Was wird aus mir?“ Es wird später geröntgt: „Der Katheder muss noch einmal bewegt werden“. Das passiert auch. Nach dreieinhalb Stunden werde ich wieder rausgefahren. Im Zimmer kurzes Abendessen, um 22 Uhr ist der Tag vorbei.

Freitag, 12 Mai

Unruhige Nacht. Arztvisite. Ich gehe dann zur Stammzellentnahme-Einführung. Dort erhalte ich eine Einweisung und Unterrichtung, was am Tag vor Himmelfahrt passieren soll. Danach Chemotherapie. Aus sechs Flaschen tropft es in meinen Körper durch den Venenkatheder. Der Blutdruck fällt. Dann Warten. Herrliches Wetter draußen, ich muss drinnen bleiben. Am Nachmittag kommt Besuch. Abends hat mein Zimmergenosse Besuch.

Sonnabend, 13. Mai

Ruhigere Nacht. Ich fange an, mich im UKE zu orientieren. Der Tagesablauf wird deutlicher. Frühstück. Arztvisite. Chemotherapie. Warten. Mittag. Warten. Dann mache ich einen kurzen Spaziergang über das UKE-Gelände. Besuch. Warten. Abend.

Sonntag, 14. Mai

Verstopfung. Übelkeit. Der Blutdruck fällt und fällt nach unten. Das kenne ich gar nicht, bisher hatte ich immer zu hohen Blutdruck. Chemo. Warten. Essen. Spaziergang. Warten. Abendessen. Mein Zimmergenosse hat wieder Besuch. Mir ist übel. Mir ist übel. Ich habe keinen Hunger mehr.

Montag, 15. Mai

Die Übelkeit hat sich zurückgezogen, die Verstopfung bleibt. Ich erhalte die letzte Infusion. Warten. Essen. Abschlussuntersuchung. Ich darf gehen.

Soweit die Tage im Krankenhaus im Telegrammstil. Das eine oder andere greife ich noch hier auf.



Im Raum der Stille
Raum der Stille


Am Sonnabendnachmittag bin ich in den Raum der Stille im UKE gegangen. Dort fand ich tatsächlich Ruhe und Zurückgezogenheit, um meine Situation vor Gott auszubreiten. Zu meiner Überraschung ist der Ort sogar dezidiert christlich gestaltet. Und ich war komplett allein dort.

Was bete ich dort? Was soll ich beten?

Ich kann hier nicht alles beschreiben, was sich dort abgespielt hat. Nur so viel: Ich stand mit meinem Leben direkt vor meinem Gott. Und Er sprach durch Sein Wort zu mir, das ich morgens gelesen hatte und das Er mir nun noch einmal ins Herz legte: „Zur selben Zeit werden die Berge von Most triefen und die Hügel von Milch fließen, und alle Bäche in Juda werden voll Wasser sein. Und es wird eine Quelle ausgehen vom Hause des HERRN, die wird das Tal Schittim bewässern“ (Joel 4:18).

Mir wurde klar, dass ich dieses Wort nehmen durfte als Zusage Gottes, dass Er mich nicht vergessen hat und dass meine Krankheit eben nicht das letzte Wort über mein Leben spricht. Im Gegenteil: Gott steht zu Seinem Wort und das gilt auch für mich. Ich darf mich darauf stellen, dass Jesus meine Zuflucht ist, dass Jesus meinen Schmerz und mein Leiden kennt, und dass Seine Zusage der Gnade und Liebe bestehen bleibt – selbst wenn die Zeit auch schwer ist. Am Ende steht die Herrlichkeit der Gnade und Liebe Gottes, dann werden die Berge meines Lebens voll Milche fließen und mein Leben voll lebendigen Wassers sein – weil die Quelle meines Lebens direkt vom Herrn selbst ist.

In dieser Gewissheit darf ich die kommenden Zeiten ansteuern. Am Ende setzt sich die Herrschaft Gottes in meinem Leben durch.

Dazu auch mehr an anderem Ort. Bis dahin herzliche Grüße, Alsterstewart




Mittwoch, 10. Mai 2017


Mittwoch, 10.05.2017

Morgen also geht es wieder ins Krankenhaus, diesmal aber geplant. Was soll da geschehen? Teil meiner Therapie ist das Sammeln von Stammzellen. Damit die Stammzellen gesammelt werden können ohne dass man im Knochenmark herumbohren muss, motiviert man das Knochenmark die Zellen in das Blut abzugeben. Das geht mit speziellen Medikamenten und das nennt man dann wieder „Chemo“. Ich gehe also morgen in die Stammzellenchemo. Nach ca. 11 Tagen werden dann die Stammzellen aus dem Blut entnommen, tiefstgefroren – um mir dann in einige Wochen zurückgegeben zu werden.

Es ist also ein tiefer Eingriff in mein Immunsystem und auch diesmal hoffe ich, dass alles nach Plan geht.

Aus den bisherigen Plänen bin ich ja schon einige Mal geflogen, seitdem ich Ostern meine Erkältung bekommen habe. Das Fieber verhinderte den planmäßigen Start in die Stammzellenchemo, danach stand die Lungenembolie dem in Wege. Nun also soll es mit zweieinhalbwöchiger Verzögerung losgehen.

Immerhin.



Ungeordnete Gedanken über Gestern und Heute

Leider macht sich bei mir eine gewisse Ungeduld bemerkbar. Wenn es nach mir ginge wäre ich mit dem ganzen Zinnober schon lange durch. Endlich alles hinter mir haben und zur Ordnung zurückkehren. Das ist doch kein Leben so, mit der Krankheit kämpfen bzw. sich dieser aussetzen. Statt dessen sehne ich mich danach, meinen Arbeitsplatz wieder einzunehmen und was zu schaffen. Diese ungeordneten Tage, Wochen, vielleicht Monate gehen mir auf die Nerven. Und da ich gerne rückschauend lebe, gedenke ich des Öfteren scheinbar sorgloser Tage der Vergangenheit. Damals, als die Welt noch in Ordnung schien. Damals, als die Krankheit noch nicht an die Tür geklopft hatte. Damals, als mein Vater noch lebte. Damals, als meine Großeltern noch lebten und ich mich als Kind behütet wusste. Ein schrecklicher Satz hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt:

„Nessun maggior dolore, che ricordarsi del tempo felice nella miseria.“ Auf Deutsch: Kein größerer Schmerz, als sich erinnern glücklich heiterer Zeit im Unglück.

Der Satz ist von Dante – und er spricht so tief in meine Seele, dass ich das italienische Orginal auswendig gelernt habe.

Aber der Satz ist eine Lüge, denn er glorifiziert die vergangenen Zeiten. Ja, es gibt in meinem Leben lange vergangene Zeiten, an die ich voller Dankbarkeit und gerne zurückdenke. Aber auch das Glück von gestern darf mein heute nicht überschatten. Statt dessen soll es mir Kraft geben, nicht Kraft rauben. Besser ist es, auch einen realistischen Blick auf das heute zu werfen. Und da habe ich nun einen zweiten Satz parat:

„Heute ist die gute alte Zeit von morgen.“ Der Satz ist von Karl Valentin.



Unter jedem Dach ein Ach

Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Menschen, die ihrem normalen Tagewerk nachgehen – und beneide sie darum. Aber ist das die richtige Perspektive? Jeder Mensch trägt sein Kreuz, unter jedem Dach ein Ach.

Dann erfahre ich, dass ein alter Bekannter in meinem Alter und in vergleichbarer Lebenssituation, zu dem ich mittlerweile kaum noch Kontakt habe, ebenfalls kürzlich an Krebs erkrankt ist. Auch wenn ich Selbsthilfegruppen und ähnliches meide erfahre ich durch solche Nachrichten, dass ich mit meinem Schicksal nicht allein bin. Es gibt andere Menschen, auch mit ähnlichen Rahmenbedingungen, die sich denselben Kämpfen wie ich ausgesetzt sehen.

Nein, ich habe kein Recht, andere Menschen zu beneiden. Wer glücklich ist, soll sich freuen. Wer traurig ist, soll getröstet werden.



Trost

Was machst du, wenn du hingefallen bist? Der Siegertyp sagt: Na klar, ich stehe wieder auf. Und da der Siegertyp gesellschaftlich erwünscht ist, sagen wir alle: „Wir stehen wieder auf.“ Daraus machen wir eine Regel: Wenn wir nur einmal mehr aufstehen als wir hingefallen sind, dann haben wir den Sieg sozusagen im Sack.

Sorry, ich fühle mich dadurch nicht angesprochen. Derzeit bin ich hingefallen und liege. Das Aufstehen und weitermachen ist nicht so einfach. Warum soll ich überhaupt aufstehen? Was soll mich motivieren, das gesellschaftlich Erwünschte zu tun und mich wieder in den Wettlauf des Lebens zu stürzen? Kann das Liegenbleiben auch eine Option sein?

Es geht nicht um Selbstmitleid. Es geht auch nicht um Selbstzerstörung. Es geht noch viel weniger um die Lust am Schmerz. Vielmehr geht es um die Frage nach dem Sinn. Die Frage nach dem Trost. Und dann, viel viel viel später erst, dann kann man die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, aufzustehen.

Bei Paulus lese ich im 2. Korinther 1, 5-6:

„Weil wir Christus gehören und ihm dienen, müssen wir viel leiden, aber in ebenso reichem Maße erfahren wir auch seine Hilfe. Deshalb kommt es euch zugute, wenn wir verfolgt werden, denn unser Leid dient zu eurer Ermutigung und Rettung. Und wenn wir getröstet werden, dann geschieht auch das zu eurem Besten. Es gibt euch Kraft, die gleichen Leiden wie wir geduldig zu ertragen.“

Derzeit liege ich in körperlicher Krankheit und in seelischem Schmerz. Aber ich erfahre auch Trost: Durch Christus, durch Sein Wort. Die Kraft, einen Sinn in all dem zu suchen, kommt nicht aus meiner retrospektiven Gedankenwelt, sondern aus dem Glauben an eben diesen Christus, der mir im Glauben Trost spendet. Wer den getrösteten Leidenden dann betrachtet, der wird zu der Erkenntnis gelangen, dass jedem, der glaubt, der Trost des Christus offen steht. Im Leid erst erfahren wir Trost und in der Betrachtung des Leides wird uns der eigene Trost zur Gewissheit: Gott lässt uns nicht allein. Niemals. Diese Gewissheit lässt uns Christen Leiden ertragen, die über das hinausgehen, was wir uns vorstellen können.

Und das, was die Gesellschaft als „erwünschtes Verhalten“ definiert – das kann uns mal. Wer Christus hat, dem ist Sein Trost wichtiger als alles, was in dieser Welt etwas gilt.

So, morgen geht es ins Krankenhaus. Getröstet, aber mit Zittern.

Alles Gute, Alsterstewart

Sonntag, 30. April 2017


Notfallambulanz, Teil 2: Im Krankenhaus



22:45    Meine erste Nacht im Krankenhaus. Die Gefühle tanzen im Kreis: Verwunderung, Erstaunen, Ekel, Schock, Apathie, Traurigkeit…. Alles durcheinander. Ich habe also eine Lungenembolie. Das habe ich gar nicht gemerkt. Thrombose vielleicht, aber Embolie? Die müssen sich bei der Diagnose geirrt haben. Na klar, das sind lauter Spezialisten, die falsche Diagnosen stellen. Geirrt. Keine Lungenembolie. Aber was dann….? Doch Lungenembolie.

Christiane hatte mir ja Sachen mitgebracht, aber die passen nicht in den winzigen Spind. Egal, in diesem Zimmer (noch dunkel) bleibe ich nur eine Nacht. Ich erhalte ein Nachthemd, das hinten offen ist und das ich deshalb nicht richtig schließen kann. Ein freundlicher Pfleger tüdelt mich an: Auf meinem Oberkörper sind Elektronen befestigt, die an ein Aufnahmegerät nun mit Kabeln angeschlossen werden. Ich erhalte ein Pulsmessgerät und eine Blutdruckmanschette, die sich alle 30 Minuten aufbläst. Die Daten erhält der Pfleger in seinen Kontrollraum. „Gute Nacht.“ Licht aus.

Mit mir im Zimmer ist ein älterer Mann, circa 70 Jahre alt, den wir Klaus nennen wollen. Er hat meinen Namen falsch verstanden und nennt mich „Helmut“. Ich bin noch so genervt, dass ich das nicht korrigiere. Dann eben „Helmut“. Das Spiel geht dann Licht an, Pfleger kommt, Klaus geht zum Klo, Licht aus, Licht an, Klaus kommt mit dem Pfleger wieder, legt sich hin, Licht aus. Das wiederholt sich in der Nacht circa 3 Mal. Auch Klaus ist ein Notfall gewesen, er lag im UKE von 9 Uhr morgens bis 22.00 In einem Bett auf dem Flur. Er hat ein besonderes Mitteilungsbedürfnis und textet mich zu. Dann schnarcht er. Ich (wohl) auch.

Die Nacht wechselt zwischen Wach- und Schlafphasen. Das geht alles so ineinander über. Manchmal fahren LKW direkt an unserem Zimmerfenster vorbei. Nein, das sind keine Träume, das passiert tatsächlich. Es gibt keine Vorhänge, die man zuziehen kann.

7:00       „Guten Morgen!“  - Zwei Krankenschwestern lassen sich blicken. „Wollen Sie einen Waschlappen und ein Handtuch zum Waschen?“ Ich erhebe mich aus wirren Träumen. Was? Waschen? Waschlappen? Ich wasche mit NIE mit einem Waschlappen, wen ich dusche. Es ist mir so schietegal, was die beiden wollen. Dabei schaue ich durch das jetzt helle Zimmer: Abgewetzte Wände, ein schmuckloser Spind und ein winziges Waschbecken mit einem Schemel davor. Ich raune unwirsch: „Legen sie man alles da hin. Wo kann ich aufs Klo gehen?“ „Hier den Gang hinunter, dann links.“ Die beiden trollen sich.

7.30       Mir ist alles wurscht. Aber: Ich will aufs Klo, bin aber noch an das Aufnahmegerät angeschlossen. Ich klingele nach einer Schwester. Als eine ältere Krankenschwester dann kommt, kann sich mich abtüdeln. Dabei sagt sie mir, dass gleich „Visite“ ist. Hier ist von 7.30 bis 8.00 Uhr Visite. Oh prima, dann warte ich bis 8.00 Uhr, dann kann mir einer sagen, wie es weitergeht.

8:10       Keine Visite ist gekommen. Mittlerweile habe ich mich notdürftig gewaschen. Klaus wartet auch und erzählt mir von seiner Arthrose. Ich starre an die Decke, dann raffe ich mich auf und humple durch die Gänge aufs Klo. Als ich wieder im Zimmer bin war immer noch kein Arzt zugegen. Also warten wir. Aber jetzt habe ich Durst! Ich habe ein Waschbecken, kann aber nur aus dem Hahn trinken? Ich klingele nach einer Schwester. Es erscheint wieder eine andere. „Haben sie vielleicht einen Trinkbecher für mich? Hier ist leider nichts.“ Sie kommt dann mit einem Plastikbecher und etwas Mineralwasser wieder. Meine Frage: „Gibt es hier auch Frühstück und etwas Kaffee?“ „Ja, so in einer halben bis einer dreiviertel Stunde.“ Also: Warten.

8.45       Ich starre an die Wände des unansehnlich-kargen Zimmers. Klaus ist jetzt auch mit Waschen durch. Vorher hat er mir an den Schultern gerüttelt: „Wir müssen noch warten“ sagt er dabei. Ah ja. Mir fällt Bernd das Brot ein: „Ich will hier weg!“



9.15       Ein junger Mann erscheint: „Frühstück“. Er bringt Kaffee (1 Tasse) und Brötchen (1 Stück) mit Butter und Marmelade. Gut, annehmbar, übersichtlich. Nach alter Facebook-Tradition fotografiere ich das ab.
Frühstück im gediegen-gemütlichen Ambiente. Stylisch.


9.45       Die nicht üppige Mahlzeit ist eingenommen. Ein junger Arzt kommt und eröffnet mir, dass ich gleich auf die Station verlegt werden soll. Gut, das auch noch. Dann eben so. Also packe ich meine Siebensachen zusammen und harre des Transports.

10.10    Klaus wird  vor mir verlegt. Ein Pfleger kommt und nimmt ihn samt Habe und allem mit. Er freut sich, endlich „auf Station“, da wäre es besser. Na dann, good luck.

10.15    Eine Schwester erscheint: Ist Herr O. verlegt? Ich sage ja. „Sie werden dann heute nach Hause gehen“ sagt sie mir dann. „Wie? Mir wurde eben noch gesagt, dass ich verlegt werden soll“ erwidere ich. „Nein, sie kommen nach Hause“ sagt sie mir wieder. Das habe Professor Soundso bei der Visite entschieden. Visite? Wer ist Professor Soundso? Ich frage also: „Wer ist Professor Soundso? Und eine Visite gab es auch nicht.“ Die Schwester hierauf: „Die Visite war auch nicht überall, hier eben nicht. Wir haben viel zu tun. Und der Professor kennt sie.“ Ach: „Dann soll er mir das sagen“ versetze ich. Und ich warte, bis er kommt. Im Warten habe ich schließlich seit gestern Erfahrung. Später erscheint der junge Arzt: „Ich habe mich geirrt, sie gehen nach Hause.“ Soso.

10.45    Professor Soundso erscheint, ein freundlicher älterer Herr. „Ja, wir haben viel zu tun, entschuldigen sie bitte. Aber es ist so viel zu tun seit gestern.“  Das hatte ich noch nicht gemerkt, denke ich in einem sarkastischen Anfall. Er untersucht mich nochmals. Dann sagt er: „Ich mache die Entlassungspapiere fertig. Leider funktioniert unsere EDV heute nicht, wir hatten heute Nacht einen totalen Computerausfall, sobald die Systeme wieder laufen, kann ich ihren Entlassungsbrief schreiben“. Alsdann entfleucht er. Von mir aus können die ihre Arztbriefe auch auf Büttenpapier und handschriftlich verfertigen.

11:10    Eine Schwester weist mich in die Geheimnisse der Heparin-Selbstspritzen ein. Lehrreich. Dann darf ich mir die erste Spritze gleich selbst setzen.

11:30     Walde ist da! Wie aus dem Boden gewachsen steht er mit einem Male im Zimmer. Ich bin perplex. „Wie kommst du denn hierher?“ Aber als er antworten will erscheint Professor Soundso und bringt mir den Entlassungsbrief. Er schärft mir ein, mich körperlich zu schonen. Mit einer Lungenembolie auf beiden Seiten ist nicht zu spaßen. Und er entschuldigt sich abermals für das UKE, dass das alles so lange gedauert hat.

11:45     Walde, den buchstäblich der Himmel geschickt hat, und ich verlassen das UKE. Als ich endlich durch die Türen hinaus ins Freie trete atme ich tief durch. Walde, der über einen Elim-Infokanal über mein Schicksal in Kenntnis gesetzt worden war, fährt mich heim.

War´s das?



Liebe Grüße, Alsterstewart




Samstag, 29. April 2017


Tag 9/5



Eigentlich müsste ich seit Dienstag, 25. April im Krankenhaus sein. Das wäre der Starttermin für die Stammzellenchemo gewesen. Die sollte sich an die ganze Einleitungstherapie anschließen. Eigentlich. Doch eine leicht fiebrige Erkältung, die ich mir Ostern aufgesackt hatte, machte einen Strich durch die Rechnung. Die Therapie wurde um eine Woche verschoben.

Also noch einmal eine Gnadenfrist.

Wirklich?


Schmerzen im Fuß
Am Dienstagmorgen entdeckte ich einige Schmerzen im linken Fuß. Kenne ich schon, dachte ich, das  sind wieder Fersenspornbeschwerden. Nichts dramatisches also, damit kenne ich mich gut aus, damit kann ich leben. Aber als ich mir den Fuß näher besah entdeckte ich eine deutlich sichtbare Schwellung knapp oberhalb des Sprunggelenks, das Gelenk selbst war knapp 2 cm dicker als das Sprunggelenk auf der rechten Seite. War ich irgendwann irgendwo umgeknickt? Dazu kamen noch Druckschmerzen im Knöchelbereich. Und überhaupt „Knöchel“ – der war nicht mehr zu sehen vor lauter Schwellung.

Was macht man dann? Ganz einfach: Kam von allein, geht von allein. Das ist wieder so eine Nebenwirkung. Also Abwarten. Morgen ist es bestimmt vorbei.

Mittwochmorgen: Da ist nichts weggegangen. Alles so wie gestern im linken Fuß, nur kann ich da kaum noch auftreten. Nützt alles nichts, ab zum Arzt.

Meine Hausärztin besieht sich die Sache. Nach einigem hin und her sagt sie: „Das kann eine Thrombose sein. Fahren sie am besten ins UKE in die Notaufnahme, ich gebe Ihnen eine Einweisung mit.“ WAAAAS? THROMBOSE? NOTAUFNAHME? EINWEISUNG? Aber bei allem Schrecken: Was soll ich anderes tun als das, was am Naheliegendsten ist? ´

Also Notaufnahme.

Die Notaufnahme


Und nun mache ich es chronologisch:

13:00     Ich erreiche die Notaufnahme des UKE. Vor mir erläutern zwei Männer einem Empfangsmitarbeiter ihren Arbeitsunfall. Sie sehen eigentlich ziemlich gut gelaunt aus. Ich aber kann kaum noch stehen. Endlich winkt mich eine Mitarbeiterin heran. Jetzt darf ich mich samt Einweisung, Ausweisen und Krankenkassenkarte anmelden. „Die Pflegemitarbeiterin spricht gleich noch mit ihnen“, sagt die Empfangsdame und weist auf eine genervte Frau in blauem Kittel. „Ich kann jetzt nicht.“ , blafft die zurück. Ich darf mich ins Wartezimmer verkrümeln. „Die Kollegin kommt auf sie zu.“ Gut.

13:50     Ich warte geduldig und starre – wie alle – in den sich allmählich füllenden Wartebereich. Dabei entdecke ich: Alle haben ein Papierarmband, auf dem sie als Notaufnahmepatient gekennzeichnet sind. Das fehlt mir! Und gesprochen hat mit mir noch niemand! Also jachtere ich zum Empfangstresen: „Mir fehlt das Papierarmband“ sage ich zu einer anderen Frau. „Das haben wir schon entsorgt“. Die genervte Pflegefrau sagt: „Nee, das habe ich noch.“ OK, denke ich. Endlich erhalte ich das. „Warum sind sie denn hier?“ fragt die Pflegefrau. „Bei mir besteht Thromboseverdacht.“ „Gut, dann nehmen sie Platz.“ Prima. Ich bin so weit wie vorhin – habe aber das Armband. Voller Vorfreude auf die baldige ärztliche Hilfe nehme ich den gewohnten Platz im Wartezimmer ein.

14:30     Geschätzt warten hier 30 Menschen auf einen Arzt. Bislang wurden gerade mal 5 Leute aufgerufen. Ein älteres Paar neben mir verliert allmählich die Geduld. Sie stacheln sich gegenseitig auf und schimpfen vor sich hin.

15:00     „Herr Wartisch bitte“ Was? Da ist eben mein Name gerufen worden. Ich fasse es kaum und folge einer jungen Krankenhausmitarbeiterin in einen Behandlungsraum, auf dem „Ersteinschätzung“ zu lesen ist. Business as usual: Blutabnahme, EKG. Kenne ich alles schon. Aber endlich geht es los. Während des EKG berechne ich, wie lange ich noch brauche, bis ich das UKE wieder verlassen kann: Um 18 Uhr bin ich im Haus.

15.15     Zurück im Wartezimmer. Da ist es immer noch voll. Aber ich habe meine Ersteinschätzung!!!!! Jetzt geht es los.

15.30     Sitze im Wartezimmer. Mein Buch macht mir keine Freude mehr. Also daddele ich am Handy herum. Das ist aber auch spaßlos. Was denn noch? Aufs Klo gehen? Das wäre sicherlich nötig, aber dann verpasse ich bestimmt meinen Namensaufruf. Bloß das nicht. Ich sitze und „schwitze mir das Bedürfnis durch die Rippen“. Warten.

16:00     Ich warte immer noch.

16:30     „Herr Wartisch bitte“ Ich falle vor Schreck fast auf den Boden. Mein Name wurde aufgerufen. Eine junge Ärztin nimmt mich in ein Sprechzimmer mit. Dort muss sie erst einmal telefonieren. Dann widmet sie sich mir. Ein Interview also. Wann die Beschwerden anfingen? Luftnot? Brustschmerzen? „Zeigen sie mir mal die Füße. Links sieht das nicht nach Gicht aus.“  Sie raunt etwas von einem Gerinnungswert, der noch fehlt. „Das Labor hat viel zu tun.“ Und schließt mit: „Für die Lunge brauchen wir noch eine CT“. Dann darf ich wieder wohin? – Natürlich ins Wartezimmer.

17:00     Das Warten hat mich wieder. Ich schreibe eine Liste der Dinge, die ich für einen Aufenthalt im UKE benötige und schicke sie an Christiane, die mir vorher schon gesagt hat, dass das hilfreich wäre. Sie will kommen. Nur wann? Und wo treffen wir uns?

17:30     Ich warte.

18:00     Ich warte.

18:15     Christiane fragt, wo sie mich findet. Sie fährt jetzt los. Ich sitze im Wartezimmer.

18:30     Ein Pfleger nimmt mich mit. In einem Nebenzimmer verpasst er mir eine Heparinspritze. Und dann soll ich im Wartezimmer 2 Platz nehmen. „Wo ist das?“ – „Gehen sie einfach durch die Glastür und dann rechts.“ Ich gehe also tiefer ins Labyrinth des UKE hinein und finde das rappelvolle Wartezimmer 2. Da sitzt eine Frau, die ich bereits aus dem ersten Wartezimmer kenne.  „Haben sie es auch hierher geschafft?“ fragt sie. „Ja, ich bin jetzt aufgestiegen.“

18:45     Christiane kündigt ihr Erscheinen in den nächsten 10 Minuten an. Ich schicke die Nachricht, wo sie mich jetzt findet.

19:00     „Herr Wartisch bitte“ – ausgerechnet jetzt. Aber die  CT kommt nun. Man führt mich durchs UKE-Labyrinth in einen Raum. Da darf ich warten. Nach 20 Minuten werde ich weitergeführt. Dann kommt die Lungen-CT. Während dessen sucht Christiane mich irgendwo im Gewirr von Gängen und nicht zuständigem Personal.

19:45     Ich bin wieder im Wartezimmer 2. Und dann kommt auch Christiane. Wie schön. Jetzt warten wir gemeinsam. Ihre Jazzprobe hat sie abgesagt, das hier ist für sie jetzt wichtiger.

20.00     Christiane fragt, ob ich schon etwas gegessen habe. Das muss ich verneinen. Dafür kann ich jetzt endlich auf Klo. Dann besorgt Christiane ein Abendbrot bei Edeka.

20.45     Vesperzeit im UKE.

20.50 – 21.45     Mit uns warten noch ein nettes Geschwisterpaar, das sich seine Zeit mit dem Pokalspiel Bayern gegen den BVB vertreibt und ein Ehepaar, dessen männlicher Teil leukömiekrank und hoch fiebrig ist. Da ich seit 13 Uhr im Haus bin, liege ich dort im Mittelfeld. Die Geschwister sind seit wenigen Stunden, der Leukämiekranke seit 11:30 Uhr in der Notaufnahme.

21:45     Meiner Frau platzt der Kragen. „Jetzt beschwere ich mich.“  Als sie wiederkommt erzählt sie, dass hier viel zu tun ist und wir Wartenden ein wenig in den Hintergrund gedrängt worden sind. Die beiden Krebskranken sollen aber im Haus bleiben, es gibt nur keine freien Betten. Aber bald kümmert man sich um uns.

22:10     Jetzt platzt mir der Kragen, es ist immer noch nichts passiert. Ich stampfe an den Empfangstresen und frage energisch nach, was mit mir nun passiert und wann ich einen Arzt  sehe. Keine fünf Minuten später kommt ein Arzt, ein Vertretungsarzt, kurioserweise ein Onkologe, den ich schon vor zwei Wochen hatte. „Sie haben eine beidseitige Lungenembolie, wir müssen sie zur Beobachtung hierbehalten.“  „Und wo soll ich hin?“ frage ich. „Das regeln wir irgendwie.“

22:20     Eine Krankenschwester, Christiane und ich erreichen das Behelfszimmer. Hier darf ich meine allererste Nacht im Krankenhaus verbringen. Nachdem ich mich einigermaßen eingerichtet habe verabschiedet sich Christiane. Es war auch für sie ein langer Abend.

Wie geht es weiter? Fortsetzung morgen.


Donnerstag, 13. April 2017


Tag 14/4

Und schon wieder so viel Zeit vergangen. „Schreibst Du eigentlich noch?“ wurde ich schon einmal gefragt. Es gehört vermutlich zu den Eigenheiten eines Schreibunterfangens, dass sich Phasen äußersten Mitteilungsbedürfnis mit Phasen der Stille abwechseln. Nun, jetzt schreibe ich halt doch wieder.

Körperlich geht es mir nicht so klasse. Die zahlreichen Nebenwirkungen der letzten Wochen setzen mir deutlich zu. Kopfschmerzen, Schwindel, Nasenbluten und und und… Was mich ehrlich ein wenig erschrocken hat ist meine Kurzatmigkeit. Mein Arbeitsplatz liegt im dritten Stock – wenn ich angekommen bin, muss ich nach Luft jappen und etwas drückt schwer auf meine Brust. Das ist neu und das mag ich gar nicht. Schlafen kann ich auch nicht mehr so richtig. Nach drei Stunden wache ich auf – und wechsele dann in einen Intervallschlaf: Drei weitere Stunden bleiben mir dann, in denen ich ungefähr alle Stunde einmal aufwache. Das hat natürlich Folgen.

Meine Ärztin meinte: „Herr Wartisch, sie machen doch alles gut mit. Die Nebenwirkungen sind normal. Andere Patienten haben ganz andere Schwierigkeiten und mussten ihre Therapien schon unterbrechen.“ Ach, schlimmer geht also auch? Dann geht es mir doch noch gold – in diesem Szenario.

Psychisch? Die Seelenkräfte sind mindestens ebenso erschöpft. Seit vier Monaten herrscht in meiner Seele absoluter Kampf. Dabei wurde mir bewusst, dass ich innerhalb von jetzt auf gleich in ein komplett neues Setting wechseln musste: Aus „Gesund“ in „Sehr krank“. Das selbstbestimmte Leben wechselte in ein Patientendasein. Und das für unabsehbare Zeit.

Wie gewinne ich meine Freiheit wieder? Freiheit innerhalb meiner Lebensumstände?

Jedenfalls ist der erste Teil der Therapie jetzt erst einmal durch. Die Einleitungsphase der Chemotherapie liegt hinter mir, jetzt kommt als nächstes: Stammzellenentnahme und – tusch – HOCHDOSISTHERAPIE. Das klingt bedrohlich. Das klingt nach „Ich will das nicht.“ Das klingt nach „Da musst du nun durch“. ES GIBT KEINEN WEG DRUMHERUM.

Am letzten Montag (10.4.) saß mir ein Vertretungsarzt gegenüber, der mir das weitere Verfahren erläuterte und dankenswerterweise auch aufschrieb. Mit dürren, tonlosen Worten beschrieb er den Weg von der Stammzellentnahme bis zur Hochdosistherapie, gab mir meine Blutwerte in die Hand, hätte auch einiges anders gemacht als die mich betreuende Ärztin, malte ein Szenario nach der Hochdosistherapie auf, fragte nach Rezepten… Das mag sein Stil sein, ich war jedenfalls platt. Auch wenn er Erforderliches, Unausweichliches beschrieb – ich habe seither einiges zu verdauen. Irgendwie fühle ich mich seitdem aus den letzten Bahnen geworfen, die mich noch in der Sphäre des Normalen hielten.

Und dann wieder diese Geschichten. Im „idea-spektrum“ wird ein Arzt vorgestellt, der dieselbe Krankheit in etwa demselben Alter wie ich bekommen hat. Auch beim ihm begann es mit plötzlich eintretenden Schmerzen, die er erst für lästig, aber harmlos gehalten hat. Und der freimütig erzählt, wie er sein Testament gemacht hat. Seinen Job als Klinikleiter hat er krankheitsbedingt quittiert.

Ich scheue solche Stories. Welche Unterschiede gibt es? Wenn er von 4-7 Jahren redet, die ihm noch bleiben, gilt das auch für mich? Nein? Ja? Muss ich auch irgendwann krankheitsbedingt mit dem Erwerbsleben aufhören? So abgesichert wie ein gut verdienender Klinikleiter bin ich nicht. Ich habe seitdem wieder Stoff zum Grübeln – also genau das, was ich gerne vermeiden will.

Auf die Frage, ob er für Heilung betet, antwortete er: „Nein. Diese Krankheit ist nicht heilbar.“ Richtig, es gibt derzeit für MM keine medizinische Heilung. Er aber betet dafür, dass Gott ihn in dieser Zeit durchträgt. Ich sehe das ähnlich. Klar sehne ich mich nach kompletter Heilung, aber andererseits sehne ich mehr noch nach der Gegenwart Gottes. Was ist die Wahl?

Er sagte dem „idea-Spektrum“ auch: „Manche Christen meinen, Gebet sei als wenn man eine Münze in eine Musikbox schmeißt, damit dann die eigene Musik gespielt wird.“ Da mag etwas Wahres dran sein. Gebet ist aber auch der Schrei einer Seele, die sich verlassen fühlt, nach der Gegenwart Gottes. „Wie ein Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele zu dir, mein Gott“ heißt es in den Psalmen. ICH SCHREIE! Und wo ich nicht mehr schreien kann, schreien andere für mich.

Viele Christen sagen: „Ich bete für dich.“ Und ich weiß, dass sie das sehr ernst nehmen. Das bedeutet mir viel und ich danke allen, die in dieser Zeit für meine Frau, meine Kinder und für mich beten. Wir werden noch mehr Gebet brauchen, denn die Wegstrecke ist noch lang, die vor uns liegt.

Jetzt komme ich in eine Ruhephase, die bis zum 24.4. anhalten wird. Der Körper muss sich etwas regenerieren, dann folgt die Stammzellenanregung stationär im UKE. Dann wird man weitersehen.

Alles Gute, Alsterstewart

PS: Bald mehr.


Sonntag, 2. April 2017


Tag 2/4

Nanu? Schon lange nichts mehr geschrieben? Ist was passiert? Ist nichts passiert?

Ehrlich gesagt: Auch über die letzte Zeit zu schreiben ist Lust- und Launesache. Tatsächlich passiert manchmal gar nichts, mal habe ich keine Lust, über die Krankheit und ihre Begleitumstände zu schreiben und dann fehlt auch zuweilen die Inspiration für einen Text. Aber diesmal, bei Sonnenschein und milden Temperaturen schreibe ich doch ein paar Zeilen.

Vielleicht ein körperliches Zwischen-Resümmee?

In der Regel kämpfe ich mehr mit den Nebenwirkungen der Chemotherapie als mit der Krankheit selbst. Die Blutdruckprobleme sind geblieben, also nehme ich nun die doppelte Dosis des Medikaments dagegen. Die Folgewirkungen sind dann ein schwächer werdender Geschmack, ein trockener Reizhusten und die Sorge, ob das hält. Das Kortison macht mir Beschwerden und sorgt bei mir für eine rote Birne oberhalb des Halses. Manche finden das toll („warst wohl in der Sonne“). Meine Schwiegermutter fand, dass ich nun endlich nicht mehr so eingefallene Wangen habe (sie meint das Kortison-Mondgesicht, ggf. googeln). Die Durchschlafstörungen sind geblieben, wenn ich mal vier Stunden am Stück schlafe, bin ich schon zufrieden. Maximal komme ich auf sechseinhalb Stunden, meistens auf fünfeinhalb (Wachphasen mitgerechnet). Leider blutet die linke Nase beständig, was vom Aspirin kommen soll. Dann noch zitternde Hände, langsames Gehen, mal ein Kribbeln links, eine schmerzende Sehne rechts…. Ja, so in etwa fühlt es sich an.

Seelisch? Hmn, drunter und drüber. Auf jeden Fall kann es launisch werden und die Stimmung von einem auf den anderen Moment kippen. Auch das hat mit Medikamenten zu tun  - aber sicherlich nicht nur.

Gibt es denn auch Positives? Auf jeden Fall. Die Schmerzen im linken Schulterblatt (die Mikrobrüche made by Herrn K) sind deutlich reduziert bis kaum mehr spürbar. Und für einen MM-Kranken sind meine Blutwerte recht gut (das sagt meine Ärztin jedes Mal, wenn sie mir diese überreicht). Die Muskelverspannungen auf der rechten Seite, die mit der linken Schulter korrespondierten, sind auf ein erträgliches bis minimales Maß zurückgegangen.

Heute bin ich wieder mal Auto gefahren. Ich legte den Rückwärtsgang ein, fuhr aus meiner Parklücke heraus, legte den ersten Gang ein und fuhr los. Da war plötzlich etwas anders als in den letzten Wochen. Was war denn das bloß? Ach ja: Ich konnte BESCHWERDEFREI beide Gänge einlegen. Das war mir zuletzt im November vergönnt. Diese kleine Begebenheit heute mag illustrieren, warum mir die Grunderkrankung aus dem Bewusstsein rückt.




Und gerade das ist das Tückische an MM. Man merkt den Krebs nicht. In den meisten Fällen wird er erst entdeckt, wenn er Schmerzen bereitet – so wie bei mir im Schulterblatt. Gedanke: Das ist wohl bei vielen (allen?) Krebsarten so.

An Tagen wie heute, aber auch in den letzten zweieinhalb Wochen, gerät die Krankheit aus dem Blickfeld. Und ich denke „So soll es bleiben“. Aber dann folgt gleich ein mächtiger, dumpf angeschlagener Akkord: „MM“. Nein, Herr K ist präsent.



Gedanken über das Ende

Die Bibel lehrt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90:12). Das Bewusstsein, dass dieses Leben einmal zu Ende geht, soll den Menschen nicht verloren gehen. An das Ende zu denken schärft die Frage, wo die Lebensprioritäten zu setzen sind ungemein. Durch die christliche Literatur der vergangenen Jahrhunderte taucht diese Frage immer wieder auf. Wir finden sie in den Regel des heiligen Benedikt im fünften Jahrhundert, in den Schriften des Thomas a Kempis aus dem 15. Jahrhundert und bei Jonathan Edwards in seinen Entscheidungen aus dem frühen 18. Jahrhundert. Viele kennen sicherlich noch andere Autoren, die sich aus christlicher Sicht mit dieser Frage auseinandergesetzt haben.

Was bedeutet es, wenn man auf dieses Ende hin zu lebt? Was bedeutet es, wenn das Ende dieses Lebens näher ist als man es sich ursprünglich gedacht hat?

Mir persönlich war immer klar: Der Tod gehört dazu. Aber bitte: Nicht so bald. Und dann kommt so eine ungebetene Krankheit um die Ecke  - und alles sieht anders aus. Das Leben kann ganz schnell zu Ende sein, viel eher, als ich es mir ausgemalt habe. Nicht „erst“ mit 75, 80, 85 oder 90 Jahren, sondern deutlich früher. Was müsste ich in meinem Leben jetzt ändern wenn ich mir bewusst bin, dass ich nur noch 5 oder 10 Jahre vor mir hätte?

Es kommen dann unangenehme Wahrheiten zu Tage. Mit wie viel trivialem Schund belaste ich mein Leben? Muss ich mir das alles geben, was sich mir als „wichtig“ aufdrängt? Wer oder was steuert mein Leben durch diese Zeit?

Diese Frage stelle ich mir jetzt. Das soll nicht heißen, dass ich vorhabe, in den nächsten 5 bis 10 Jahren das Zeitliche zu segnen, aber – im Ernst – rechnen muss ich damit. Und darin unterscheide ich mich im Grunde nicht von jedem anderen Menschen, der dies liest. Wir sind mitten im Leben doch vom Tod umgeben, nur haben wir den Gedanken an den Tod vertrieben und lenken uns ab. Ablenkungen sind an sich nicht schlimm, wir können und dürfen sie genießen. Aber ich lasse mir von ihnen nicht mehr vorschreiben, die Lebensprioritäten zu setzen.

Also klar: Etwas HSV geht immer. Etwas bis sehr viel Musik und Literatur gehört dazu. Aber ich beschließe für mich, dass ich nur noch das nehmen möchte, was mich aufbaut, was mir weiterhilft und was mein Leben bereichert. (Manche würden das beim Thema HSV bestreiten, na gut).



Wo sind die Prioritäten?

So leid es mir tut: In den Himmel mitnehmen kann ich nichts. Was ich mir wünsche ist, dass ich dort möglichst viele Menschen wiedersehe, die ich in diesem Leben bei mir hatte. Gottes Reich in dieser Welt besteht vor allem aus Beziehungen zu Menschen, dann erst  aus Weisheiten und Wissen. Bei mir stand bislang Weisheit und Wissen meistens vor den Beziehungen. Da lässt sich was ändern, n´est-ce pas?

Bill Hybels schreibt in seinem Buch „Einfach“, dass wir ein Vermächtnis hinterlassen sollen für die Menschen, die nach uns kommen. Was hinterlasse ich, wenn ich von dieser Welt gehe?

Ich lasse an dieser Stelle die Antworten einfach mal offen, mag jeder Leser selbst entscheiden, was dort einzusetzen ist. Sicher aber ist, dass ich diese Gedanken vertiefen werde.



Der Monatsspruch in den Losungen für den April 2017 lautet: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten. Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ (Lukas 24, 5-6). Das ist ein österlicher Vers. Jesus ist auferstanden und damit hat der Tod keine Macht mehr. Wenn man mich fragt, worauf ich hoffe, dann ist es das Leben mit Jesus. Mehr braucht es nicht, denn in Ihm ist alles.

Herzliche Grüße von Alsterstewart.