Sonntag, 25. Februar 2018
"Du hattest doch mal einen Blog" - so in etwa wurde ich neulich im Internet von einem Bekannten angesprochen. "Ja, natürlich", meinte ich, "den gibt es immer noch". Allerdings muss ich gestehen, dass ich schon lange nichts mehr geschrieben geschweige denn veröffentlicht habe. Das liegt nicht etwa daran, dass nichts mehr passierte, sondern daran, dass ich immer auf den "passenden Moment" warte. Dieser passende Moment kam einfach nicht. Also nehme ich einfach den unpassenden Moment für einen Post.
Da sitze ich nun und starre auf das weiße Papier, äh auf den weißen Bildschirm, der sich nur allmählich mit kleinen schwarzen Ameisen füllt. Also der Reihe nach.
Krebs und die Einstellung dazu
Im Laufe der Monate hat sich meine Einstellung zur Krankheit grundlegend verändert. Der Respekt ist geblieben, keine Frage. Nur der Schrecken, der ist erstmal fort. Viele der fürchterlichsten Erlebnisse des letzten Jahres jähren sich nun. Vor einem Jahr hatte ich diese wirklich lästigen Bluthochdruckkrämpfe. Vor einem Jahr hatte ich noch Schmerzen. Vor einem Jahr wusste ich noch nicht, was alles auf mich zukommt und wie ich da durch kommen soll. Heute ist das Vergangenheit.
Mehr und mehr sehe ich den Krebs, der immer noch in mir schlummert, als einen Teil meiner Persönlichkeit an. Er gehört nun einfach dazu wie meine Sehschwäche links, wie mein Kampf um das Körpergewicht, wie meine Karies und wie meine körperlichen Fähigkeiten. Es hat ja keinen Sinn, ihn nur als Feind und als Fremden zu betrachten. Ja, er ist ohne Einladung in mein Leben gekommen. Aber - um Frau Merkel zu zitieren - "nun ist er halt da".
Die zerstörerische Komponente ist ihm ja fürs erste genommen. In einer dunklen Kammer sitzt er verborgen und fragt sich, ob er wieder herauskommt. Selbstverständlich mache ich ihm das so schwierig wie möglich, aus dieser dunklen Kammer auszubrechen.
Aber die seelische Komponente, da kann sich der Krebs noch heute breit austoben. Soll er. Ich kann ihn da einfangen und in mein Leben hineinnehmen. "If you can´t beat them, join them."
Wie sich das auswirkt, ist schwer zu beschreiben. Am besten geht das, wenn ich mit Menschen spreche, die ebenfalls Krebs haben oder hatten. Da gibt es dann immer diesen Punkt, den ich als Initiation beschreibe: Die DIAGNOSE. So wie erweckte Christen einander fragen, wie und wann sie ihr Leben "Jesus gegeben" haben, so fragen Krebsler einander, wie und wann sie die Diagnose erhalten haben. Da erzählt eine Arbeitskollegin von ihrer Diagnose, als man bei ihr ein bösartiges Melanom feststellte. Es braucht dann keine weiteren Ausführungen - wir wissen Bescheid, wie es einem dabei geht.
Das hebt uns etwas von der Welt der übrigen Menschen ab. Ein gewisses "etwas" zeichnet uns aus. Eine bestimmte Erfahrung ist es, die wir gemeinsam haben, eben den Krebs.
Ich kann nun noch nicht sagen, was die Akzeptanz der Krankheit für mein Leben im einzelnen bedeutet. Schlussfolgerungen zu treffen ist mir noch viel zu früh. Dass ich aber schöpferisch mit der Krankheit umgehen kann, das ist für mich eine revolutionierende Entdeckung. Dieser Spur werde ich weiter nachgehen.
Der Brei
Meine Gedankenwelt ist in diesen Monaten ungeordnet. Zu vieles ist in den letzten Monaten passiert, das mich zum Teil bis aufs Äußerste in Anspruch genommen hat. Während meiner Spaziergänge (ich bin leidenschaftlicher Spaziergänger) ordne ich regelmäßig meine Gedankenwelt. Aber das funktioniert nicht mehr. Mal taucht dieser Gedanke auf, mal jener, dann wieder ein andere. Oft sind das negative Gedanken, die mit ausgesprochen negativen Emotionen verbunden sind.
Ich nenne das den Brei. Es ist ein grauer, grüner, gelber, brauner, schwarzer, blauer, roter Brei, aus dem ich bald dieses, bald jenes herausfische. Habe ich das Gefischte in der Hand betrachte ich es, denke darüber nach, dann flutscht es mir aus der Hand und plumpst zurück in den Brei. Greife ich danach in den Brei, um es wiederzuholen, dann fische ich todsicher etwas anderes heraus.
Vieles von dem, was ich gerade in diesen Tage erlebe, plumpst dann ebenfalls in diesen Brei. Was da hineinplumpst wird von mir zunächst einmal vergessen. Das kann alles mögliche sein, das dergestalt aus meinem aktiven Gedächtnis Richtung Brei entfleucht.
"Räum doch einfach auf." Also nehme ich einen großen Rührlöffel und fange an, den Brei erstmal ordentlich umzurühren. Doch bleibt der Löffel stecken und der Brei rührt sich kaum.
Was soll ich also mit dem Brei machen?
Stehen lassen.
Akzeptieren.
Je mehr Krampf ich in diesen Brei investiere, desto zäher wird er. Und je gelassener ich ihn betrachte, desto lockerer wird er. Je lockerer dann der Brei, desto besser kann ich ihn auflösen. Aber das braucht zweierlei: Zeit und Geduld.
Veränderungen geistlich
Mein Leben hat zur Zeit viele Herausforderungen. Sicherlich ist die Krankheit eine große Herausforderung, aber da kommen eine Menge weiterer hinzu, die nicht Gegenstand dieses Blogs sein können und sollen. Doch heißt es hier nun Kräfte bündeln statt Kräfte zu streuen.
Ich höre viele Predigten - und so wenig Tröstliches ist dabei, das mir helfen könnte, den Alltag zu packen. Viele Prediger sind offensichtlich auf der Suche nach Mitarbeitern, weshalb sie Motivationspredigten halten, um die Menschen zur Aktivität zu bewegen. Vorbilder werden bemüht, wie toll die sich einsetzen. Storys werden erzählt, die den Segen des Mitdienens herausstellen. Illustrationen werden verwendet, um das ganze griffig zu bündeln. Kampagnen werden gestartet, damit jeder weiß, dass er gebraucht wird.
Sorry folks, ich bin müde.
Die Gemeinde hat längst ihren Betrieb fortgesetzt und läuft mit unverminderter Dynamik weiter. Da ich zurückbleiben musste, kann ich gerade noch die Rücklichter der Gemeinde sehen, ehe sie um die nächste Kurve biegt und dann ganz aus meinem Sichtfeld gerät.
Lass sie fortfahren.
Ich sehne mich nach Ruhe. Ich sehne mich nach dem Einen, der mir sagt: "Ich gebe deiner Seele Frieden." Ich sehne mich danach, dass nicht nach Leistungen, sondern nach Herzen gefragt wird. Ein Christenleben ohne Druck. Ein Christenleben, das ohne Maske auskommt.
Wenn das Reich Gottes nur durch Expansion der Gemeinde wächst und nicht in mir selbst, dann wächst es nicht.
Jetzt suche ich danach, dass es in mir wieder wächst.
Alles Gute, Alsterstewart
Freitag, 12. Januar 2018
Der Blog lebt….
Zu viel
Als ich tief in den Therapien steckte, hoffte ich auf die Zeit nach den Therapien. Ich blätterte durch mein Ablaufbuch und schaute dort in die Seiten mit den Zyklen, die nach all den anderen kamen. „Dann habe ich das Schlimmste hinter mir“… Ich war sogar so vermessen, mir letztes Jahr im Januar vorzustellen: „Im Januar 2018 werde ich über alles das lachen.“
Nein, dieses Lachen ist nicht gekommen.
Was sich 2017 alles ereignet hat, ging halt nicht spurlos an
meiner Seele vorüber. Es haben sich tiefe Schneisen in die Seele gegraben. Das ist
mir nicht immer bewusst, daher dachte ich im Oktober, ich würde nahtlos in mein
altes Leben wechseln können, freilich mit einigen Abstrichen. Aber mehr und
mehr dämmert es mir nun, dass es halt doch anders kommt. Das Leben ist anders,
ich bin in vielen Bereichen ein anderer geworden – und noch auf dem Weg dahin.
Teils kann ich diesen Prozess steuern, größtenteils laufen die
Veränderungsprozesse unbewusst ab.
Die Unbewussten machen mir die größten Probleme. Sie äußern
sich durch Erschöpfungszustände. Diese kann ich mit etwas Disziplin zunächst meistern.
„Stell dich nicht so an. Das muss erledigt werden.“ Dann fällt mir oder –
schlimmer – anderen auf, dass ich vieles habe einfach liegen lassen. Es war mir
schlicht nicht mehr im Gedächtnis. Da meldet sich also die Seele und sagt mir: „Zu
viel!“ Bei den Flippern meiner Kindheit pflegte ein Lämpchen links unten
aufzuleuchten: „TILT!“ Die Konsequenz ist also: Eingestehen, dass vieles
einfach „zu viel“ ist. Zumindest jetzt, in diesen Tagen, in dieser Zeit, in
diesem Jahr, vielleicht für immer.
„Zu viel“ schreit die Seele.
Beispiel Geburtstag: Im Dezember und Januar ist bei uns in
der Familie Geburtstagshochsaison. Sage und schreibe sechs Familienmitglieder
haben zwischen dem 30. Dezember und dem 22. Januar ihren Geburtstag, mein
eigener eingeschlossen. Kann sich hier ein „zu viel“ bereits ergeben haben?
Also frisch ans Werk: Ich streiche meinen eigenen Geburtstag aus der Liste der
Feierlichkeiten, verlege ihn in einen anderen Monat (ich mag den Januar ohnehin
nicht).
„Es ist zu viel“ ist das Eingeständnis, dass meine Kraft
Grenzen hat – und dass diese Kraft erheblichen Schwankungen unterworfen ist. „Aber du hast doch keine Schmerzen..“ Richtig,
Gott sei Dank. Aber die Seele, die hat Schmerzen.
Warum gehe ich nicht mehr gerne und daher selten n meine
Gemeinde wurde ich heute gefragt. Gerade die Pflege des Glaubens in
Gemeinschaft mit anderen Christen wurde mir ans Herz gelegt, ausgerechnet von
meinem Psychoonkologen. Meine Antwort ist: „Zu viel“. Ich erlebe laute
Gottesdienste mit vielen Menschen, viel Aktion, viel Tamtam und am Ende mit
viel „entscheide dich..“ als unproduktiven Stress. Was andere Menschen als
lebendig und damit gut empfinden kostet mich viel Kraft. Das Zusammenspiel aus
Lautstärke, Lichteffekte und dichtem Menschengedränge ist für meine Seele
schwer zu verarbeiten.
„Zu viel“ schreit die Seele.
„Aber du hast doch deine Krankheit schon hinter dir.“ –
Nein, ich bin mittendrin. Selbst wenn MM komplett heilen würde, was es nicht
tut, blieben immer noch die Schneise in der Seele, die Wunden und die Narben.
Bullshit-Bingo
Heute fand ich ein „Bullshit-Bingo“ im Wartebereich der Psychoonkologie, das ich bei Facebook eingestellt habe. Da sind viele der Floskeln enthalten, die auch mir bekannt sind. Am besten fand ich „Man sieht es dir gar nicht an“ und „Du musst immer positiv bleiben“. Ja, danke. BINGO.
Heute fand ich ein „Bullshit-Bingo“ im Wartebereich der Psychoonkologie, das ich bei Facebook eingestellt habe. Da sind viele der Floskeln enthalten, die auch mir bekannt sind. Am besten fand ich „Man sieht es dir gar nicht an“ und „Du musst immer positiv bleiben“. Ja, danke. BINGO.
Ich kenne zudem noch: „Du siehst heute aber gut aus.“
Als christlicher Krebspatient mit charismatischem
Hintergrund kann ich noch hinzufügen: „Du musst an deine Heilung glauben.“
Das Schlimmste, was mir ein Mitchrist gesagt hat, war „Du
darfst nicht daran denken, dass dein Krebs nicht heilbar ist. Gott kann alles
heilen und du errichtest eine Gedankenfestung.“ Das ist erstens herzlos,
zweitens unsensibel, drittens manipulativ und viertens fragwürdig. „Du darfst
nicht…“ – Was ich darf und was ich nicht darf ist in Bezug auf meine Krankheit
meine Sache, die ich gegebenenfalls mit meiner Frau und mit den Ärzten
bespreche. Und noch heute beiße ich mir in den Allerwertesten, dass ich der
Person damals das nicht geradewegs ins Gesicht gesagt habe: „Halt Dich mit solchem
Gedankenmüll in meiner Gegenwart zurück.“
Geistliche Wanderschaft
Ich glaube, dass ich als Christ auf der Wanderschaft bin.
Generell kann man christliches Leben mit einer Wanderschaft vergleichen:
Abraham wandert aus Haran ins verheißene Land. Das Volk Israel wandert durch
die Wüste ins gelobte Land. Jesus ist mit seinen Jüngern kreuz und quer
unterwegs durch Israel. Die Kirche kennt die Pilgerschaft zu Wallfahrtsorten.
Sogar eines der einflussreichsten Büchern puritanischer Frömmigkeit beschreibt
eine Reise („Die Pilgerreise“ von Thomas Bunyan).
So mag es nun an der Zeit sein, als Christ auf Wanderschaft
zu gehen. Das ist nicht unbedingt lokal zu verstehen, sondern viel mehr
geistlich: Welche neuen Wege plant Gott für mich? Das wird spannend.
Liebe Grüße, Alsterststewart
Dienstag, 19. Dezember 2017
19.Dezember 2017 (Dienstag)
Es ist heute genau ein Jahr her….
Heute gedenken die Menschen der 12 Toten vom
Breitscheidplatz. Der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt ist heute vor
einem Jahr geschehen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich damals
das Fernsehen einschaltete und Bilder und Berichte auf mich wirken ließ. Nach
den Erfahrungen mit dem Anschlag von Nizza im Sommer 2016 war mir klar, dass es
sich nicht um einen Unfall handeln konnte. Bilder und Berichte entfalteten ein
düsteres Szenario.
Ich war genau in der richtigen Stimmung dafür.
Denn es ist heute genau ein Jahr her….
Vor genau einem Jahr eröffnete mir der Orthopäde am Neuen
Wall das Ergebnis der Kernspintomografie meiner linken Schulter. Er erzählte
einiges zum Thema und kam dann mit dem Verdacht „Plasmozytom“, da wäre eine „Szintigrafie“
erforderlich, vorher müsse aber ein Blutbild gemacht werden. Kurz und gut:
Heute vor einem Jahr löschte nicht nur der Attentäter von Berlin zwölf Leben
aus, heute vor einem Jahr löschte die Verdachtsdiagnose „Krebs“ mein bisheriges
Leben aus.
„Plasmozytom“ hört sich nicht wirklich besser an als „Multiples
Myelom“.
In Gesprächen mit anderen Krebspatienten habe ich immer
feststellen dürfen, dass der Moment der Diagnose fast eine Art Initiationsritus
ist. Praktisch jeder kann sich erinnern, wo er war, wann es war und wie er
reagierte hatte, als die Diagnose „Krebs“ gestellt wurde. Darüber haben sich
die Krebsler in der Reha ausgetauscht wie Christen über das Thema „wie bist du
zum Glauben gekommen“.
Die Weihnachtslichter strahlen heute wie sie damals
strahlten. Mir war das Weihnachtsfest früher ein Ort des Friedens, der Ruhe und
der Besinnung. Klischeehaft. Von mir aus. Aber ich konnte es genießen, dass
einmal im Jahr der Betrieb für einige Tage zur Ruhe kam und das Jahr seine
letzten Tage aushauchte. Diese Ruhe, dieser Frieden und diese Besinnung ist nun
Vergangenheit, die nicht mehr wiederkommt. Weihnachten wird mich nun immer
daran erinnern, wie diese Krankheit in mein Leben gekommen ist.
Ich bin ein Typ, der gerne und ausdauernd zurückblickt. Da
kann ich doch gut und gerne Bilanz ziehen?
Nur so viel: Die letzten 12 Monate haben mich das Leben aus
ganz anderen Perspektiven sehen lassen. All die Beschwerden, Ängste,
Behandlungen… Das immer wieder neu anfangen, dann wieder aufhören, Schmerzen
links, Schmerzen rechts, Tabletten, Spritzen. Und dann die immergleiche Langeweile
des Tropfes. Wie verändert sich ein Mensch, der durch die Krebstherapie geht?
Meine Gedanken sind zerhackt. In längeren
Gedankenzusammenhängen nachdenken ist nicht mehr möglich. Die Gedanken hüpfen
von hier nach da, dann links und dann rechts, bleiben nirgendwo länger und
verlaufen dann im Nirgendwo. Das Gedächtnis ist angegriffen. Was ich eben noch für
wichtig hielt, habe ich jetzt schon wieder vergessen.
Wollte ich nicht neu über den Sinn nachdenken?
Wollte ich mir nicht Gedanken darüber machen, was mir nun
wirklich wichtig ist?
Pustekuchen.
Einmal im Monat treffe ich mich mit einem Psychoonkologen.
Das sind gute Termine. Mir wird in den Gesprächen immer neu vor Augen geführt,
dass ich eine ernsthafte und sehr schwere Krankheit habe oder hinter mir habe,
und dass das alles nicht ohne tiefe Auswirkungen auf meine Persönlichkeit und
auf meine Befindlichkeit bleibt. Im Gegenteil: Die Krankheit hat massiven
Einfluss auf mein Leben genommen. Ich kann den Einfluss zurückdrängen so wie
die Medikamente die Krankheit zurückgedrängt haben und in Schach halten. Aber
das braucht Zeit. Viel Zeit. Noch mehr Zeit.
Habe ich diese Zeit?
„Mensch, du siehst ja gut aus“ wird mir wohlmeinend gesagt. Da
kommt aber meine Psyche nicht mit. Denn hinter dem vermeintlich gesundem
Äußeren stecke ich mit diesen vermaledeiten 12 Monaten im Gepäck. Nein, meinem
Körper geht es gut, die Seele ist angegriffen. Da hilft dann auch kein
Schulterklopfen mehr.
Das Leben schreitet fort, ich kann die Zeit nicht anhalten
oder wenigstens die Welt darum bitten, dass sie wartet, bis ich weiterkann. Die
Welt dreht sich – auch ohne mich. Da muss ich meinen Platz erkämpfen.
Kämpfen – schon wieder.
Die Monate waren eine Abfolge von Kämpfen. Immer wieder neu
musste ich meinen Köcher füllen und das Schwert umschnallen, um mich für die
Ereignisse zu wappnen. Jeder Schritt ein Kampf, jeder Atemzug eine
Herausforderung. In den stilleren Stunde folgt die Erschöpfung. Und diese
Erschöpfung bricht überall durch. Ich kann Gesprächen nicht mehr richtig
folgen. Die Konzentration lässt schlagartig nach. Bücher verlieren ihren Reiz.
Auch der Schlaf hilft nicht. Kampf und Krampf auf einmal.
Na klar, ich kann hier auch etwas Frommes schreiben. Doch
kann ich nicht verhehlen, dass auch mein Glaube sich verändert hat. Was kümmern
mich Dogmen? Mein Glaube ist nicht mehr akademisch. Er ist auch nicht mehr so
sauber gelackt und aufgeräumt, wie ich ihn früher haben wollte. Mein Glaube hat
Dellen bekommen, er hat Narben, er hat auch hässliche Seiten, ist an Stellen schmutzig
und stinkig geworden. Kostbare Teile des Glaubens sind durch den Fleischwolf
gedreht worden. Um nicht ganz abzustürzen musste auch Ballast abgeworfen
werden, der nun im Dreck der Erde liegt.
Eines verbittet sich der Glaube: Einfache Antworten auf
komplizierte Fragen.
Es bleibt nur noch das nackte Vertrauen darauf, dass Gottes
Liebe stärker ist.
1 Ein Maskil von
David, als er in der Höhle war. Ein Gebet.
2 Ich schreie mit meiner Stimme zum Herrn, ich flehe mit meiner Stimme zum Herrn.
3 Ich schütte meine Klage vor ihm aus und verkünde meine Not vor ihm.
4 Wenn mein Geist in mir verzagt ist, so kennst du doch meinen Pfad; auf dem Weg, den ich wandeln soll, haben sie mir heimlich eine Schlinge gelegt.
5 Ich schaue zur Rechten, siehe, da ist keiner, der mich kennt; jede Zuflucht ist mir abgeschnitten, niemand fragt nach meiner Seele!
6 Ich schreie, o Herr, zu dir; ich sage: Du bist meine Zuflucht, mein Teil im Land der Lebendigen!
7 Höre auf mein Wehklagen, denn ich bin sehr schwach; errette mich von meinen Verfolgern, denn sie sind mir zu mächtig!
8 Führe meine Seele aus dem Kerker, daß ich deinen Namen preise! Die Gerechten werden sich zu mir sammeln, wenn du mir wohlgetan hast.
2 Ich schreie mit meiner Stimme zum Herrn, ich flehe mit meiner Stimme zum Herrn.
3 Ich schütte meine Klage vor ihm aus und verkünde meine Not vor ihm.
4 Wenn mein Geist in mir verzagt ist, so kennst du doch meinen Pfad; auf dem Weg, den ich wandeln soll, haben sie mir heimlich eine Schlinge gelegt.
5 Ich schaue zur Rechten, siehe, da ist keiner, der mich kennt; jede Zuflucht ist mir abgeschnitten, niemand fragt nach meiner Seele!
6 Ich schreie, o Herr, zu dir; ich sage: Du bist meine Zuflucht, mein Teil im Land der Lebendigen!
7 Höre auf mein Wehklagen, denn ich bin sehr schwach; errette mich von meinen Verfolgern, denn sie sind mir zu mächtig!
8 Führe meine Seele aus dem Kerker, daß ich deinen Namen preise! Die Gerechten werden sich zu mir sammeln, wenn du mir wohlgetan hast.
Es ist also genau ein Jahr her….
Dienstag, 12. Dezember 2017
Die Wochen sind fortgeschritten, eine um die andere. Der
Arbeitsalltag hat mich wieder, also Normalität in einer durchweg unnormalen
Zeit. Habe ich „es geschafft“? Es gab Skeptiker, die meinten, es wäre besser
für mich, wenn ich allmählich einsteige in die Arbeit. Das hat mich nicht
überzeugt, ich bin sozusagen wieder „voll“ da. Das einzige, was mich allerdings
beeinträchtigt hat, ist eine hartnäckige Erkältung, ein Husten, der einfach nicht
weichen will.
Als ich feststellte, dass mit meinen Atemwegen irgendwas
nicht stimmt, lief natürlich sofort ein Film ab. „Bekomme ich genug Luft?“ „Und
wenn es doch etwas Schlimmes ist…?“ Das ergibt sich ganz von selbst. Dabei sagt
die Vernunft: „Lieber Stefan, du nimmst doch deine Medikamente, auch die gegen
Embolien und Thrombosen – da kann nichts
Schlimmes passieren.“ Aber der Bauch sagt:_ „Achtung, Stefan, es kann auch
etwas Schlimmes sein.“ Nun habe ich seit fünf Wochen Husten und bin
dementsprechend gestimmt.
Mein Vater und ich
Mitte November hatte ich so richtig Spaß, denn da stand die
Knochenmarkpunktion an. Und das war die mittlerweile dritte in diesem Jahr nach
denen im Januar und im September. Eigentlich ist das aus meiner Sicht nichts
wirklich Schlimmes, nur unangenehm bleibt es doch. Den Tag vorher muss ich Urin
sammeln (jedes einzelne Tröpfchen!) und dann eine Probe daraus unter Angabe der
Gesamtmenge im Krankenhaus abgeben. Eigentlich eklig. Die Punktion läuft dann
routinemäßig ab: lokale Betäubung, Entnahme des Gewebes, Erholung, Ende.
Unangenehm, aber unspektakulär.
Dieses Mal war es anders: Die Entnahme des
Knochenmarkgewebes war schmerzhaft, es zog durch den ganzen Körper. Ich habe
schon schlimmere Schmerzen erlebt, aber das kam unerwartet.
Doch dann kam in mir ein Gedanke auf: Dein Vater hat
dieselbe Krankheit gehabt wie du.
Mein Vater hat im Jahr 1992 über Schmerzen im Schulter- und
Ischiasbereich geklagt. Über Monate mal mehr und mal weniger intensiv. Im
Frühjahr 1993 hat er sich noch ein neues Auto gekauft und ist mit meiner Mutter
damit an den Gardasee gefahren. Doch irgendwann im Juni 1993 ging gar nichts
mehr. Die Schmerzen waren unerträglich und zogen sich durch den ganzen
Oberkörper.
Was ist nur los mit ihm? Es wurde allmählich klar, dass er
etwas Ernstes hat. „Abstreifungen an den Rippen“ ergab das Röntgenbild. Die
Knochen lösten sich auf. Eine Odyssee von Arzt zu Arzt folgte, kreuz und quer
durch Hamburg und das Hamburger Umland. Endlich fand sich ein Arzt, der ihm
sagte: „Sie werden eine Art Krebs haben.“ Niederschmetternd.
Im Juli kam er ins Krankenhaus (AK Wandsbek). Die
verschiedensten Diagnoseverfahren brachten kein aussagekräftiges Ergebnis. Nur
so viel stand fest: Osteolyse, was Symptom, aber keine Krankheit ist.
Mittlerweile arbeitete der Krebs bereits so intensiv in ihm, dass mein Vater
unentwegt schwitzte und dabei vor Schmerzen weinte. Im Laufe der Wochen setzte
die Wirkung der Morphinpräparate ein und die Schmerzen waren etwas gelindert.
Als ich ihn im August oder September 1993 im Krankenhaus
besuchte, gingen wir zusammen in die Raucherecke (so etwas gab es damals in
Krankenhäusern noch und mein Vater war starker Raucher). Wir führten dort unser
letztes Gespräch über Gott und die Welt. Als wir nebeneinander durch das
Krankenhaus in die Raucherecke gingen (mein Vater am Gehwagen) fiel mir auf,
dass er ganz klein geworden war. Nun war er zeitlebens nie ein Riese, aber so
winzig? Was hatte ihn so schrumpfen
lassen? Heute weiß ich es: Die Krankheit hatte Wirbel gebrochen. Das kam mir in
den Sinn, als ich meine Knochenmarkpunktion hatte, denn MM führt zur Osteolyse.
Eine Woche später wurde uns mitgeteilt, dass er nur noch ein
paar Wochen zu leben hat, Anfang Oktober 1993 ist mein Vater dann gestorben. Es
hieß, dass der „Primärherd“ seiner Krebserkrankung nicht gefunden werden
konnte, vielleicht säße er in der Lunge.
Für mich war damals klar: Er war Raucher, hat sich wenig
bewegt, einiges getrunken und er hatte beruflich enorm viel Stress. Irgendeinen
Krebs hat er heraufbeschworen, vermutlich Lungenkrebs.
Heute denke ich anders: Das Krankheitsbild passt anhand
meiner Erinnerungen zu meiner Krankheit. Dieser Gedanke erschreckte mich. Dann
aber dachte ich nach.
Wie weit war die Forschung 1993? Und wie weit ist sie heute?
Wann wurde der Krebs bei ihm entdeckt – und wann erhielt ich meine Diagnose?
Welche Therapie stand ihm damals zur Verfügung ? Keine! Und welche mir? Diverse!
Natürlich kann ich mich irren. Aber der Gedanke bleibt: Wir
haben bzw. hatten dieselbe Krankheit. Dass ich bisher durch diverse Therapien
gegangen bin und diese auch relativ gut durchgestanden habe, macht mich
dankbar. Und gleichzeitig motiviert mich das, den Kampf gegen die Krankheit
unbeirrt und kompromisslos fortzusetzen.
Ich werde nie aufhören, an meinen Vater zu denken.
Sonntag, 12. November 2017
12. November 2017 (Sonntag)
Ab morgen geht es los: Der Weg zurück in den Alltag. Das, was wir sonst für selbstverständlich halten, muss morgen wieder für mich selbstverständlich werden.
Was meine ich damit?
Morgen werde ich wieder in den Kreis der Berufstätigen zurückkehren. Der übliche Trott von morgens aufstehen, zur Arbeit fahren, dann arbeiten, nach Hause fahren und dann Feierabend machen, auf den dann einen Tag später dasselbe Muster folgt - das wird morgen für mich wieder zur Realität. Und so soll es auch sein. Seit Mitte April, Gründonnerstag, bin ich aus diesem Alltag komplett ausgeschieden. Nicht, dass es mir langweilig geworden wäre, aber so ganz ohne produktive Arbeit fehlt mir doch etwas. Es gibt Menschen, denen fällt bei zu langer Abwesenheit vom Arbeitsplatz buchstäblich "die Decke auf den Kopf". Ganz so arg drücke ich das nicht aus, aber wieder etwas anderes um die Ohren zu haben, wissen, dass man etwas zum Unternehmenserfolg beisteuern kann, seine Tätigkeit als sinnvoll zu erleben, das ist für mich wichtig.
Doch mehr als das: Es ist "normales Leben".
Ich kehre in das normale Leben zurück. Das Leben der Menschen, die gesund sind oder wenigstens als gesund erscheinen (ich weiß: unter jedem Dach ist ein Ach). Diese Rückkehr ist aber bei mir ein Kampf.
Ein Kampf gegen die Erfahrungen der letzten Monate. In mir gibt es die Stimmen, die mir sagen: "Ist das nicht zu früh?". "Und wenn es Stress gibt?". "Und wenn du es nicht schaffst?". "Blutdruck". "Unverständnis anderer". Diese Stimmen muss ich zum Verstummen zwingen. Das fällt mir schwer, da diese Stimmen unangemeldet kommen - und sich in meinen Gedanken breit machen.
Ein Kampf gegen die Skepsis der anderen. Viele Menschen reagieren mit Skepsis darauf, wenn ich erzähle, dass ich gleich voll einsteigen möchte in meinen Arbeitsallltag. "Wäre stufenweise Rückkehr nicht besser?". Das sind oft berechtigte Einwände, getragen von Sorge, Mitgefühl oder Betroffenheit. Natürlich habe ich mich damit auch auseinandergesetzt. Aber der Reiz des Normalen und mein Überdruss an der Annormalität der Krankheitssituation überwiegt diese Skepsis - jedenfalls bei mir.
Ein Kampf gegen meine eigene Unsicherheit. Freilich weiß ich nicht, was mich morgen erwartet. Gedanken dazu habe ich viele: Was hat sich in den letzten Monaten alles verändert? Wie hat sich die Abteilung verändert? Welche gruppendynamischen Prozesse sind gelaufen, auf die ich keinen Einfluss nehmen konnte? Und: Hat man mich vielleicht längst ausgeplant? Gerade dieser letzte Punkt verunsichert mich am meisten.
Wenn mich meine Krankheit in den letzten 10 Monaten eines gelehrt hat, dann dies: Es kommen Herausforderungen auf mich zu, denen ich nicht ausweichen kann - sogar nicht ausweichen darf.
Ich denke dabei an Ereignisse der letzten Monate: Knochenmarkpunktion, Chemotherapiesitzungen, Lungenembolie, Verlegung von Zentralen Venenkathedern, Stammzellensammlung, Stammzellentransplantation, drei Nächte und drei Tage neben einem sterbenden Lungenkrebspatienten liegen, das Zelltief (Aplasie) und das erhebliche Infektionsrisiko, dazu das psychische Auf und Ab..... In diesen Situationen wusste ich nie so genau, was auf mich zukommen wird. Vieles war unangenehm, schmerzhaft, fürchterlich, gefährlich, riskant oder bis zum Anschlag anstrengend. Aber ich habe diese Herausforderungen angenommen, akzeptiert und durchgestanden.
Ich bin da durch! Der Krebs hat mich nicht zerbrochen, er hat mich nicht fertig gemacht, er hat mich sogar stärker als gemacht als ich vorher war. Deutlich stärker. Die todbringende Krankheit hat für mich ihren Schrecken verloren, der Respekt vor ihr ist geblieben.
Was erwartet mich also morgen? Keine Herausforderung, die sich hinsichtlich ihrer Tragweite annähernd mit dem messen könnte, was ich bereits hinter mir habe. Sicherlich muss ich kämpfen, um ins normale Leben zurückzufinden. Aber ich habe es nun gelernt, zu kämpfen.
Klar: Ich kann scheitern. Aber ebenso klar: Ich kann auch in den Kampf gehen.
Liebe Grüße, Alsterstewart
Samstag, 21. Oktober 2017
21. Oktober 2017 (Sonnabend)
Es war ein harter Absturz. Ich kam aus der Reha in Ratzeburg. Dort war ich in einem Sport-Förderprogramm. Morgens, mittags, abends….immer Sport, Sport, Sport. Jeden Tag im September konnte ich feststellen, wie ich fitter wurde. Das Körpergefühl war wieder da. Zum Bäumeausreißen stark. Und dann folgte gleich am 29. September: Die Konsolidierungschemo fängt an.
Der starke Mann war wieder ein kranker Mann geworden. Das zehrte nicht nur an meinen körperlichen Kräften, auch die Seele brauchte viel Zeit, sich dieser neuen Herausforderung zu stellen. Es war also Talzeit, die abrupt auf die Bergzeit folgen sollte.
Dennoch war nicht alles umsonst: Ich bin tatsächlich auf den Geschmack gekommen: Sport. Zudem durfte ich in diesen Wochen seit Start der Therapie feststellen, wie ich mit den unausweichlichen Nebenwirkungen wesentlich besser klarkomme als noch im Winter und im Frühjahr. Der Blutdruck ist erstaunlich stabil geblieben, auch die Erschöpfungszustände sind deutlich reduziert.
Darf ich es also wagen, die Sportschuhe zu schnüren - und Sport zu treiben? Mit Kortison, Elotuzumab, Lenalidomid und Bortezomib im Blut?
Also habe ich die Fachfrauen gefragt: Meine behandelnden Ärztinnen. Die Antwort fiel unisono aus: Na klar, soweit sie sich das zutrauen, machen sie viel Sport.
Ich bin zudem in Gesprächen mit meinem Psychoonkologen, der meinen Weg durch die Krankheit gut begleitet. Und er riet mir dringend, meine sportlichen Vorhaben so schnell wie möglich umzusetzen.
Also passierte, was ich mir nie zugetraut hätte: Ich betrat das Sportgeschäft von Ulf Lunge mit klarer Kaufabsicht.
Ulf Lunge
Das ist eine Institution unter den Hamburger Sportgeschäften. Als einer der ersten Sportschuhläden verkaufte man dort die Schuhe nicht nur, man beriet die Käufer sogar, welcher der optimale Schuh ist.
Ich geriet an einen freundlichen, leicht introvertierten Verkäufer. Im Gegensatz zu meinem letzten Besuch des Ladens vor fast 20 Jahren war bei diesem Menschen keine Spur von Arroganz erkennbar. Mit meinem Körperbau sehe ich nicht so aus, als wenn ich vorhätte, beim nächsten Marathon zu starten. „Ich bin übergewichtig und Laufanfänger. Haben Sie einen Schuh für mich?“ So in etwa startete das Gespräch.
Er bat mich, einige Schritte auf Markierungen zu gehen. Das durfte ich sechsmal wiederholen. Dann wurde ein Bild von der Stellung meiner Füße am Computer erstellt. Aha: der rechte Fuß rollt sehr stark über die Ferse innen ab, der linke etwas weniger ausgeprägt. Soso. Dann durfte ich ein paar Sprints durch den Laden hinlegen - unter den wachsamen Augen des freundlichen Verkäufers. „Was laufen Sie denn?“ wollte er wissen. „Nun ja, zur Zeit 20 Minuten Intervalltraining: 10 Minuten Laufen, 10 Minuten Gehen., jeweils im minütlichen Wechsel. Aber das Ziel ist: 30 Minuten am Stück durchlaufen.“
Dann durfte ich etwas auf einem Laufband laufen. Dabei stellte ich mich - Bewegungslegastheniker - extrem ungeschickt an und fast wäre ich hingefallen. Der Verkäufer schaute dabei freundlich zu und zeigte mir dann die Analyse der Computers: „Oh, so sieht also die Slowmotion meines Laufes von hinten aus.“ Aber nun war klar, welche Art Schuhe auszusuchen war.
Er brachte mir ein Paar, fummelte Spezialeinlagen einen (zur besseren Dämpfung und Stabilisierung der Füße) und hieß mich, diese anzuziehen. Die saßen ganz bequem - und dann durfte ich wieder einige Sprints durch den Laden laufen. Es folgten noch zwei weitere Paar zum Anprobieren, wir testeten den Sitz auf Herz und Nieren - dann endlich war das Paar gefunden, das ich nehmen wollte. Auch dies wurde noch einmal im Sprint erprobt.
Top Beratung! Ohne Beratung hätte ich irgendein billiges Paar gegriffen und mir alle Gelenke und Füße ruiniert.
Und der Preis? Ich hätte im Internet für dieses Paar Schuhe denselben Preis zahlen müssen - aber ohne Beratung. Mir war es so wesentlich lieber.
Die ersten Runden.
Und nun laufe ich fast jeden Morgen meine Runden um den Kupferteich bei uns in Farmsen: 1 Minute Laufen, 1 Minute Gehen, 1 Minute Laufen….. usw. Dabei mache ich die Feststellung, dass die Leistungskurve wieder nach oben geht. Treffe ich auf „richtige Läufer“ schaue ich mir deren Technik an.
Es gibt die Plattfußläufer, bei denen jeder Schritt auf dem Untergrund zu hören ist. Platsch, Platsch, Platsch…. Es gibt die Leichtfußläufer, die so elegant aufsetzen, dass ihre Schritte nicht zu hören sind. …. Und es gibt die ökonomischen Läufer, die mit sparsamen Bewegungen, aber sehr kontinuierlich ihr Tempo laufen. Das kann ich mir am ehesten für mich vorstellen.
In der Dämmerung wäre ich fast von einer Radfahrerin angefahren worden. Sie hatte mich wohl nicht gesehen und ich war zu schnell. Mit einem dunklen Anzug wird man nicht so gut gesehen. Also laufe ich jetzt in grellgelb reflektierend. Damit werde ich auf jeden Fall bemerkt. Das Kostüm sieht eigenartig aus, das ist nicht die Farbe, die ich tragen kann - aber rettet meine körperliche Unversehrtheit.
Was denken die Leute eigentlich, wenn ich mit meinen fast 100 KG um den Teich laufe, gehe? Das ist mir schnurzegal. Sollen sie denken, was sie wollen, ich ziehe das durch. Es macht einfach zu viel Spaß - und zahlt auf das wichtigere Ziel ein: Die Wiederherstellung von Gesundheit und das Gewinnen von Kraft, um die Chemotherapie, die noch kommen werden durchzustehen.
Denn darum geht es: Es ist die Fortsetzung meines Kampfes gegen die Krankheit auf einem anderen Gebiet. Und auch wenn ich weiß, dass die Krankheit womöglich stärker sein wird als ich: Kampflos räume ich das Terrain nicht! Da muss sich das MM schon etwas anstrengen, finde ich.
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| Das neue Sportgerät. |
Remission
Das ist das Stadium der Krankheit, das ich nun erreicht habe. Die letzte Knochenmarkspunktion hat das ergeben und ich hoffe inständig, dass das auch so bleibt. Remission heißt nicht, dass die Krankheit endgültig besiegt ist. Der Begriff sagt nur, dass die Krankheit nicht mehr nachweisbar ist und deshalb keinerlei Aktivität erkennbar ist.
Auf Remission folgt dann in der Regel das Rezidiv (Rückfall). Beim MM ist das 2-3 Jahre im Mittelwert. Meine Therapie endet planmäßig in gut 2 Jahren und hat das Ziel, den Zeitpunkt für das Rezidiv weit nach hinten zu verschieben.
In Ratzeburg habe ich eine Frau von Mitte 40 kennengelernt, die auch MM hatte. Für sie war nach der Stammzellentransplantation Schluss, weshalb sie sich wunderte, dass es mit mir jetzt noch weitergeht. Da kam kurz bei mir der Gedanke auf, aus meinem Vertrag mit dem UKE auszusteigen und die Therapie an genau dieser Stelle zu beenden. Aber das war nur ein Gedanke: Ich lasse mich von dem Ziel, die Therapie zum Abschluss zu bringen und dem Rezidiv zu trotzen nicht abbringen lassen!
Etwas, das ich durch die Krankheit gelernt habe: Ich denke, plane und handle deutlich zielorientierter als vorher. Dabei überschreite ich Grenzen, die ich bislang für mein Leben als gezogen angesehen haben. Jede Grenzüberschreitung bringt mich weiter an das große Ziel.
Gott in der Tiefe
Mit den Instantheilern, die sich auf dem christlichen Markt, Abteilung Charismata, tummeln, kann ich nullkommagarnix anfangen. Firlefanz, Bauernfängerei, Scharlatanerie, Manipulation… Das ist mein (natürlich ganz subjektiver) Eindruck, den ich von dieser Szene gewonnen habe. Sie beten einen Schnupfen weg, „verlängern“ ein paar Beine und lassen sich Zeugnisse geben über das sofortige Verschwinden von psychosomatischen Beschwerden und „inneren Verletzungen“ - so schön das für die Betroffenen dann auch ist - aber mit ernsthaften Krankheiten haben sie ihre Probleme.
Nein - ich glaube ihnen nicht.
Glaube ich denn, dass Gott mich heilt? Dass Er mich heilen kann?
„Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe lügt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt (Jesaja 53:5).“
Ich vertraue darauf, dass Jesus meine Heilung ist, ganz egal, ob sich diese Heilung auch auf meine körperliche Heilung auswirkt oder nicht. Wer sich im Gebet an Jesus wendet, der ist schon geheilt. Aus der Erfahrung der letzten acht Monate Chemotherapie und Stammzellentransplantation und erneute Chemotherapie kann ich mit Freude sagen, dass ich diesen Weg ohne Jesus nicht hätte gehen können. Es steckt halt viel mehr Kraft und Heilung im Glauben an den Gottessohn, die mich die tiefsten Tiefen von Krankheit durchstehen hilft.
Das Instant-Heilungsprogramm mancher christliche Verkündigen mag unterhaltend sein, ich kann damit nichts anfangen.
Jesus gibt Frieden mit Gott - darauf kommt es an.
In diesem Sinne grüßt Euch herzlich Alsterstewart.
Dienstag, 26. September 2017
26. September 2017 (Dienstag)
Ratzeburg ist sehr schön. In der eiszeitlichen Endmoränenlandschaft wechseln sich Erhebungen und recht tiefe Seen ab. Um die Seen erreichen zu können, muss man erstmal von den Höhenzügen herabsteigen. Will man von dort in die Stadt oder in die Wohngebiete, muss man wieder hinaufklettern. Das erfordert auch Kondition.
Die Stadt Ratzeburg selbst liegt auf einer Insel, die den nördlich gelegenen Ratzeburger See vom südlichen Küchensee abgrenzt. Zwei Nebenseen komplettieren das Setting: Der Domsee und der kleine Küchensee, der auch "Spucknapf" genannt wird. Die Stadt wird gekrönt durch den romanischen Dom, der sich auf einem Felsen über der Stadt erhebt und weithin sichtbar ist. Der Stadt selbst merkt man die Verwüstungen des Krieges mit Dänemark Ende des 17. Jahrhunderts an. Damals zerstörten dänische Kanonen die mittelalterliche Stadt. Aus diesem Grund finden wir in Ratzeburg viele barocke Fassaden. Auch die etwas jüngere Stadtkirche St. Petri ist im barocken Baustil gehalten und eine der wenigen Querschiffkirchen in Norddeutschland.
Prädikat für Stadt und Umgebung: Unbedingt sehenswert, wunderschön.
Hier habe ich nun also meine Rehabilitation verbracht.
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| Blick auf den Ratzeburger Dom |
Die onkologische Rehaklinik liegt tief im Süden von Ratzeburg. Sie atmet schwer den Baustil der frühen 70er Jahre. Das heißt: Beton pur. Den Baustil nennt man "Brutalismus" (wirklich!), was aus den französischen Wörtern béton brut (roher Beton) abgeleitet ist
An einigen Stellen lockern Anbauten aus den 90ern den grauen Brutalismus des gewaltigen Komplexes auf. Abweisend? Nun ja: Von außen nicht gerade einladend.
Reha ist nicht Kur. Das habe ich schon am zweiten Tag erfahren. Bei einer Kur wandelt man Wässerchen trinkend durch die Wandelhalle, lässt sich Fangopackungen verabreichen und lauscht den Konzerten, die das Kurorchester im Kurpark zum Besten gibt. Das ist aber keine Reha. Reha heißt: Anwendungen! Und die Anwendungen sind in meinem Fall "autogenes Training", "progressive Muskelentspannung", diverse Seminare und ganz viel Sport. Gaaaanz viiiiiieeel Sport.
So starte ich jeden Morgen vor dem Frühstück mit 20 Minuten Intervalltraining (eine Minute Joggen, eine Minute Gehen im Wechsel). Dann schließen sich im Laufe des Tages Bewegungsspiele an, Wassergymnastik, Walkinggruppe und der "Kraftraum", in dem Ergometer und diverse Muskelaufbaumaschinen zur Verfügung stehen. Und ja: Ich habe das alles mitgemacht. Ich habe mich sogar dabei ertappt, wie ich freiwillig um den Küchensee gewalkt bin. Ganz allein. Niemand hatte mich dazu gezwungen. Gehirnwäsche.
Reha ist also: Boot Camp, jedenfalls die onkologische Reha.
Verbesserungswürdig ist das Essen. Das kommt aus der Großküche des nahegelegenen riesigen Altenheims - und ist dementsprechend auf Senioren abgestimmt. Salzarm, das Gemüse immer schön zerkocht. Am schlimmsten war für mich ein Nudelmassaker: Als Penne deklarierte Nudeln hatten sich vor meinen Augen bereits in ihre atomaren Bestandteile aufgelöst und erwarteten mich auf dem Teller als ein matschiger Nudelbrei.
OK, da muss man durch. Und das alles, obwohl viel Wert auf gesundes Essen gelegt wird. Einen Schokopudding als Nachtisch? Nicht hier! Statt dessen: Beerenbrei mit fettreduzierter Dickmilch. Na dann.
Und jeder, der hier ist, hat seine Krebsgeschichte. Da sitzt mir heute morgen ein sportgestählter Mittfünfziger gegenüber. Ich hatte ihn beim Intervalltraining kennengelernt. Er joggte mit Leichtigkeit an uns allen vorbei. Beim Frühstück erzählte er von den diversen Sportarten, die er gerne und ausdauernd betreibt. "Jetzt muss ich aber los" sagte er kurz vor neun Uhr. "Wohin?" wurde er gefragt. "Zum Beckenbodentraining" antwortete er. Also: Prostatakrebs.
Hier sind viele vor allem ältere Männer unterwegs, die alle ein Schicksal teilen: Krebs an der Prostata. Jetzt sind viele inkontinent und müssen zum Beckenbodentraining.
Frauen mit Brustkrebs, einige davon noch mit grotesk angeschwollenen Armen.
Allerlei Menschen mit Lungenkrebs, die sich dann im Raucherpavillon zum Austausch treffen. Auch hier sind die Raucherecken die fidelsten Klönschnackpunkte. Da ist das soziale Leben zu Hause.
Lymphome gehen spazieren mit Knochentumoren.
Ein Aushang im Foyer: "Wer möchte sich mit mir über Multiples Myelom austauschen?" (Ich nicht!)
An einem Morgen saß ich mit einer älteren Frau aus Halle bei Tisch. Leukämie. Mit großem Humor berichtete sie von ihrer Stammzellentransplantation. Sie hat die Stammzellen eines Spenders erhalten, "meine eigenen waren zu kaputt". Und dann: "Ich habe drei verschiedene Hautfarben bekommen: der Rücken war bräunlich, die Oberschenkel schwärzlich und der Rest weiß." Das kam nicht etwa traurig, sondern unter beständigem Gelächter.
Das Gute: Jeder hier hat seine Krebsgeschichte. Lange Erklärungen sind nicht erforderlich. Und die Erfahrungen, die hier im Raum sind, ähneln sich. Immer: Schock! Akzeptanz! Therapie! Remission! Rezidiv! Therapie! Operation! Bestrahlung! Chemo! .....
Nur wenigen siehst du die Krankheit an. Ja klar, es gibt hier mehr Menschen mit Glatzen oder wieder einsetzendem Haarwuchs. Aber sonst....? Und dennoch: Du siehst nur die Fassade von außen. Viele sind hier wie Potemkinsche Dörfer.
Und wie geht es so psychisch? Och ja.... Heute berichtete mir eine Frau, wie sie sich im sozialen Klima zu Hause allein gelassen fühlte. "Man ist ja als Kranker aus dem Gleichgewicht - und da braucht man andere Menschen, die ihr Gewicht auf die Waage legen, damit man sich wieder einpendelt. Und das wird manchmal vergessen." Hier in der Reha gibt es kein Vergessen der Krankheit. Auch wenn er nicht angesprochen wird, ist der Krebs immer präsent.
Ich treffe tief Traumatisierte, die sich keine Gedanken darüber machen wollen, dass der Krebs ihnen die Endlichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens sichtbar gemacht hat. Und ich treffe hier Menschen, die gehen spielerisch mit ihrer Krebsgeschichte um.
"Manche Menschen malen hier ihren Tumor" sagte die Ergotherapeutin, als sie mich mit einigen anderen hier in die Ergotherapie (Malen, Gestalten, Flechten) locken wollte. Och nö, dachte ich, das will ich bestimmt nicht. Diesem elenden Nichts, das sich ungefragt und nicht eingeladen in mein Leben gedrängt hat, will ich nicht noch ein Gesicht geben.
Ach, ich bin so vergesslich. Ich kann keinen Gedanken klar zu Ende denken. Ich ertrage keinen Stress. - Das geht hier vielen so. Wer das Tor zur Chemo durchschritten hat, der macht diese Erfahrungen.
Und nun neigt sich diese Zeit dem Ende zu. Habe ich bahnbrechende Lebensentscheidungen hier getroffen? Nein. Warum auch? Alles hat seine Zeit. Und die Auseinandersetzung mit meinem Krebs ist nicht zu Ende, schon in wenigen Tagen erwartet mich der Chemotherapie dritter Teil.
Und wo bitte, lieber Stefan, ist Dein Glaube?
Ich habe hier Gott unter anderem in den Gottesdiensten erfahren, die ich an zwei Sonntagen im Ratzeburger Dom mitgefeiert habe. Das waren normale landeskirchliche Veranstaltungen mit der üblichen lutherischen Liturgie. Und dennoch durfte ich mich in die Liturgie und die herrlichen Lieder einfach fallen lassen. Es war zuweilen wie ein Nachhausekommen. Gott schloss mich in Seine Arme. Habe ich Christus in den letzten Jahren als einen Fordernden gesehen, so durfte ich nun erkennen, wie sehr ich damit auf dem Holzweg war. Christus ist der, bei dem die Liebe zuerst kommt. Und dann noch einmal die Liebe. Ich gehöre nicht zu Ihm, weil ich mühe, Seinen Forderungen nachzukommen, sondern ich gehöre zu Ihm, weil Sein Wort es mir zuspricht. "Ich habe dich je und je geliebt, ich habe dich zu mir gezogen aus lauter Güte" (Jeremia 31:3) und "ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." (Jesaja 43:1).
Und dann noch am letzten Sonnabend bei der Aufführung des Oratoriums "Die Schöpfung" von Joseph Haydn, ebenfalls im Dom.
Ich spüre, wie sich mein Glaube verändert. Mit dem "Hurra, hurra, die Post ist da!", "hoch die Hände, Wochenende" - Christentum kann ich nichts mehr anfangen. Die lärmende Kulisse wird beiseite geschoben und meinem Blick öffnet sich die ganz und gar die Geborgenheit in der abgrundtiefen Liebe Gottes. Da versagt meine Stimme. Da verklingen die Lieder. Da kommt der Lärm zum Erliegen. Es ist ganz und gar musikalische Schwingung und dennoch von tiefer Ruhe und tiefer Stille geprägt. "Zieh die Schuhe aus, denn der Boden auf dem du stehst, ist heilig" (2. Mose 3:5).
Gottes Liebe trägt - auch im Sturm.
Seid herzlich gegrüßt, Alsterstewart
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