Freitag, 13. September 2019








+++ Update +++

Hat ein paar Monate gedauert mit dem neuen Text. Aber hier ist er.

Ich bin immer noch und Gott sei Dank in Remission. Remission ist der Begriff dafür, dass der Krebs mit medizinischen Mitteln nicht mehr nachweisbar ist. Manchmal höre ich auch, dass die Krankheit zur Zeit nicht aktiv ist. Wie auch immer: aktuell ist der Krebs nicht da.

Wirklich nicht?

Seit nunmehr knapp zwei Jahren absolviere ich die Erhaltungstherapie. Jeden Monat muss ich im UKE erscheinen und lasse mir den Nachschlag servieren. Das ist eine volle Infusion mit dem Antikörper, der sich gegen den Krebs richtet. Üblicherweise erhalte ich dies an einem Freitag.

Freitags läuft also die Infusion mit dem Antikörper. Aus dem UKE taumele ich danach erleichtert, aber auch etwas benebelt. Na klar, ich bin auch so richtig müd.  Einen Tag später am Sonnabend spüre ich bereits, wie mich meine Körperkräfte allmählich verlassen. Spätestens am Nachmittag merke ich, dass bald mit mir nichts mehr los ist. Abends kommen dann entweder Fieberschübe oder aber unendliche Schwäche. Da trifft es sich gut, dass die Nacht auf Sonntag meist eine halbwache ist, da mich die Medikamente, die zur Infusion gegeben wurden, in meiner Erschöpfung aufputschen. Sonntag bin ich dann groggy und möchte nur noch in Ruhe gelassen werden. Meine Familie ist so lieb und lässt mich dann auch schlafen oder wenigstens ruhen. Wenn ich Glück habe, dann bin ich am Montag wieder auf dem Damm.

Selbstverständlich nehme ich jeden Tag meine Chemotherapietabletten. Praktischerweise haben diese Nebenwirkungen, die durchaus nicht von Pappe sind. Seit Monaten leide ich unter Durchfällen, Hautveränderungen und einem gut schwankenden Blutdruck.

Immunsystem ist auch ein gutes Stichwort: Mitte August hatte ich mein Gespräch mit dem Psychoonkologen. Wir zogen eine Bilanz und ich meinte, dass ich richtig Glück hatte, in diesem Jahr 2019 praktisch noch keinen größeren Infekt gehabt zu haben. Letztes Jahr waren Infektionen sozusagen im 3-Wochen-Rhythmus eingeflogen. Am Abend nach dem Gespräch fing mein Hals an zu kratzen, am nächsten Tag hatte ich Fieber und einen Schnupfen mit einer Nase im Dauerlauf.
Panta rhei, wie der Altgrieche sagt.
Es folgte sehr bald der Husten und eine exzellente Bronchitis, die mich zweieinhalb Wochen intensivst beschäftigte. Also doch Infektion.

Letzten Freitag war ich also wieder bei meiner Onkologin im UKE.
„Na, nun sind Sie bald mit der Therapie hier durch“ sagte sie mir freundlich.
„Ja – und wie geht es weiter?“ wollte ich wissen.
„Sie suchen sich einen niedergelassenen Onkologen, der ihnen das Rezept für die Chemotherapietabletten ausstellen wird und den Sie dann einmal pro Monat besuchen müssen. Außerdem kommen Sie einmal im Vierteljahr zu uns und lassen ein Blutbild machen.“
Oha, dachte ich, das hört sich nach vielen Terminen an.
„Die Tabletten“ sagte sie, „müssen Sie so lange nehmen, bis die Krankheit wieder aktiv ist.“

Ich schluckte. „Krankheit wieder aktiv“ Ja, das wusste ich, das ist mir klar. Aber das noch einmal zu hören, dass dann noch etwas vom MM kommt, das hat eine dunkle Saite in der Klaviatur meiner Seele angeschlagen.

Remissionsalltag heißt bei mir übrigens, dass ich mich immer frage, ob der eine oder andere Schmerz, den ich in meinem Körper wahrnehme, normal ist oder ob da eine bösartige Ursache dahintersteckt.

Auf der anderen Seite dachte ich mir, als meine Onkologin „Krankheit wieder aktiv“ mit einer gewissen Selbstverständlichkeit sagte, dass ich bis dahin ja noch Leben habe. Was spricht dagegen, das Leben wenigstens bis zu dem Zeitpunkt zu genießen und aktiv zu gestalten, bis die „Krankheit wieder aktiv“ ist? Die Krebsbiographie ist kein Grund, den „Sand in den Kopf zu stecken“, wie es der Fußballphilosoph Lothar Matthäus weise formuliert hatte.

Krebs ist Arbeit. Remission ist Arbeit.

Nächste Woche kann ich verwirklichen, was ich seit Jahren wollte. Ich fahre für ein paar Tage in ein richtiges Kloster, genauer gesagt in die Benediktiner-Abtei Niederalteich in Niederbayern.

Das ist eine Auszeit. Man hat mir gesagt, dass man sich in solchen Zeiten und an solchen Orten auf die Suche nach Gott begeben kann.
Na dann.

Samstag, 1. Juni 2019



Meine Brille

Das ist kein Text zum Thema Krebs. Es ist die Geschichte der schwierigen Beziehung zwischen der Sehhilfe und mir.


Die Initiation

Es muss ein Wintertag des Jahres 1970 gewesen sein.  Ich war gerade fünf Jahre alt und lag in meinem Bett. Damals bewohnte ich mit meinem Bruder ein acht Quadratmeter-Kinderzimmer in Hamburg-Bramfeld. Unser Bett war ein Doppelstockbett, in welchem ich als der ältere natürlich im oberen Geschoss meine Nachtruhe verbrachte. Mein Bruder durfte sich mit dem unteren Part begnügen.

An diesem Morgen las ich ein Bilderbuch. Lesen? Nein, ich konnte noch nicht lesen, daher betrachtete ich aufmerksam die einzelnen Bilder. In meiner Erinnerung war das irgendwas mit Bauernhof, auf dem sich diverse Tiere tummelten. Das Buch selbst war etwas unhandlich und - da für kleine Kinder angefertigt - mit Pappe in mehreren Lagen verstärkt.

Dann passierte es: ZACK! Durch eine Unachtsamkeit hatte ich mir eine Ecke des Buches, ob Vorder- oder Rückseite weiß ich nicht mehr, direkt in mein linkes Auge gerammt. Frag nicht, wie. Aber die Ecke stach in mein linkes Auge. Ein furchtbarer Schmerz erhob sich - und ich reagierte mit hilflosem Schreien und Weinen. Ein Elternnotruf. "Der Junge muss sofort ins Krankenhaus" entschieden meine Eltern.

Verheult und mit dickem Auge ("Fass das ja nicht an!") kam ich an der Hand meiner Mutter im AKH Barmbek an. Das Auge wurde gründlich untersucht und dann mit etwas Salbe behandelt, ein Verband darüber geklebt. Fertig. Schmerz lass nach. Praktischerweise ergab die Nachbehandlung auch gleich eine Diagnose: "Frau Wartisch, vor allem auf dem linken Auge, aber auch rechts hat ihr Sohn eine Hornhautverkrümmung. Er braucht eine Brille."

Kurze Zeit später folgte Augenarzttermin auf Optikertermin ("Möller und Pöhl") und ich erhielt - täterätää - meine Brille. Und wie bitteschön sah die Brille des Jahres 1970 aus? Ein düsteres, dafür aber klobiges Horngestell umfasste zwei schmale, leicht dreieckige Gläser. Kindgerecht. Die Erwachsenen trugen so ähnliche Brillen, nur größer. Zu meiner Verblüffung aber empfand ich keinerlei Unterschied zwischen dem Sehen ohne und dem Sehen mit Brille.

Was mir damals seltsam vorkam, ist die mir heute wolhbekannte Tatsache, dass mein rechtes Auge freundlicherweise das Sehen für die linke Gesichtshälfte übernommen hat. Links funktioniert kaum. Ich bin sozusagen blind auf dem linken Auge.


Descente à l´enfer

Ein Junge von fünf, sechs, sieben Jahren, der eine Brille trägt. In den frühen 70er Jahren (das "bunte" Jahrzehnt, in dem alle happy waren) war das ein Vernichtungsurteil. Schon mein Vater, der mir seinen berüchtigten Sarkasmus vererbt hat, empfing mich mit den Worten: "Na du bebrillter Ömmes." Ich spürte eine gewisse Erschütterung der Macht.

In dieser Zeit feierte ich ein Erlebnis, das jeden Menschen in Deutschland früher oder später ereilt: Die Einschulung. Im September 1971 stand also ein bebrillter Ömmes mit blauer Schultüte leicht ungelenk auf dem Schulhof der Grundschule Heinrich-Helbing-Straße und starrte ausdruckslos in ein Fotoobjektiv (schade, dass ich keine Fotos da habe). Ich war nicht der einzige Brillenträger in meiner Klasse, aber der einzige Junge mit einer Brille. "Brillenschlange" war daher der erste Spitzname, den sich meine Mitschüler für mich ausgedacht hatten. Das war nicht sonderlich kreativ, aber durchaus einprägsam. In der Klasse 1a von 1971 gab es ja - wie gesagt - nur einen einzigen Jungen mit Brille.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich das Motiv "Bebrillter Ömmes, den man Brillenschlange nennt" durch meine Grundschulzeit zog. Heute ist das kaum noch nachvollziehbar, damals aber gab es nur sehr wenige Brillenträger in meinem Alter. Und denkt nur nicht, dass die wenigen, die ein "Nasenfahrrad" (auch so eine spaßige Bezeichnung), als Gesichtsverzierung trugen, untereinander solidarisch waren. Im Gegenteil. Da herrschte Hauen und Stechen, schließlich freute sich jeder Bebrillte, dass selbst im unteren Bereich sozialer Beliebtheit immer noch genug Platz im hinteren Bereich war. Dorthin wurden dann diejenigen geschoben, die sich entweder nicht zu wehren wussten - oder die ein ganz besonders hässliches "Nasenfahrrad" ihr eigen nannten.

Wir schrieben 1975: Die flippigen Seventies-Modelle zierten die Augen der Nachzügler. Ich trug, wie gesagt, eine düstere Hornbrille mit kleinen Gläsern, Modell von irgendwas rund um 1966.


Der blaue Rahmen

Damals waren lange Haare in. Jeder Junge, der etwas auf sich hielt, musste zwei Dinge haben: Erstens ein Bonanzarad, zweitens lange Haare.

Ein Bonanzarad war ein Fahrrad mit einem bananenförmige Sattel, hochgezogener Lenkstange und ohne Gepäckträger. Wichtig waren die roten, kreisförmigen Reflektoren, die man Katzenaugen nannte, und die an dem Fahrradgestänge effektheischend angebracht waren. Ich hatte kein Bonanzarad ("zu teuer"), aber einen frisch montierten Bananensattel auf meinem Kinderrad. "Voll spastig" war der Kommentar meiner Altersgenossen.

Aber ich hatte lange Haare. Nicht sehr lang, sondern so durchschnittslang. Sie entluden sich über meine Ohren und hatten eine Länge erhalten, dass ich sie sogar in den - Vorsicht beim Weiterlesen -  Mund nehmen konnte. Cool war das, auch wenn es dieses Wort 1975 noch nicht in die Jugendsprache geschafft hatte.

Dazu passte Hornbrille Model 1966 nicht mehr. Mein Gesicht war auch nicht mehr das eines Fünfjährigen. Also ab zum Optiker "Möller und Pöhl" in Barmbek. Die schrieben mir ja immer so freundliche Briefe zum Geburtstag. Das Logo war eine - wie originell - Brille, die die Buchstaben M und P freundlich zu einem Gesicht verband.

Neue Brillengläser. Endlich. Sie waren nicht mehr dreieckig und klein, sondern abgerundet viereckig und groß. Mit nur fünf Jahren Verspätung war ich in den 70er Jahren angekommen! Alles das wurde getoppt durch den blau schimmernden und schmalen Rahmen, der die Gläser einfasste. "Frau Wartisch", erklärte Optikermeister Pöhl meiner Mutter, "ihr Sohn hat sich ein fabelhaftes Gestell ausgesucht." Dem Optiker gefiel´s also, meiner Mutter auch - und mir dann ebenfalls. Abends begutachtete mein Vater das neue Gestell. "Soso, dann eben blau."

Im Hochgefühl neuer Schönheit betrat ich am nächsten Morgen meine neue Schulklasse. Mittlerweile hatte ich die weiterführende Schule erreicht, zudem war der Anteil der männlichen Brillenträger etwas angestiegen. Die Reaktion meiner Klassenkameraden war - null. Eines hatte sich beim blauen Rahmen aber erhalten: "Brillenschlange" blieb eine geläufige Bezeichnung für mich.

Es muss in den unschuldigen Monaten der Jahre 1976 oder 1977 gewesen sein, als ich über den blauen Rahmen nachdachte. Nein, nicht nur über den, sondern über die Brille allgemein. Mochte ich mich damit sehen lassen? Wie reagierte mein Umfeld darauf? Welchen Vorteil brachte mir die Brille? Ich setzte sie ab und betrachtete meine Welt, die damals eine verkehrsreiche Straße in Bramfeld war. Ohne Brille sehe ich gut. Mit Brille genauso gut. Erneute Probe: Brille auf, Brille ab. Kein Unterschied. Als ich nachhause kam, betrachtete ich mich im Spiegel: Ein Junge von vielleicht 12 Jahren, immer noch recht lange Haare (fast kinnlang), mit Brille. Also Brille ab: Ey, was siehst Du gut aus, Stefan.

Ich beschloss: Die Brille bleibt ab.

Schon am nächsten Morgen wurde der Beschluss in Vollzug gesetzt. Brillenlos und gut gelaunt trat ich in die Welt. "Wo ist deine Brille?", fragte meine Mutter. "Setz die Brille auf!", sagte meine Mutter. Ich setzte sie auf und sofort wieder ab. Nie mehr im Leben sollte mich eine Brille quälen, da nahm ich lieber elterliches Unverständnis und entsprechende pädagogische Maßnahmen in Kauf. Was letztere anbelangt kann ich rückblickend festhalten: Ich habe sie brillenlos ausgesessen.


The empire strikes back

Was der 12 jährige beschlossen hatte, blieb jahrzehntelang als eherner Vollzug: KEINE BRILLE!

Mein Sehvermögen wurde zwar nicht besser, aber mein Gefühl hatte diese Fakten besiegt. Selbst die Schwächen beim räumlichen Sehen wurden überwunden.

Sehtest 1984 bei der Bundeswehr: "Welches Kästchen von den vieren kommt ihnen entgegen?" fragte der genervte Sanitätsunteroffizier beim Eignungstest für den Bundeswehrführerschein. Ich nannte das falsche, sie sahen für mich alle exakt gleich aus. "Nehmen sie mal die Pappnase ab" brüllte der freundliche Kamerad. Also riet ich - und gewann! Ich durfte den Führerschein machen. Noch heute erfreue ich mich der Tatsache, dass ich meinen Führerschein "beim Bund" und damit gratis machen konnte. Dank eines geratenen Sehtests.

Ein halbes Jahr später wurde ich erneut durch Bundeswehraugenärzte untersucht. "Hornhaut total verkrümmt links, sieht nicht richtig räumlich" befand Oberstabsarzt Irgendwer und ich war den Bundeswehrführerschein wieder los. Gut, dass ich ihn in der Zwischenzeit zivil habe umschreiben lassen.

Der Makel blieb in meiner Seele haften: Ich sehe links schlecht. Aber Brille, das kommt nicht in Frage.

"Warum guckst du immer so grimmig?" wurde ich eines schönen Tages des Jahres 2000 von einem Arbeitskollegen gefragt, als ich in meinen Monitor schaute. "Ich stelle meine Augen scharf" entgegnete ich. "Wie wäre es mal mit einer Brille?" kam zur Antwort.

Unwort Brille. Aber die traurige Erkenntnis wuchs in mir, dass ich eine Brille brauche. Wenigstens um besser lesen und arbeiten zu können.

Kurz vor Weihnachten 2001 kaufte ich dann meine erste Brille seit jenem legendären blauen Rahmen. Sie war ein mehr oder weniger randloses Etwas und auf der Höhe der damaligen Brillenmode. Als ich sie aufsetzte und in die Welt schaute, die damals eine verkehrsreiche Straße in Hamburg-Wandsbek war, erfasste mich ungläubiges Staunen: Ach, so sieht die Welt aus? Dreidimensional. Und selbst kleine Buchstaben strahlen mir entgegnen und eröffnen mir bereitwillig das Geheimnis ihrer Bedeutung.


Ende gut, alles gut!?

Jaja, ich gestehe, dass ich die Brille nur zum Lesen aufsetze. Nur zum Arbeiten am Computer. Nur zum Kochen. Nur zu den Gelegenheiten, in denen ich besonders scharf gucken muss. Sonst schreite ich brillenlos durch die Welt.

Die Erkenntnis, dass ich ohne dieses Ding aufgeschmissen wäre, ist bei mir angekommen. Ohne Brille kann ich nicht mehr lesen, nicht mehr arbeiten, nicht mehr kochen usw. Die Welt verschwimmt, wenn ich kleine Dinge betrachten muss. Mit zunehmendem Alter sind meine Augen schlechter geworden. Links sowieso, das Auge habe ich ohnehin aufgegeben. Aber das rechte schwächelt auch. Ein Augenarzt hat mir dazu gesagt, dass eben der Augenmuskel im Laufe der Zeit nachlässt und die Hornhautverkrümmung daher nicht mehr so gut ausgeglichen werden kann. Danke für die Erklärung.

Fehlt mir die Brille, dann fehlt mir in der Tat etwas. Also, liebe Brille, schließen wir Frieden.

Dann setze ich sie auf: Ach, sofort bin ich nicht mehr 54, sondern 6 Jahre alt und der Ruf "Brillenschlange" ertönt in meinem Kopf. Im Spiegel schaut mich ein bebrillter Ömmes an.

Hmnnnn....




Samstag, 27. April 2019


Ich weiß ja nicht.... Ich weiß ja nicht, ob ich diesen Blog noch fortsetzen soll. 
Ich weiß ja nicht.... Ich weiß ja nicht, ob der Blog noch das trifft, was ich sagen soll.
Ich weiß ja nicht.... Ich weiß ja nicht, ob ich noch etwas mitzuteilen habe.

Was weiß ich dann? Na gut, noch einmal in die Tasten gehauen!


Gesundheitsbericht: Infektionen und Nebenwirkungen

In diesem Jahr 2019 gestaltet sich die Gesundheit etwas anders als im Jahr 2018. Quälten mich das letzte Jahr hindurch eine ganze Reihe von Infektionen, so ist dieses Jahr bislang eher langweilig. Eine einzige fiebrige Infektion im Winter, die nach sehr kurzer Zeit ausgestanden war, und mehr nicht. Ich kann na klar nicht sagen, dass ich die Infektionen des letzten Jahres genossen hätte. Au contraire. Aber Spektakuläreres als zwei Tage Fieber kann ich nicht berichten.

Das ist doch auch gut so! 

Nun bekomme ich auch allmählich die Nebenwirkungen der immer noch laufenden Chemotherapie in den Griff. Diese äußern sich vor allem in Muskelkrämpfen in den Füßen und in Schüttelfrost einen Tag nach der Antikörpervergabe.

Den Schüttelfrost bekomme ich immer zuverlässig rund 30 Stunden, nachdem ich mir im UKE meinen Antikörper namens Elotuzumab abgeholt habe. Das kommt bei vielen Patienten vor, die dieses Präparat zu sich nehmen. Da ich alle vier Wochen freitags "dran" bin, kann ich sicher sein, dass Sonnabend Abend der Schüttelfrost kommen wird. Dieser klingt in der Nacht zum Sonntag ab. Sonntag bin ich dann "flach" gelegt und kann gar nichts mehr. Meistens erhole ich mich zum Montag dann und bin am Dienstag wieder fit. Jetzt hat mir die neue Chefärztin der Onkologischen Ambulanz den Tipp gegeben, da mit Paracetamol gegenzuschießen. Dann ließe sich der Schüttelfrost umgehen. Gesagt und nun getan: Diesen Text schreibe ich beispielsweise schüttelfrostfrei im T-Shirt bei normaler Körpertemperatur nach mittäglicher Einnahme von Paracetamol. Ich bin glücklich und erstaunt. Mal sehen, was die Nacht nun so bringt.

Alternativ schlug die Ärztin mir Cortison vor. NEIN! NEIN! NEIN! Cortison mag nützlich und prima sein, aber Cortison und ich werden sicherlich nie dicke Freunde. Nach den Erfahrungen von vor zwei Jahren - ich sage nur Bluthöchstdruck! - verzichte ich gerne auf derlei Hilfsmittel. Lieber eine Nacht Schüttelfrost als eine Dosis Cortison.

Krämpfe in den Füßen machen mir auch zu schaffen. Die treten meistens im Liegen auf, manchmal auch, wenn man sie nicht brauchen kann. Liege ich auf der Massagebank (mein Arbeitgeber spendiert mir Massagen während der Arbeitszeit zu einem günstigen Preis) , dann kommen die Fußkrämpfe mit Sicherheit. "Entspannen sie sich doch" sagt dann die Masseurin. "Ich versuche es ja mit aller Kraft" erwidere ich angestrengt. 

Neulich fuhr ich mit dem Auto auf die Autobahn. Gerade, als ich Schnelsen-Nord die große Kurve mit der langen Baustelle elegant auf die A7 Richtung Norden hinauffuhr, erwischte mich ein Fußkrampf auf der linken Seite. Wat een Schiet. Da kann ich nicht einfach rechts anhalten und den Fuß durch Gegendruck entspannen. Also: Aushalten und mal sehen, was passiert. Während ich beschleunigte, zog der Schmerz vom Fuß die Wade hoch. Jetzt kühlen Kopf bewahren. "Schmerz lass nach. Stefan - konzentriere dich auf etwas anderes. Schmerz ist nur eine Illusion. Jetzt wird er weniger. Jetzt ist es angenehm. Jetzt ist er wieder da...." So ging es eine ganze Weile. Erst kurz vor Quickborn war ich den Krampf los.

Auch ne Erfahrung.

Was macht eigentlich der Krebs? Ehrlich gesagt: Nix. 

Manchmal erinnern mich Schmerzen im Körper daran, dass die Krankheit erst vor zwei Jahren zurückgedrängt worden ist und dennoch immer noch in meinem Körper schlummert. So zogen vor Wochen schlimme Schmerzen über meinen ganzen Rücken. "The return of the ugly." Was mich letztes Jahr noch in helle Panik versetzt hätte, lässt mich heute gelassener denken: "Wenn die Krankheit zurückgekommen ist, dann wäre das beim letzten Bluttest aufgefallen. Und da war nichts. Sonst eben in zwei, drei Wochen beim nächsten Bluttest. So lange: Enjoy my life."

Ganz ehrlich: In diese Gelassenheit zu kommen war ein hartes Stück Arbeit.


Geistliches

Ich habe in den letzten Jahren zugesehen, immer eine geistliche Deutung zu finden oder damit abzuschließen. Doch hat die Auseinandersetzung mit der Krankheit zu einer weiteren Entwicklung des Glaubens geführt.

Glaube ist dynamischer, als ich dachte. 

Früher hielt ich eine einfache Glaubensgeschichte für ausreichend. Bekehrung und dann Gemeinde, das langt. Wechsel von einer Gemeinde zu einer anderen anderen fand ich nicht so prima. Warum macht man das?

Und nun habe ich die Gemeinde gewechselt. Warum? Weil sich das Leben, mein Leben, geändert hat. Meine bisherige Gemeinde hat sich auch geändert. Nichts erlebe ich mehr so, wie es vor zweieinhalb Jahren war. Also bin ich nach reiflicher Überlegung aus der Elim Hamburg ausgetreten und zurück in die evangelisch-lutherische Landeskirche gegangen. Dort docke ich an die Friedenskirche in Jenfeld an, die mich in vielem an meine ersten Jahre als Christ, seinerzeit noch in der Versöhnungskirche Eilbek, erinnert. Landeskirchlich zu glauben empfinde ich als zu meiner Lebenssituation passend.

Ich hatte letztes Jahr geschildert, dass sich mein Glaube in einer Krise befindet bzw. ich durch diese Krise hindurchgeführt wurde hin zu einer Erneuerung und Wiederherstellung des christlichen Glaubens. Nun stelle ich fest, dass es dabei doch zu einer Reihe von Dellen und Schrammen gekommen ist. Also muss mein Glauben noch einmal in die Werkstatt und gründlich durchgecheckt werden. Defektes muss repariert werden und einige verschlissene Werksteile durch neue ersetzt werden. Wichtig: Meine Glaubenssoftware benötigt ein Update.

Neulich las ich hier bei Facebook den glücklichen Bericht eines lieben Mitchristen über das erhörte Gebet bei der Parkplatzsuche. Ich kann die Freude darüber gut nachempfinden. Was mich dabei nur stutzig macht: Gott erhört das Gebet nach einem Parkplatz deutlich eher (und öfter) als mein Gebet um vollständige Heilung vom Multiplen Myelom. Wo wäre da die Relation? Eine tödliche und lebenszeitverkürzende Krankheit ist nach meine Verständnis bedeutungsvoller als ein freier Parkplatz. Man mag hierauf berechtigt einwenden, dass das erhörte Gebet für den einen nichts besagt über das (nicht erhörte) Gebet von mir. Oder dass Gott ganz andere zeitliche Maßstäbe hat als ich. Aber das alles überzeugt mich nicht. 

Die Lösung liegt wohl eher darin, dass Gott nicht funktioniert. Nie funktioniert hat. Nie funktionieren wird. "So hopp, lieber Gott, spring über das Stöckchen, das ich Gebet nenne und dir hinhalte.... Ja, fein gemacht, lieber Gott, gut gesprungen." Liebe Leute, so geht das nicht.

Gott funktioniert nicht. Aber: Er ist immer da. Das ist das, was mich an der Sache mit Gott überzeugt und immer noch überzeugt. Er trägt durch Krankheit und Parkplatzsuche gleichermaßen. Gottes Zusage der immerwährenden Liebe ist das Kreuz, an das Jesus genagelt wurde. Gottes Zusage der immerwährenden Gegenwart in unserem Leben ist die Auferstehung Jesu aus dem Tod. Gottes Zusage der immerwährenden Hoffnung ist die Ausgießung seines Geistes zu Pfingsten.

Klingt das zu pathetisch?

Bei mir kommt derzeit alles auf den Prüfstand, was ich je geglaubt habe.

Zuversicht finde ich bei dem Theologen Thomas Frings, der geschrieben hat: "Ich glaube nicht an Wunder, ich glaube an die Zusage Jesu, dass ich im Tode nicht untergehen werde."

So ist es.




















Dienstag, 12. Februar 2019


Mittlerweile sind es zwei, drei Monate, seitdem ich den letzten Post veröffentlicht habe. Gibt es nichts mehr mitzuteilen oder zu posten? Der ganz große Druck ist irgendwie weg, der Gedankenstau im Kopf, der aufzulösen ist, den gibt es so nicht mehr.

Dennoch.

In der letzten Zeit beschäftige ich mich damit, wie meine Krankheit Teil meines Lebens geworden ist. Unübersehbar sind die Tage, an denen ich zur Antikörper-Infusion ins UKE muss. Da wird mir immer wieder aufs Neue bewusst, dass das Thema Krebs lange nicht erledigt ist. Wenn die Therapie insgesamt abgeschlossen sein wird, bleibt der sichere Rückfall.

Nun ja,

Ich habe eine deutlich größere Freiheit in der Auseinandersetzung mit dem Multiplen Myelom gewonnen. Als ich vor zwei Jahren in die Chemo ging war alles für mich bedrohlich. Hörte ich davon, dass andere Patienten gut mit der Krankheit klargekommen sind, dachte ich, dass die eben Glück gehabt haben und das für mich nicht gelten könne. Wenn ich dann vom traurigen Schicksal derjenigen erfuhr, die an MM erkrankt und verstorben waren, rechnete ich mich das als das zu, was mir alsbald bevorstand. Daher war es unerträglich, mich mit anderen Patienten und Betroffenen über das Thema MM auszutauschen. MM war und blieb daher mein Einzelthema. Noch in der Reha im September 2017 verspürte ich keine Neigung, mich mit anderen Betroffenen, die sich dort zur Austauschrunde trafen, zu unterhalten.

Das hat sich seit ein paar Monaten geändert, was nicht nur daran liegt, dass ich mich der Remission erfreue. Vielmehr kann ich das MM besser einordnen und weiß in etwa, was da alles passiert. Die entscheidende Lektion aber in puncto MM ist, dass die Krankheit je Patient individuell unterschiedlich ist. Der eine hat Dauerschmerzen, der andere merkt fast nichts. Ein Patient leidet an andauernden Infektionen, der andere unter Übelkeit. Alles ist möglich. Zudem ist die Reaktion des Körpers auf die Chemotherapie auch je Patient verschieden. 

Es gibt also nicht „den“ Fall, es gibt „die“ Fälle.

Gerade wenn ich an die Zeit vor zwei Jahren zurückdenke, erfüllt mich durchaus eine Dankbarkeit dafür, dass ich überhaupt noch da bin und dass mich MM und seine Begleiterscheinungen körperlich kaum beeinträchtigen. Es bleibt eine erhöhte Infektanfälligkeit und eine besondere Sensibilität für die Vorgänge in meinem Körper. 

Letzte Woche stellte meine Hausärztin bei mir eine leichte Blutarmut fest. ALARM! Das ist ein Symptom eines aktiven MM. Ich gestehe, dass mir das Herz in die Hose rutschte - aber nur für einen Augenblick. Für Blutarmut gibt es mehr als nur eine Ursache. Außerdem hätte man es mir im UKE bereits diagnostiziert, falls MM wieder aktiv wäre. Also: Ruhig atmen. Blutarmut kann eher im Zusammenhang mit einem Medikament stehen, das ich zu meiner Chemotherapie seit Monaten einnehme.

Es gibt sogar Tage, da ist der Krebs nicht nur Teil meines Lebens, sondern auch so etwas wie mein Freund. Jedenfalls bilde ich mir ein, ihn zu kennen und mit ihm umgehen zu können. Vermutlich täusche ich mich in ihm, aber mir kommt es so vor. MM bietet mir eine Art von Sicherheit in stürmischer Zeit. Einen Hafen, in den ich ganz sicher fahren werde. Dass die freundschaftliche Umarmung des Myeloms lebensgefährlich ist, nehme ich in Kauf oder verdränge ich.

Natürlich beschäftige ich mich auch mit dem Glauben. Dass ich überhaupt noch glaube, ist nicht selbstverständlich. Letztes Jahr wäre ich glatt abgerutscht.

Doch ist der Glaube seines Zierrats beraubt worden und steht bloß vor mir. Dabei mache ich die Erfahrung, dass die Betrachtung des Glaubensinhalts mir Frieden schenkt. Besser gesagt: Die betende Betrachtung des leidenden Gottessohnes führt mich auf den Grund meiner Hoffnung. Es geht nicht mehr um Triumphalismus, auch nicht um Rechtgläubigkeit oder Außenwirkung - es geht um die persönliche Begegnung mit Christus in der betrachtenden Stille. Da war ich schon einmal vor vielen Jahren, als ich neu war im christlichen Glauben. Jetzt, nach dieser einschneidenden Zeit, komme ich an diesen Punkt zurück.

Ist meine Glaubensbiographie dann ein Irrweg gewesen?

Nein. Es ist das Leben, das ich geführt habe und noch führe und in dem ich nun an diesen Ort gekommen bin. Ich habe viel erlebt, viele Menschen auf diesem Weg kennengelernt, habe Verantwortung getragen und übertragen, viel gelernt und weitergeben können. Nun aber komme ich dahin zurück, was meiner Natur am ehesten entspricht.


Mit dem Gepäck meines Lebens, mit meiner Krankheit, mit meinen Hoffnungen.

Dienstag, 13. November 2018


Aus dem Remissionsalltag

Seit annähernd einem Jahr befinde ich mich mit meiner Therapie im Erhaltungsstadium. Das Thema "Chemo" ist also lange nicht abgeschlossen, vielmehr durchlaufe ich seit Ende November letzten Jahres eine Reihe von 28 Zyklen zu je 28 Tagen. Zunächst hatte ich jeden ersten und jeden 15. Tag des Zyklus eine Antikörperinfusion, seit Juni nur am jeweils ersten Tag des Zyklus die Infusion. Jeden Tag nehme ich dazu meine Dosis Revlimid und gegen die Thrombose-Embolie-Gefahr morgens und abends je 5 mg Eliquis.

Das alles läuft so nach den Plänen noch bis Januar 2020. Das bedeutet also eine gewisse Strecke, die noch vor mir liegt. Ich habe noch nicht einmal die Hälfte dieser Erhaltungstherapie erreicht. Aber gut, wenn mich die Chemotherapie eines gelehrt hat, dann das: Geduld führt ans Ziel.

So melde ich mich daher alle vier Wochen im UKE. Ich nenne das - leicht euphemisierend - einen Ausflug an die Ostsee. Das klingt netter als "Onkologie" und fängt überdies auch mit einem "O" an. Warum ausgerechnet Ostsee? Das klärt sich im Laufe dieses Blogposts.

Es ist nun nicht so, dass mir die Einnahme von Medikamenten so richtig Spaß macht - im Gegenteil. Doch habe ich die durchaus lebenserhaltende Lektion gelernt, dass die Medikamente mir da weiterhelfen, wo mein Körper nicht mehr die erforderliche Gegenwehr gegen Krankheiten und Ungemach aller Art bietet. Also prima. Nein? Nicht nur prima.

Mit den Medikamenten kommen auch die Nebenwirkungen. Bei meinem Revlimid-Konsum komme ich auch diverse lustige Begleiterscheinungen. Da sind ab und zu spannende Muskelkrämpfe (vorzugsweise in den Finger-, Zehen- und Wadenmuskeln), eine Neigung zu Infekten aller Art, Schläfrigkeit, Reizbarkeit und unberechenbare Körperreaktionen, wenn es zu Infekten dann kommt. Neulich im Oktober durchlitt ich den xten Infekt dieses Jahres. Innerhalb weniger Tage stieg das Fieber mal wieder in schwindelnde Höhen. Als es dann endlich fiel, erfreute ich mich zahlloser roter Flecken im Gesicht, auf dem Kopf, am Hals und am ganzen Oberkörper. Das war ein juckendes Vergnügen und eine neue Erfahrung.

Nervig ist natürlich die Schläfrigkeit, die mich ab und zu im Alltag überfällt. Da kommt zusätzlich zu den Medikamenten noch die psychische Belastung hinzu.

Ach ja: Es gibt nicht nur die Grunderkrankung, die sonstigen möglichen Krankheiten laufen auch noch mit. Kürzlich diagnostizierte ein Nuklearmediziner bei mir den Verdacht auf "kalte Knoten" in der Schilddrüse. Da habe ich auch noch ein Thema, vielen herzlichen Dank, liebes Leben.

"Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man bekommt." (Forest Gumps Mutter, zitiert nach Forest Gump).

Zweifellos aber stellen die Infusionstage die Höhepunkte im Remissionsalltag dar. Wie gesagt: Alle vier Wochen freitags. Im UKE.

Das Ritual läuft immer ähnlich ab: Anmeldung, Wartezeit, Blutabnahme, Einfinden auf dem Infusionssessel, Vormedikation (intravenös und oral), Arztgespräch, Hauptmedikation (intravenös) und Nebenmedikation (ebenfalls in die Vene). Je nach Organisation, Patientenandrang, Personalsituation dauert das dreieinhalb bis vier Stunden, manchmal auch länger. Ich bekomme eine schöne Portion Elotuzumab, so nennt sich das Präparat, das aus einem Beutel in meine Blutbahn tropft. Irgendwie unspektakulär.

Auf den Sesseln links und rechts neben liegen und sitzen andere Patienten. Einige erhalten Kühlpackungen auf die Hände und die Füße. Ich wage nicht zu fragen, was ihnen verabreicht wird.

Sorry UKE, aber die Räume strahlen eine tiefe Trostlosigkeit aus. Wären da nicht in jedem Raum an den Wänden diese.... fantastischen... Entspannung verheißenden... Frieden ausstrahlenden.... 

FOTOS (s. Darstellung, leicht schräg über dem Stuhl angeordnet).


Ja, das sind Ostsee-Motive! 

Während die Chemotherapie in meine Vene tropft, bin ich in Gedanken irgendwo zwischen Darß, Zingst, Rügen und Usedom unterwegs. Was könnte schöner sein.....?!

Ein Infusionsfreitag ist ansonsten ein lustiger Tag. Die Medikamente wirken leicht euphorisierend, ich darf nur nicht Auto fahren. Ansonsten fühle ich mich benommen, aber stark. 

Am Sonnabend geht es mit den Kräften leicht abwärts und der Sonntag ist dann ein Tag zum Vergessen. Da hänge ich total durch, da ist mit mir nichts mehr anzufangen. Erst am Montag oder Dienstag komme ich wieder zu mir.

Remissionsalltag eben in der Erhaltungstherapie.

OK, es hätte schlimmer kommen können.

Noch mehr als ein Jahr, dann bin ich mit der Therapie durch. Und dann....?

Es lebt sich so lala mit MM.

Alles Gute.

Freitag, 12. Oktober 2018




Es ist ein langer Weg….
(Eine Reise des Glaubens und Nichtmehrglaubens.)


In Zeiten der Krise kann sich die Persönlichkeit schneller verändern als in den Zeiten, in denen es im Leben glatt geht. Bei mir ist da so.

Dazu gehört auch die Suche nach einem Glauben, der trägt, und einem Glaubensort, der mir Heimat ist.

Ich ging in die Therapie meiner Krebserkrankung hinein in der Gewissheit, dass der Glaube an Gott mich komplett hält. Die Voruntersuchungen und die ersten Wochen der Chemotherapie waren durchdrungen von den Psalmen der Schrift und den individuellen Gebeten. 

Doch je länger die Therapie anhielt, desto schwieriger fiel es mir, an dem Glauben festzuhalten, der mich all die letzten Jahre ausgemacht hatte. Mit der in meiner christlichen Gemeinde mittlerweile dominanten Hillsong-Spiritualität konnte und kann ich ohnehin noch nie viel anfangen. Die eher calvinistisch begründete Theologie, die ich „im stillen Kämmerlein“ kultivierte ließ mich ohne Trost zurück, das war für eher etwas für die Kopf. Alles andere erschien mir fremd und bedeutungslos geworden.

Ich fand mich im Sommer 2017 bekanntlich im Krankenhaus wieder. Da waren Hochdosischemotherapie und Stammzellentransplantation angesagt. Ich hatte in dieser Zeit buchstäblich alle Hände voll zu tun, nicht die Nerven zu verlieren. 

Es gibt im Leben von Christen Momente, da ist kein Gedanke mehr an Gott möglich. Bei mir war das im Krankenhaus in dieser Zeit oft der Fall.

Aber ich hatte eine Hoffnung: Spätestens mit dem Anbruch des Jahres 2018 sollte alles anders und besser werden. Mir war klar, dass das nur eine Atempause sein wird, aber immer noch schöner als der Mist, durch den ich 2017 gehen musste.

Doch folgte ab dem Spätherbst 2017 Krise auf Krise, in der Regel warfen mich Infektionen darnieder. Meine Frau Christiane hatte mitgezählt: Bis zum Herbst 2018 erfreute ich mich nicht weniger als sieben Infektionen, teils mit Fieber, teils mit Erkältung, teils mit Schmerzen.

Das hat natürlich etwas in mir verändert. Die Hoffnungen des Jahres 2017 waren zerstoben und neue Herausforderungen zeigten sich als Hochgebirge.

Am heftigsten tobten dabei die Kämpfe in der Seele.

Und irgendwo in dieser Zeit ging mir … der Glaube an Gott abhanden. Jedenfalls der Glaube daran, dass es dieser Gott gut mit mir meint. Er schien weit entfernt und an meinem Schicksal desinteressiert. „Nach Diktat verreist“ stand an seiner Bürotür.

Die uralte Frage „Warum das alles?“ kreiste durch meinen Schädel. Ja, warum? Die christlichen Antworten kannte ich alle: „Frag nicht warum, frag wozu?“ „Gott will dich erziehen.“ „Gott hat alles in der Hand.“ „Du kennst das ganze Bild noch nicht.“ usw. usf. Da war ich längst in einem Stadium, in dem ich nur sagen konnte: „OK, wenn ich Gott und seinen Kennern das alles  abkaufe, dann muss doch irgendwann mal Schluss sein. Es MUSS IRGENDWANN MAL SCHLUSS SEIN MIT DIESEN GANZEN PRÜFUNGEN!“:

Aber es gab kein Schluss. 

Infektion Ende Februar überstanden, Infektion Mitte April taucht auf…. usw. „Hast Du immer noch nicht genug, Gott?“ fragte ich mich. Jaja, mein alter Lehrmeister John Piper kam mir in den Sinn, der schrieb einen netten Sermon „Warum man nie sauer auf Gott sein darf.“ Ich war aber nicht nur sauer, ich war zornig. Jeder Gedanke an Gott rief Zorn, Wut, Aggression hervor.

Zu Ostern 2018 legte ich mein Gemeindeamt nieder, immerhin war ich ja pro forma immer noch Teil der Leitung dieser Gemeinde. Wie sollte ich aber ich eine Gemeinde leiten können, wenn ich um meine Gesundheit kämpfen soll und überdies eigener Glaube dahinschmolz wie ein Schneemann in der Frühlingssonne?

Der christliche Glaube hatte mir wenig bis nichts zu sagen. Tausendmal gehört, jetzt passiert nichts mehr. Gequatsche, für mein Leben irrelevant.

Was gibt es denn sonst so auf dem Weltanschauungsmarkt? Offenbarungsreligionen und Esoterik haben es bei mir schwer, es blieben nur: Buddhismus und Atheismus.

Also beschäftigte ich mich mit dem Buddhismus. Da fand ich tatsächlich einige hilfreiche Anregungen, wie ich mein eigenes Leiden deuten und transzendieren kann. Auch gibt es Hilfreiches zum Thema „Wie lebe ich im Augenblick?“ und „Wie gehe ich mit anderen Menschen um?“. Aber insgesamt war mir dieses philosophische System zu fremd. Mir schwirrte der Kopf von Begriffen wie Rad des Dharma, Karma und Mahayana. Da kam und komme ich nicht mit. Aber ich gestehe, dass ich immer von der Weisheits-  und Gelassenheitslehre des Buddhismus profitiere.

Vielleicht aber ist der Glaube an einen Gott ohnehin nichts anderes als eine Illusion. „Gott existiert und er hat einen wundervollen Plan für Dein Leben“ hatte sich bei mir gerade erledigt. Auf diesen wundervollen Plan mit Krebs und Co kann ich gut verzichten. Da lag der Atheismus nahe. Und eines halte ich dem Atheismus zugute: Er hat bemerkenswert gute Argumente für seine durchweg humanistisch-säkulare Weltsicht. Viele dieser Argumente erhielten von mir einen Haken: Ja, das ist gut vertretbar, gut durchdacht und kann so hinkommen. Doch eines fehlt dem Atheismus, wie ich ihn kennengelernt habe: Er hat keine Musik. Ihm fehlt das Gespür für das Unerklärliche im Leben, das Gefühlige. Daher weicht er darauf aus, dass er sich selbst zur intelligentesten Weltanschauung erklärt. Das ist ist mir zu elitär. Eine unmusikalische Weltanschauung ist nichts für mich.

Was bitteschön ist mein geistliches Zuhause? Brauche ich überhaupt eines?

Gottseidank habe ich zwei sehr gute christliche Freunde, mit denen ich - ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen - offen darüber sprechen kann. Da kann ich auch einmal Gedanken ins Unreine aussprechen, Gedanken, die noch nicht zu Ende gedacht sind. Da hat mir sehr geholfen.

Kann es sein, dass ich als durch die Krankheit heimatlos gewordener Mensch in diesen Menschen der Liebe Christi begegnet bin? Dass mich an diesem Ort die Liebe Gottes noch einmal eingeholt hat? Vermutlich. Sehr stark vermutlich.

Und nun?

„Nähme ich Flügel der Morgenröte / und bliebe am äußerten Meer / so würde auch dort deine Hand mich führen / und deine Rechte mich halten. /Spräche ich: Finsternis möge mich decken / und Nacht statt ich Licht um mich sein -, / so wäre auch Finsternis nicht Finster bei dir, /  und die Nacht leuchtete wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht“ (Psalm 139, 10-14)

Kurz und gut: Gott hat mich eingeholt - nein, so wie in der Geschichte vom Hase und dem Igel ist Gott bereits da, wo ich jetzt bin und wartet auf mich, wie ich jetzt - ich betone: JETZT - bin.

Ich bin anders als noch vor zwei Jahren, mein Leben, meine Lebenssicht hat sich verändert. Ich kann den Faden nicht wieder aufnehmen, der mir vor zwei Jahren aus den Händen fiel. Bedeutungslos erscheint mir das, was noch vor knapp zwei Jahren mein christliches Leben ausgemacht hat. Bedeutungslos für heute. Es gibt nun also einen Bruch, eine deutliche Zäsur in meiner Glaubensbiographie.

Mein Psychoonkologe, dem ich viel verdanke, rät mir nicht viel. Aber zwei Dinge hat mir dringend empfohlen: Eine geistliche Heimat zu suchen und das Gebet wieder zu suchen.

Das Gebet habe ich gesucht und es war eines der ehrlichsten Gebete zu Gott dabei, das ich jemals in meinem Christenleben gesprochen habe. Ich habe den hohen Herrn nicht geschont und ihm meine Vorwürfe noch einmal ins Angesicht gedonnert. Dabei kam mir immer wieder das Gesicht Jesu in den Sinn. Ja, bei Jesus fühle ich mich gut, der kann aus eigener Erfahrung nachempfinden, was Leid und Zweifel sind. Auf Jesus kann ich nicht wütend sein. 

Wenn in ihm die Liebe Gottes sichtbar ist, dann weiß ich, dass ich in den letzten Monaten zwei Illusionen aufgesessen bin: Die erste Illusion ist die, dass Gott mich nicht liebt. Doch in Jesus, dem Gekreuzigten, der mit dem Gethsemane-Zweifel (so lege ich das aus), hat Gott mir seine Liebe gegeben. Die zweite Illusion ist die, dass ich mit Gott ins Gericht gehen kann. Leider gibt es auf Leid keine wirklich befriedigende Antwort von Gott. Auch und erst recht nicht dann, wenn das Leid kein Ende nehmen will. Da nützt es nichts, wenn ich mich über Gott erhebe.
Jetzt bin ich also auf der Suche nach einer neuen geistlichen Heimat. Das ist der Rat, den mir mein Psychoonkologe gegeben hat. Christsein geht am besten in Gemeinschaft mit anderen Christen. Diese Lektion habe ich am Start meines Christenlebens noch bei Pastor Otto in der Versöhnungskirche gelernt. Aber da, wo ich vor zwei Jahren dabei war, da ist kein Zuhause mehr für mich. Daher muss ich suchen. Wo finde ich einen Platz für mich (und idealerweise für meine Angehörigen)?

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n,
Weh dem, der keine Heimat hat!
(Friedrich Nietzsche)

Oder etwas heiterer:

It's a long way to Tipperary,
It's a long way to go,
It's a long way to Tipperary,
To the sweetest girl I know!
Goodbye Piccadilly! Farewell Leicester Square!
It's a long, long way to Tipperary,
But my heart's right there!
(Henry James Williams)


Es ist und bleibt ein langer Weg.

Sonntag, 26. August 2018



Zur Abwechslung schreibe ich nun wieder etwas zu dem Thema, das mich seit einiger Zeit beschäftigt: Mein Krebs und ich.


Krebs - (k)ein Thema für Small Talk

Vor einiger Zeit fand ich im Warteraum der Psychoonkologie eine lustige Postkarte, die sich "Krebs Bullshit Bingo"nennt. Ich nahm sie mit, weil ich auf ihr einige der Sätze entdeckte, die mir schon begegnet waren.

Auf der Karte stehen unter anderem diese Sätze:

"Man sieht es dir gar nicht an."
"Und wer macht jetzt deine Arbeit?"
"Ach, das haben ja heutzutage so viele."
"Denk an die Leute, die es noch schlechter haben."

Entworfen und getextet hat die Karte die Personaltrainerin Sabine Dinkel, selbst schwer an Krebs erkrankt und Autorin des Buches "Krebs ist, wenn man trotzdem lacht." Ein epochales Werk, leicht zu lesen - für Betroffene, Angehörige und Interessierte.

Daran musste ich denken, als ich neulich in einer lockeren Gesellschaft von drei Personen war, zwei Männer, eine Frau, und im Gespräch war. Das Gespräch war locker und kreiste um diverse Themen. Einer der beiden Männer stellte dann die ehrliche Frage "na, wie geht es dir denn eigentlich jetzt? Erzähl doch mal." Dem wollte ich mich nicht entziehen. Also berichtete ich von Erhaltungstherapie mit Antikörper und Chemo, von Remission und Rezidiv, von den Kämpfen mit den Begleiterscheinungen usw. 

"Arbeitest du denn jetzt?" wollte er noch wissen. Ich fing an zu erzählen, wie ich Krankheit und Therapie einerseits und Arbeit unter einen Hut bringe.

Da wurde ich von der Frau unterbrochen: "Aber wenn du Chemo hast, warum hast du dann noch Haare? Meine Mutter hat auch Krebs, die hatte Chemo und hat jetzt keine Haare mehr."  Der Frager vom Anfang stellte für mich klar: "Aber Stefan hatte vor einem Jahr keine Haare mehr, die sind wieder nachgewachsen." 

Darauf fuhr ich mit der Schilderung fort und beendete das Thema für mich.

Sodann sagte mir die Frau, die mir bis dato völlig unbekannt war: "Meine Mutter hat auch Krebs, die hatte Chemo, wurde operiert, wird jetzt bestrahlt und liegt seit Monaten im Krankenhaus."

Mein Gedanke war: Was soll ich jetzt dazu sagen? Traurig für die Frau mit Familie, noch trauriger für ihre Mutter - aber was hilft mir das? Hier ging es zunächst um meine Geschichte und sorry, ich bin derzeit in einer Phase, da brauche ich etwas Zuspruch.

Der bis dahin stumme zweite Mann intervenierte: "Ich habe einen Nachbarn, der auch Krebs hat. Der kam jetzt aus dem Krankenhaus nach Hause und muss immer so einen Flüssigkeitsbehälter auf dem Rücken mit sich schleppen." Auch das noch. Wie erbaulich, genau jetzt mein Thema.

Die Frau erwiderte: "Und meine Mutter hat..."

Bullshit Bingo: Vier Treffer.  Mir wurde es zu viel. Definitiv zu viel. Aber das Gespräch jetzt abbrechen? Was sollen dann die Leute denken? Verletze ich nicht ihre Gefühle?

Mir kam eine gute Freundin, ebenfalls chronisch krank, ins Gedächtnis, die schrieb in ihrem Blog "Was kann ich für die Gefühle anderer Menschen, wenn es um MEINE Krankheit geht?"

Also erhob ich meine Stimme und sagte: "Also ich beende hiermit das Thema Krebs. Ich habe keine Lust mehr, darüber zu sprechen. Tut mir leid für Eure Angehörigen und Nachbarn, aber ICH kann nicht mehr."

Rrrrums! Das Thema war durch.

Krebs taugt nicht für Gespräche wie "ich kenne dazu auch noch eine Story." Small Talk in lockerer Runde und ein Gespräch über ein so ernstes Thema vertragen sich nicht. Jedenfalls nicht bei mir.

Darf man denn gar nicht darüber sprechen?

Oh doch, man darf. Ich lasse es auch zu. Wer selbst Krebs hat oder hatte, wer Angehörige mit dieser Krankheit hat und das Thema ruhig anspricht, ja, da ergibt sich guter Austausch. Was empfindest du? Was hat dir am meisten geholfen? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sozusagen unter Gleichen auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch kommt und für die Story jedes Menschen Platz ist. Dass man es aber auch respektiert, wenn jemand nicht darüber sprechen mag.

Und die anderen? Sabine Dinkel empfiehlt anderen Menschen eine freundliche und aufbauende Kommunikation mit Krebserkrankten. Wenn das nicht geht, dann schweigt man eben dazu. Ins Thema aber zu kommen mit "mein Bekannter X hatte auch und ist jetzt tot",, "meine Bekannte Y hatte auch und lebt noch" ist wenig hilfreich. Dahinter verstecken sich Schicksale, die aber nicht unbedingt demjenigen, dem sie erzählt werden, aufbauen. Sagt also einfach etwas Nettes, Freundliches, Aufbauendes.... Das geht.


Liebe Leute, mir geht es derzeit gesundheitlich nicht besonders gut. Ja, ich kann durchaus etwas Aufbauendes vertragen.

Alles Liebe, Alsterstewart