Dienstag, 1. Juni 2021

 

Mein Glaube und Krebs

(Es kommen auch drastische Formulierungen vor.)

Ja, es ist so. Mein (christlicher) Glaube ist durch die Krebserkrankung ziemlich unter die Räder gekommen. In den letzten eineinhalb Jahren ist da einiges auseinandergelaufen. Ich musste ja einiges durchmachen: 2020 begann für mich mit vier Wochen Krankenhaus, weil ich Gürtelrose mit anschließender Sepsis (Blutvergiftung) bekam. Beides sind Folgeerkrankungen meines defekten Immunsystems. Und dass das Immunsystem defekt ist, habe ich dem Multiplen Myelom (MM) zu verdanken.

Diese Krebserkrankung ist nun einmal heimtückisch. Sie ramponiert mich auch, wenn sie gerade nicht aktiv ist. Und nun ist sie halt wieder da und bedroht mich an allen möglichen Ecken und Enden meines Lebens. Degenerierte Halswirbel, ein miserables Blutbild, zu viele entartete Proteinketten... Kein Zuckerschlecken.

In der Zeit nach der ganz heißen Phase 2017 verfiel unter dem Eindruck der MM-Geschehnisse mein Glaube zusehends. Die Entfremdung von meiner damaligen Gemeinde wuchs, auch waren nicht alle Erwartungen, die in mir geweckt worden waren, erfüllt worden. Als es im Sommer 2017 ganz besonders dringend wurde (ich musste zur Stammzellentransplantation und Hochdosistherapie ins Krankenhaus), fiel die fest zugesagte tatkräftige Hilfe von Menschen aus der Gemeinde einfach aus.  Ansonsten kein Besuch, keine spürbare Anteilnahme - "kein Nix, kein Garnix" wie meine Mutter zu sagen pflegte.

Das hat schon Eindruck auf mich gemacht. Keinen guten.

2018 habe ich an einem Seminar von "Christen im Gesundheitswesen" teilgenommen. Das war eine gute Veranstaltung, in der wir an einem Abend mit anderen Menschen beten durften. Mein Gebetsanliegen seinerzeit hat mich überrascht: "Ich will Gott vergeben". Das ist natürlich theologisch nicht korrekt, für mich war es aber wichtig, das so zu formulieren. Nach dem Gebet war ich immer noch überrascht - aber die Zeit danach erwies, dass ich "Gott" nicht vergeben hatte.

Statt dessen hatte ich einen Schuldigen gefunden für die Krankheit meines Lebens.

Und dieser Schuldige ist Gott.

In seiner Allmacht und Weisheit, grenzenloser Güte und Barmherzigkeit, Allwissenheit und sonstigen Attributen hatte Er diese Krankheit zugelassen. Nicht verhindert. Mich damit geschlagen. Die Zellteilungsanmomalie, die wir "Krebs" nennen, in seine "sehr gute" Schöpfung  hineingelassen, vermutlich weil er gepennt hat oder anderweitig beschäftigt war. Oder Er ist ein Sadist, der sich an meinem und anderer Menschen Leiden erfreut. Ad maiorem Dei gloriam.

Klar: Jetzt konnte ich Gott in seinen riesigen Hintern treten. Der Schuldige war ausgemacht. Und wie konnte ich Gott am besten für seine Untaten bestrafen? Durch Aufgabe des Glaubens. "Gottes beste Entschuldigung für das Leid ist seine Nichtexistenz." Diese Straße führte direkt in den Atheismus. Und je länger ich nachdachte, desto plausibler wurde es für mich: Kein Gott, keine Religion, einfaches Eingestehen, dass in dieser Welt eben nicht alles perfekt ist.

Und mein Tod? Akzeptiert.

Kein Weiterleben in der Ewigkeit? Ist eben so. Wenn es aus ist, ist es aus.

Kratzt mich alles nicht.

Warum befand ich mich also auf dem Weg in den Atheismus? Weil ich diesem Gott eins auswischen wollte.

Das habe ich auch veröffentlicht. 

Von einigen Christen bekam ich Gedanken auf den Weg.

Einer schrieb, dass mit dem Heil nicht körperliche Heilung verknüpft ist und dass mein Gottesbild falsch wäre. Sorry, das war und ist in der Situation nicht hilfreich. Einerseits hatte ich infolge der Krankheit durchaus gute Gründe, an der Güte und Liebe Gottes zu zweifeln. Zweitens hatte ich überhaupt kein Gottesbild mehr. Entweder ist Gott ein Sadist (Provokation) oder - wahrscheinlicher - es gibt keinen Gott (Behauptung).

Eine andere schrieb einen wilden Text. Darin enthalten waren diverse Bibelverse und die Aufforderung, ich möge mich doch jetzt gefälligst und sofort der "Bibel" unterordnen. Meine Klage wäre nicht biblisch, offene Rebellion, meine Ausführungen über (den für mich nicht existierenden) Gott schlimm. Unterordnen, aber schnell. Ich quittierte diese Ausführungen mit der Anmerkung "Jeder Satz eine christliche Keule", was die Verfasserin dazu veranlasste, den Kontakt mit mir zu beenden mit den Sätzen:

Matthäus 10:9. Die Jünger schütteln sich die Unreinheit der Menschen, die nicht hören wollen, von den Füßen. Jesus benutzt hier ein Bild, die Verwendern des Zitats nimmt das ganz wörtlich: Aus ihrer Sicht bin ich Dreck, mit dem sie sich nicht mehr befassen möchte.

"Und tschüß, Stefan Wartisch. Manchmal muss man den Staub von seinen Füßen schütteln. Tu ich gerade. Mach dir keine Mühe, zu antworten. Ich bin raus."

Zum Glück waren diese beiden Beispiele absolute Ausnahmen: Einmal nicht hilfreich, einmal aggressiv. Schön waren für mich die vielen Zuschriften, die mir trotz der drastischen Worte nicht die Freundschaft aufkündigten. Im Gegenteil: Sie nahmen wirklich Anteil an meiner Situation, was sie zum Gebet veranlasste. Jedenfalls wurde mir das in vielen Zusendungen zugesichert. Es gab auch hilfreiche Tipps und Verständnis für meine Klage. Ein christlicher Freund schrieb mir, dass er "immer" für mich da ist, wenn ich ihn brauche. Manche schrieben mir auch, dass sie sich einfach eine Umarmung für mich wünschen, eine Umarmung von Gott.

Es war etwas Neues: Ich erlebte mit einem Male wieder Gemeinschaft. In dem Loch, in dem ich saß, war wieder etwas zu spüren davon, mit Menschen zu sein, die ermutigen, stärken, nicht aufgeben, nicht anklagen. Nicht anklagen. Sie gingen mit mir nicht den Weg, auf schon die Freund Hiobs hereingefallen sind, sondern den Weg des Mitgefühls.

Als ich vor ein paar Tagen meine Port- OP in der Schön-Klinik Eilbek hatte, fiel mich auf dem Weg dorthin etwas ein: "Wäre schön, jetzt ein Gegenüber zu haben, ein DU". Na klar, es gibt Menschen, die mich auch in die OP hätten begleiten können: Meine Frau, mein Bruder und viele liebe Freunde, Christen wie Nichtchristen. Das war aber nicht das, was mir fehlte. Das DU, das mir fehlte, ist das DU, das "immer" da ist. Ansprechbar, zuhörend, antwortend, dialogisch. Das DU, das Martin Buber so schön beschrieben hat.

Das DU ist Gott. Zum ersten Mal seit langer Zeit war da das Bedürfnis da, mit dem DU wieder zu leben.

Die buddhistische Phiosophie lehrt, falsche Vorstellungen loszulassen, sich von Täuschungen befreien und offen zu werden. Komischerweise passt dies sehr gut zu meiner Erfahrung, dass dieses Bedürfnis nach dem DU stärker wurde als die Ablehnung des Gottes, den ich in meinem Bedürfnis nach einem Sündenbock für mein Lebensunglück abgeschafft hatte - ohne ihn je ganz loslassen zu können.

In einem Gespräch, das ich gestern mit einem wirklich sehr guten Freund über das Thema geführt hatte (wir sprachen fast vier Stunden sehr tief miteinander) ergab für mich die Erkenntnis, dass ich in einer Grube sitze und mir durch andere Menschen Rettungsseile zugeworfen werden. Ich darf eines oder mehrere nehmen und mich herausziehen oder herausziehen lassen, um diesem DU wieder zu begegnen.

Ebenso wichtig wurde für mich der Gedanke, dass dieses DU auch ein gewaltiges Geheimnis ist, das jenseits unserer Vorstellungen und Logik ist. In der Ostkirche vermittelt sich das DU unter anderen durch die Ikonen, in denen wir das Du durch die Darstellung erfahren - und das DU in der nicht fassbaren Welt uns sieht. Die Bibel fasst das in Johhannes 1:18 in den Vers "Niemand hat Gott ("DU") je gesehen (Geheimnis); der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist (Jesus, DU), der hat es verkündigt." 

Dieser Gedanke lässt mich nun nicht mehr los. "DU" finden und suchen. Keine Anklage gegen DU, kein Sündenbock mehr für mein Leben. Einfach das "DU".

Und was ist mit den Erklärungen? Was ist mit meinen Anklagen? Was ist mit dem "Gott - WARUM die Krankheit?" 

Gott bleibt ein Geheimnis, mit dem der Glaubende leben muss, wie es der katholische Theologie Karl Rahner formulierte. Es bleibt aber das Vertrauen auf Jesus Christus, in dem die Liebe dieses "DU" zu seiner Schöpfung und zu den Menschen Gestalt geworden ist. Ist also der Weg Gottes mit mir, so es Gott gibt, ein Weg der Liebe? Vielleicht. Wahrscheinlich. Kann schon sein. Oder Ja.

Ich hatte an anderer Stelle bereits geschrieben, dass die Tür zum Glauben von mir nicht ganz zugeschlagen ist. Einen spaltweit war sie offen. Und es scheint, dass sich da jemand hineingezwängt hat. 

Daher bleibe ich "dran".



Montag, 10. Mai 2021

 



Myelom - 2. Teil



Ich musste mich als Myelom-Patient darauf einstellen, dass der Krebs mit dem Erreichen der Remission im Juli 2017 nicht vorbei ist. Eine der Eigenarten des Myeloms ist seine Unbesiegbarkeit. Es kommt also wieder. Darauf war ich eingestellt.


Mitte Februar hat mir meine Onkologin eröffnet, dass die Lamda-Leichtketten stark gestiegen seien. Das sind Proteinverbindungen, die eine Aussage über den Status meines Blutproteins zulassen. Normalerweise sind knapp 20 Mikrogramm ok. Bei mir aber war der Wert zu diesem Zeitpunkt bei knapp 1000 Mikrogramm. Mir war sofort klar, was das heißt: Rezidiv, also der Rückfall in die Krankheit.


Anfang März wurde ich in die Onkologische Ambulanz des UKE zu einer der renommiertesten Spezialistinnen Deutschlands in Sachen Myelom empfohlen. Nach diversen Tests kam auch Frau Professor zu dem Befund: Rezidiv, beginnend.


Wenn ich das zusammenfasse, dann hatte zu diesem Zeitpunkt der Rückfall in die Krankheit gerade begonnen. Ein wesentlicher Wert allerdings war noch einigermaßen ok: Der Wert, der die krebsbedingte Gewebezerstörung anzeigt. Bei Myelom-Patienten wäre das v.a. die Auflösung der Knochensubstanz. 2016/17 hatte sich dort ja der Krebs das erste Mal mit den Horrorschmerzen in der linken Schulter inklusive Brüchen gezeigt. 


Ich bin also schmerzfrei. Alles palletti? Leider nein. Die Ausbreitung des Myeloms hat diesmal offensichtlich extreme Blutarmut (Anämie) zur Folge. Mein Körper produziert also zu wenig Hämoglobin, sodass ich unter extremer Kurzatmigkeit und hohem Puls leide. Ein hartnäckiger Reizhusten kommt noch hinzu.


Das also ist die Lage.


Jetzt warten noch ein paar Untersuchungen auf mich. Das Herz, die Lungen müssen auf ihre Kapazitäten hin begutachtet werden. Praktischerweise gibt es in Corona-Zeiten keine  freien Lungenarzt-Termine mehr.


Doch gesetzt den Fall, ich kann bald starten, dann geht es am 31. Mai wieder los mit einer Antikörpertherapie. Das ist sozusagen die modernere Variante der Chemotherapie. Für die noch modernere Immuntherapie kam ich leider nicht in Frage. 


Es wird also abermals sportlich.


Ich habe auch etwa gezögert, die Lage zu posten. Meine Tochter schreibt gerade ihr Abitur und da wollte ich mit der schlechten Information warten, bis sie wenigstens die Klausuren hinter sich hat. Das ist halt immer das Dumme: Wenn man Angehörige hat, die man mit einer solchen besch… Nachricht konfrontieren muss.


In den Reaktionen vieler Menschen, die ich insbesondere noch aus vergangenen Zeiten in der christlichen Gemeinde kenne, kamen viele liebe Reaktionen auf meine Lage. Viele beten für mich oder gedenken meiner im Gebet. Sie proklamieren Gottes Heilung für mich. Ich danke allen, die das so machen. Das sind sehr liebe Gesten, die mir viel bedeuten.


Aber: In den letzten Jahren ist mir dieser Glaube irgendwo abhanden gekommen. Zwischen Therapien, erneuten Infektionen und mit dem Wissen, dass der Krebs wiederkommen wird, kam der Zweifel an einen Gott, der alles in der Hand hat, mit Macht über mich. „Und wenn ich jetzt sterben muss und dann ist alles vorbei.“ war ein Gedanke. Meine Antwort: „Dann ist das eben so und ich habe die Krankheit dann hinter mir.“ hat mich wirklich getröstet.


Meine Übung ist seither, die radikale Annahme meines Schicksals. Leben mit dem Krebs. Das Myelom als Bestandteil meines Lebens zu akzeptieren. Einen anderen Weg gibt es da für mich nicht mehr. Und schließlich durch meditative Achtsamkeit das Leiden, das mich getroffen hat, zu transformieren. Hört sich komisch an, hilft mir aber.


Zuweilen kommen mir die Erinnerungen an mein altes Leben wieder hoch. An alles das, was ich zurücklassen musste, was unwiederruflich vorbei ist. In der Netflix-Serie „Shtisel“ zitierte der alte Rabbi Shulem Shtisel aus einem Buch des US-amerikanisch-polnischen Schriftsteller Isaac Bashevis Singer die Passage


„The Dead don’t go anywhere.They’re all here. Each man is a cemetery, in which lie all our grandmothers and grandfathers, the father and mother, the wive, the child. Everyone is here all the time.“


Fiat.

Dienstag, 19. Januar 2021

 

Meditation - warum und was?


Ja, ich meditiere. Ich meditiere praktisch jeden Tag, jeweils zwischen 10 und 20 Minuten, meistens ist es eine Viertelstunde. Dazu setze ich mich auf ein Meditationskissen, stelle den Timer, der die Zeit mit einzelnen Gongschlägen strukturiert, setze mich in den burmesischen Sitz und dann wird meditiert.

Was mache ich da eigentlich? Eigentlich mache ich - nichts. Ich versuche jedenfalls, nichts zu machen. Tatsächlich gehen meine Gedanken, mein Geist, auf Wanderschaft. Ich brauche ungefähr fünf Minuten, bis sich meine Gedanken einigermaßen beruhigt haben. Dazu versuche ich, immer wieder zu meiner Atmung zurückzukehren, gerade wenn sich die Gedanken zu verselbständigen suchen. Nach fünf Minuten gehe ich dann für weitere fünf Minuten gedanklich durch meinen Körper, von ganz unten bis nach ganz oben. Dabei nehme ich jede Körperregion einzeln wahr, d.h. ich konzentriere mich auf sie. In der anschließenden Zeit nehme ich meine Umgebung wahr, indem ich die Geräusche höre - ohne sie indessen als störend oder angenehm zu bewerten. In den letzten Minuten vor dem finalen Gong dann bin ich tatsächlich meistens dabei, meinen Atem wahrzunehmen. Ich zähle dann die Atemzüge von eins bis zehn, bin ich bei zehn angekommen, fange ich wieder mit eins an. Der finale Gong beendet dann meine Meditationszeit.

So weit, so unspektakulär.

Warum mache ich das? Ich sammle mich zu Beginn des Tages, spitze meine Gedanken und trainiere außerdem, meinen Geist im Laufe des Tages immer wieder in die Gegenwart zurückzuführen. Was nützen die Gedanken über die Vergangenheit? Was die Sorgen um die Zukunft? Jetzt und hier ist das Leben. Dies wahrzunehmen, hier anzukommen, darum geht es mir. 

Ich darf auf dem Schneckenhaus selbstgewählter Ängste und Problemen hinaus und mich dem Leben so stellen, wie es in Wirklichkeit ist. Die Phänomene verlieren ihren Schrecken und reduzieren sich auf die Gegenwart. Und wenn ich in dieser Corona-Zeit nicht nach draußen gehen darf, dann gehe ich eben nach innen.

Kürzlich habe ich bei Facebook ein Bild eingestellt, das einen meditierenden Menschen in stilisierter Form zeigt. Das reizte einige Christen zum erheblichen Widerspruch. Ich frage mich: Warum? Ist christlicher Glaube so eng, dass er es nicht erträgt, wenn Menschen in der Meditation zur Ruhe kommen? Hat Gott etwas gegen Achtsamkeit? Oder reizt ein solches Bild so sehr, dass der eigene Glaube herausgefordert wird, dass man ihn sich in aggressiver Weise vergewissern muss?

Mir gleich. Es zählt nicht, was andere Menschen denken, wenn sie das Bild eines meditierenden Menschen sehen. Es zählt nur der Augenblick, in dem ich die Gegenwart wahrnehmen kann.


Mittwoch, 18. November 2020

 

Der Sound des Herbstes und die Onkologie

Heute morgen ist es passiert: Früh um viertel vor acht schmissen die Gartenarbeiter in unserer Wohnanlage den Sound des Herbstes an. So kamen wir alle hier in den Genuss von etwa drei Laubbläsern und einer Gartenmaschine, die mit gewaltigem Sog die Blätterdecke auf den Rasenflächen in ihr Inneres beförderte. Der Erfolg dieser Arbeit lag wohl in Säcken voller Laub, die auf den Komposten auf ihr Schicksal warten werden. Was wir Anwohner alle davon hatten war sechs Stunden Lärm in durchaus erheblicher Intensität. Hinzu kamen noch Baumarbeiten, die mit Motorsägen erledigt werden mussten.

Mit anderen Worten: Es wurde in unserer Wohnanlage laut wie auf einem Flughafen. Der Sound des Herbstes.

Seit März bin ich im Homeoffice, weshalb ich die volle Ladung Herbstsound abbekam. Klar, dass ich dann die Fenster geschlossen habe. Mir war immer klar, dass dieser Tag kommen würde, an dem mein Vermieter die Gärtner zu dem Konzert bestellen würde.

Im Nachhinein aber war ich erstaunt, wie meine Reaktion auf den Sound ausfiel. Ich habe ihn voll und ganz akzeptiert und weitgehend darauf verzichtet, ihn zu beurteilen ob angenehm oder unangenehm. Dass der Sound mit seinem Getöse da war, durfte sein. So konnte ich ihn bewusst wahrnehmen ohne mich daran allzusehr zu stören und ihn dann wieder aus meinem Bewusstsein herauslassen. So kann ich sagen, dass ich daher keine Minute mich über diesen Sound geärgert habe, was mir früher nicht gelungen ist.

Wenn wir das, was wir als unangenehm empfinden und beurteilen, akzeptieren und es anschließend wieder loslassen, bleibt für Ärger kein Raum. Auf Dinge wie diesen Sound des Herbstes, Regenwetter, Corona-Folgen usw. haben wir so gut wie keinen Einfluss. Diese Dinge ereignen sich, ob wir ihnen zustimmen oder nicht. Wir können aber beeinflussen, wie wir damit umgehen. Das ist die Freiheit, die wir in jedem Fall haben. Und: Was nützt uns der Ärger und der Kummer, den uns Dinge bereiten, auf die wir keinen Einfluss haben?

Allzuoft vergleichen wir unsere jetzige Situation mit einem Idealzustand und stellen fest, dass es eine Lücke gibt. "Ach, wenn doch bald Stille wäre." "Ach, gäbe es doch keine Pandemie." Dieser Vergleich des Istzustandes mit dem Idealzustand führt bei uns zu einem Leiden, das zu Unzufriedenheit, Kummer, Frustration und vielen anderen ungesunden Zuständen führt. Ist es uns das wert? Wollen wir die Lebenszeit mit diesen Dingen verbringen?

Etwas in mir sagt mir: Ich möchte die Freiheit meines Geistes in dieser Hinsicht bewahren, besser zurückgewinnen. Gelassen läuft das Leben einfach besser.

So: In dieser Woche erwarte ich einen Anruf meiner Onkologin. Gestern war ich bei ihr zum Bluttest. Diese Werte sind in Ordnung. Aber ob die Proteinwerte auch in Ordnung sind, konnte sie mir noch nicht sagen, das stellt sich anhand des Testes erst nach ein paar Tagen heraus. Wenn sich zu viele "Leichtketten" (unvollständige Eiweißverbindungen im Blut, das Symptom des Multiplen Myeloms) in meinem Blut gefunden haben, dann will sie mich morgen oder übermorgen anrufen. Das hat durchaus etwas von Spannung. Leider habe ich aktuell ein paar hartnäckige Schmerzen im Rücken. Ob dieser orthopädisch oder onkologisch zu behandeln sind, das ist die Frage.

Und dann soll mein Geist frei sein und bereit, auch unangenehme Botschaften aufzunehmen, den Sachverhalt als solchen akzeptieren und damit zu leben. Dass das ein Prozess ist, das ist mir klar.

Aber ich bin auf dem Weg.


Freitag, 15. Mai 2020



Veränderungen

Eines ist mal klar: Ich hasse Veränderungen. Immer dieser Wechsel und je älter ich werde, desto wechselhafter erscheint mir die Welt. Wo sind all die schönen und vertrauten Dinge hin, mit denen ich groß geworden bin? Das Wählscheibentelefon, die Telefonzelle, die Pfennigstücke, die Schallplatten.... Davon ist heute nicht mehr viel übrig. Wo sind all die vertrauten Menschen hin, mit denen ich groß geworden bin? Viele sind mittlerweile verstorben, viele sind nun sehr alt und sehr krank - und zu noch mehr besteht heute kein Kontakt mehr. Wo ist mein unmittelbares Erleben hin? Das Rauschen einer Kastanie im Frühlingswind, der Geruch von Vanilleeis aus der Waffel, das Kommen und Gehen der Schiffe im Hamburger Hafen, das ist heute definitiv anders. Wo sind meine Dialoge hin? Glaubt es oder nicht, doch stand ich im inneren Dialog mit Goethe, Schiller, Nietzsche, Voltaire, immer wenn ich ihrer Bücher öffnete und darin las.

Das Leben ist Veränderung, dynamisch, unvorhersehbar. In der Rückschau erkennt man erst die Tragweite und das Ausmaß dieser Veränderungen.

Das ist nun keine Nostalgie, denn die Schattenseiten meiner Vergangenheit sind mir bewusst. Das fängt beim Hundehaufen auf dem Gehweg (früher sehr häufig, heute recht selten) an und hört bei gewissen Erlebnissen nicht auf, die ich hier nicht ausbreiten möchte.

Das Leben ist Veränderung, die ich erlebe und wozu "ja" zu sagen mir bislang schwer gefallen ist. Bislang.

Bin ich heute noch derselbe wie früher? 

Veränderung heißt auch, Abschied zu nehmen vor Vorstellungen und Einstellungen.


Ein Bild, das meine Welt auf den Kopf stellte

Vor einiger Zeit habe ich in einer Fernsehdokumentation ein Bild gesehen, das ich zwar schon oft betrachtet habe, das mir aber erst neulich in meinem inneren Erleben richtig bewusst wurde. Zu sehen ist darauf Adolf Hitler, der gerade seinen Arm hebt. Neben ihm auf der Tribüne steht der alte königlich preußische Generalfeldmarschall August von Mackensen, ein Feldherr des Ersten Weltkriegs. 

Ich bin durch meine Großmutter, die Jahrgang 1906 war, von Kindheit an preußisch geprägt worden. Die Geschichte des alten Preußen hatte mich da immer fasziniert. Die Könige, Feldherren, Soldaten, Politiker, später auch die Künstler und die Geschäftsleute übten eine geradezu magische Anziehungskraft auf mich aus. Das war für mich der Inbegriff eines Staates, den ich wollte. Der Höhepunkt des preußischen Staates war für mich die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871. Theodor Fontane sah damals bereits den Abstieg Preußens, für mich fing es es da erst richtig an und meine grenzenlose Bewunderung für das alte Preußen übertrug ich 1:1 auf das Kaiserreich, selbst dasjenige von Kaiser Wilhelm II.. Konservativ, christlich, soldatisch, geordnet, diszipliniert und aus wenig Mitteln viel Ertrag machen.

Das Mackensen-Hitler-Bild aber zerstörte nun mein Preußenbild. Mackensen hat sich stets als aufrechter Preuße gesehen, kaisertreu und tief schwarz-weiß. Doch hat all sein heroisches Preußentum ihn nicht davon abgehalten, mit den Nationalsozialisten gemeinsame Sache zu machen. Vielmehr erschien ihm seine preußische Gesinnung als Auftrag, sich Adolf Hitler gefügig zu machen. Dabei war Mackensen nur einer unter vielen kaisertreuen Preußen, die sich dem Nationalsozialisten andienten und dabei schuldig wurden. 

Das hat Preußen, jedenfalls das Tschingderassabummpreußen, das ich als Kind und Jugendlicher so sehr verehrt hatte, durch und durch korrumpiert. Der moralische Ruin Preußens wurde mir bei diesem Bild deutlich. Damit nahm ich Abschied von diesem Bild, Abschied vom alten Preußen meiner Großmutter, Abschied von den Pickelhaubenträgern, deren Standbilder noch heute unsere Städte zieren. 


Achtsamkeit

Das ist irgendsoein Begriff, der als neues Modewort gilt: Achtsamkeit. Mir begegnete er das erste Mal, als ich auf die sogenannten MBSR-Kurse stieß. MBSR ist die Abkürzung für "Mindfulness-based stress reduction", was man mit Achtsamkeits-basierte Stressreduzierung übersetzen kann. Ich weiß nicht mehr, wie es im einzelnen dazu kam, aber seitdem ich vor zwei Jahren durch Gespräche mit Arbeitskollegen auf das Thema Buddhismus kam, hatte mich wenigstens die Meditation nicht mehr losgelassen. Bei der Recherche im Laufe der letzten 18 Monate kam ich dann auf einen MSBR-Kurs, zu dem ich mich dann angemeldet habe.

Das waren acht Abende und ein Sonnabendtermin von Januar bis März. Leider konnte ich nicht an allen Abenden teilnehmen. Von den acht Abenden habe ich die ersten drei auslassen müssen, weil ich da im Krankenhaus lag. Der Termin auf dem Sonnabend und der letzte Kursabend fielen wegen der Corona-Krise aus. Es blieben mir also "nur" vier Abende.

Was habe ich da kennengelernt? Ganz wichtig: Die Wahrnehmung der Gegenwart. Das Leben in der Gegenwart. Wir sind oft abgelenkt, denken an die Dinge von Morgen oder den Ärger von gestern und nehmen nicht mehr wahr, dass wir genau hier und genau jetzt leben. Um dies "achtsam", d.h. präsent und bewusst wahrzunehmen, dafür gibt es MBSR-Übungen. Diese Übungen entstammen dem buddhistischen Kontext aus Zen und Vipassana, integrieren aber auch einzelne Übungen aus dem Hatha-Yoga. Im Grunde kreisen die Übungen immer um die Wahrnehmung des eigenen Atems, der uns immer wieder ins Hier und Jetzt zurückführt.

Im Zusammenhang mit dem MBSR und in der Folge dieses Kurses habe ich für mich beschlossen, insbesondere den meditativen Teil auszubauen und fortzusetzen, den ich als besonders wirkungsvoll gehalten habe. Dazu beschäftige ich mich mit einigen zeitgenössischen Büchern über Meditation, in denen ich auch Teile der MBSR-Übungen wiedererkenne. Natürlich gehört Jon Kabat-Zinns Werk dazu, der MBSR "erfunden" hat. Dann aber fand ich auch Pema Chödrön, eine Amerikanerin, die buddhistische Nonne geworden ist und Yongey Mingyur Rinpoche, von deren Ausführungen zur Meditation ich profitieren konnte.

Wie meditiere ich eigentlich? Meistens morgens etwa 20 Minuten, wobei ich mich alle 5 Minuten durch einen Gong an die Zeit erinnern lasse. Ich sitze dazu auf einem Zafu im burmesischen Sitz, zähle meine Atemzüge oder mache mir die Gegenwart meines Atmens bewusst. Ich mache also geschlagene 20 Minuten lang nichts. Nichts. Jedenfalls nichts Produktives. Dabei kommen jede Menge Gedanken auf, denen ich mal nachspüre, mal aber auch die Tür zuschlage. Immer wieder komme ich dann zum Atem zurück, dem eigentlich meine Achtsamkeit gelten sollte. Aber ich lerne dabei, dieses Zurückführen auf den Atem "sanft" zu machen, keineswegs mit Schuldgefühlen wegen der Unaufmerksamkeit. Je mehr ich nun meditiere, desto mehr kann ich die auftauchenden Gedanken kommen sehen, sie kurz verweilen lassen und dann wieder - wie durchziehende Wolken - beim Entschwinden beobachten. Geräusche, Empfindungen, Ablenkungen nehme ich während der Meditation als gegeben wahr, beurteile aber nicht, ob sie stören oder schön sind. Sie sind einfach "da". So übe ich während der Meditation außerdem, ganz bewusst auf Bewertungen wie "passt" oder "passt nicht", auf das Urteilen, Beurteilen und Verurteilen von Phänomenen zu verzichten. Und mein Geist wird klarer.

Nach 20 Minuten ist dann die Sitzung vorbei. Erlebe ich "Frieden"? Eigentlich nicht. Statt dessen erlebe ich, achtsam auf das Hier und das Jetzt zu sein. Alles andere zählt nicht. "Frieden" stellt sich später ein. 

Mein Geist ist wie das Wasser in einem kleinen Fluss. Das Wasser ist von seiner Natur her klar. Durch Strömungen, Felsen, Verwirbelungen und Wind können andere Dinge ins Wasser fallen oder vom Grund des Flusses aufgewirbelt werden und wir sehen das Wasser als trüb an. Dabei ist es nicht von sich aus trüb, sondern wegen der äußeren Einflüsse. Die Natur des Wassers ist klar. So wie die Natur des Wassers Klarheit ist, so will ich auch, dass mein Geist klarer wird. Dabei hilft es, wenn ich meditiere.

So erlebe ich es, dass ich loslassen kann: Die Bindung an die Vergangenheit, vor allem deren nostalgische Verklärung. Aber auch die Sorge vor der Zukunft, vor dem, was kommt und droht. Hier und Jetzt, darum geht es. Hier und Jetzt, da liegt der Schlüssel zum Glück.

Das Gewesene ist nur ein Schatten.
Das Kommende ist nur ein Schatten.
Das Hier und das Jetzt aber leuchten hell und klar.

Der Zafu (Meditationskissen)



Ein alter Schulfreund

Letztes Jahr im November hatte ich Abiturstreffen. Das findet alle fünf Jahre statt, immer im November, und es kommen von den rund 120 Abiturient*innen des Jahrgangs 1984 des Elise-Averdieck-Gymnasiums immer so an die 40-50 Ehemalige zusammen. 

Nun ergab es sich, dass ich einen alten Schulfreund dort zum Gespräch traf. Er ist Jurist geworden und im Gegensatz zu mir hat er es auch als Firmenjurist in Hamburg zu etwas gebracht. Allerdings ist er spät Vater geworden. Gemeinsam sind wir vor über 35 Jahren in die Junge Union eingetreten, gemeinsam hielten wir damals in der Schule die Fahne des bürgerlichen politischen Lagers hoch, ehe sich nach dem Abitur unsere Wege trennten.

Ich hatte also ein Bild von ihm vor Augen.

Dann erzählte er mir, dass ihm nun andere Dinge wichtig geworden wären. Er könne sich vorstellen, seinen Karrierejob zu schmeißen und sich seiner wahren Leidenschaft ganz und gar zu widmen. Ich war erstaunt. Denn er hat Yoga für sich entdeckt und sich neben seinem Beruf zum Yoga-Lehrer ausbilden lassen, gibt auch bereits einzelne Kurse. Die Beschäftigung mit Yoga prägt nun auch sein Weltbild, seine Einstellungen und auch sein Verhalten. Einiges hörte sich für mich nach New-Age an, anderes wiederum faszinierte mich.

Mir imponierte, dass er bereit war, aus seiner Leidenschaft etwas zu machen, das ihn ganz und gar ausfüllt.

Mir wurde bewusst, dass das auch eine Anfrage an mich ist. 

Mir wurde auch bewusst, wie sehr sich ein Mensch, mit dem ich vor 35 viel geteilt und verbunden hatte, mittlerweile verändert hat. Von dem JU-Streiter von einst war nichts mehr übrig geblieben als Erinnerung. Was ist von mir von damals geblieben?

Ich gebe zu, dass ich vieles hinterfrage, was mein Leben bislang geprägt hat. Vieles davon hat sich als nicht mehr passend erwiesen. Warum schleppe ich es noch mit mir herum? Wo kann ich etwas verändern? Wo heißt es, Abschied zu nehmen von politischen Einstellungen, religiösen Überzeugungen? 

Jedenfalls bin auch ich nicht mehr derselbe, der ich vor Jahren gewesen bin. Das ist mir nun klar geworden. Was für den einen banal ist, ist für mich eine Revolution. 

Panta rhei heißt es beim Philosophen Heraklit, alles fließt. Der Fluss fließt, bleibt in seiner Erscheinung meistens immer gleich, verändert sich aber ständig. 

Panta rhei.







Sonntag, 22. März 2020




Multiples Myelom in den Zeiten von Corona



Im Laufe der letzten Jahre bin ich schon fast ein Fachmann in Sachen "medizinisches Vokabular" geworden. Ich bekam es mit so vielen Ärzt*innen (wie schreibt man das richtig?) zu tun, die mir allerhand auf dem Weg gaben. Ein positiver Effekt, den das alles auf mich hat, besteht darin, dass ich meinen Körper mehr und mehr aus der medizinischen Perspektive betrachten kann. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn man eine Stammzellentransplantation bekommt? Wie entsteht eine Krebszelle? Was macht und wie wirkt die Chemotherapie? Was bedeutet "unheilbar"? Die ganze Tortur dauert nun mehr als drei Jahre und ist von diversen Aufs und Abs gekennzeichnet.

Wo stehe ich heute? Morgen muss ich zu meiner neuen Onkologin. Die erzählt mir dann, wie es um mich steht.

Und in dieser Zeit dann: Corona.

Viele Menschen sind nun besorgt. Allenthalben wird die Angst beschworen. Der unsichtbare Feind, winzigklein, bedroht uns. Uns alle, mich auch. Eben noch war der Mensch kerngesund, nun bereits infiziert und auf gut Glück in die Behandlung geschickt. Die Medien, klassische wie digitale, bespielen das Thema rauf und runter. Irgendwann dreht dann fast jeder Mensch durch. Das ist ja auch nicht zum Aushalten.

Im letzten Blogpost hatte ich nun bereits darauf hingewiesen, dass ich zur absoluten Risikogruppe gehöre. Sollte ich das Pech haben und die Covid-19-Krankheit bekommen, wird es für mich durchaus sportlich. Mein Immunsystem ist miserabel, dank MM habe ich die berühmt-berüchtigte "Vorerkrankung". Meine ganz private Corona-Party wäre dann der Überlebenskampf.

So weit, so wenig schön.

Wie gehe ich nun mit der neuen Situation um?

Mein Arbeitgeber hat mir sehr deutlich gemacht, dass es mir als Risikoperson verboten ist, die Firma zu betreten. Dann sind alle Vorkehrungen getroffen, um mir ein Arbeiten von zuhause aus zu ermöglichen. Seit dieser Woche nun bin ich im "Homeoffice". Ich kann nicht sagen, dass mir das besonders gefällt, ich brauche eigentlich den Abstand von den eigenen vier Wänden, um effektiv zu sein. Es gibt aber keine vernünftige Alternative.

Gerne bin ich auch draußen. Wer mich kennt weiß, dass ich jeden Tag meine 10.000 Schritte abreiße. Das bedeutet, dass ich bei fast jedem Wetter eine zeitlang draußen bin. Das habe ich bisher auch nicht geändert, sehe indessen zu, dass ich anderen Menschen aus dem Weg gehe. Schließlich ist mir unbekannt, ob diese Menschen dann doch eine Krankheit mit sich tragen, die sich auf mich übertragen lässt. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Stets versuche ich mir ins Gedächtnis zu rufen, was über Corona und Co. bekannt ist. Das Virus fliegt ja nicht durch die Luft, insofern gibt es Orte, an denen ich sicher bin. Dies ist v.a. das eigene Heim. Ich kann es nicht nachvollziehen, dass immer noch Zeitgenoss*innen unterwegs sind, die meinen, sie müssten in dieser Zeit kreuz und quer durch die Weltgeschichte zu ihrem Vergnügen gondeln. Aber sicher fühle ich mich einfach zuhause.

"Ein Schnupfen saß auf der Terrasse,
Dass er sich ein Opfer fasse.
Und stürzt sich dann mit Ingrimm
Auf einen Menschen namens Schrimm.
Paul Schrimm sagt prompt "Haptschü!"
Und hat ihn dann bis Montagfrüh".
(Christian Morgenstern)

So ist es eben bei Corona nicht. Was bleibt ist das Händewaschen.

"Sorgt nicht" sagt Jesus in der Bergpredigt. Als ich Christ wurde, dachte ich, damit wären alle Sorgen abwesend, und "wehe, wehe", wenn du dich sorgst. Verstärkt wurde dies durch eine gewisse vulgärtheologische Überlegung, die meinte, wenn ich mich sorgte, dann offenbarte das einen Glaubensmangel und wäre folglich Sünde. 

Hmn, sind also Sorgen dann Sünde? Doppeltes Ungemach, doppelt Pech gehabt?

Ich meine, dass die Sorgen zum Menschenleben dazu gehören - gerade auch in dieser Zeit. Jesus sagte ja nicht nur, dass wir uns nicht sorgen sollen, sondern auch dass es reicht, wenn "jeder Tag seine eigene Sorge hat". So ist es: Von Tag zu Tag denken. 

Viele Menschen fragen jetzt:

"Was kommt nach der Corona-Zeit?"
"Wie lange dauert die Ausgangssperre?"
"Werde ich mich infizieren und was bedeutet das dann?"
"Wird mein Job diese Zeit überstehen?"
"Werde ich an Corona sterben?"

usw.

Diese Fragen sind mir nicht fremd, siehe oben. Es sind Fragen, die ich mir seit drei Jahren stelle, nur die Krankheit ist eine andere - zudem sehr reale. Aber meine Krankheit hat mir beigebracht, dass wirklich jeder Tag seine eigene Sorge hat. Als ich in die Chemotherapie hineinging war mir nicht klar, welche Strapazen auf mich zukommen werden. Jeder einzelne schmerzhafte Schritt, den ich zu gehen hatte, erforderte meine ganze Kraft. Hätte ich mich immer mit Sorgen und Fragen aufgehalten, wäre ich zusammengebrochen. So ist das auch heute: Welche Herausforderungen stehen heute an? Worüber sorge ich mich FÜR heute? 

Die einzige Zukunftsperspektive, die ich mir stets erlaubt habe, ist: Hoffnung. 

Hoffnung ist das, was wir investieren dürfen, wenn wir an die Zukunft denken. Hoffnung gibt uns die Kraft, in diese Zeit hineinzugehen. Hoffnung motiviert uns, wenn Medien, Umwelt und andere Menschen uns die Probleme vor Augen halten. Hoffnung ist der Grund für Optimismus.

"Es gibt keine vernünftige Alternative zum Optimismus."






Dienstag, 10. März 2020


CORONA - Grüße aus der Risikogruppe


In der ersten Nacht, die ich im Januar/Februar im Krankenhaus wegen Gürtelrose verbringen durfte, wurde ich spätabends noch von einer Dermatologin geweckt. Meine Bluttests wären da und - siehe da - die weißen Blutkörperchen wären ziemlich weit unten. Das war für mich nicht so überraschend, für die junge Ärztin indessen schon. Ich bat, umgehend Kontakt mit den UKE-Onkologinnen aufzunehmen, die wüssten gut bei mir Bescheid. Was der Dermatologin Anlass zur Besorgnis war, hielten die Onkologinnen für noch OK. Aber selbstverständlich waren und sind mir die Konsequenzen niedriger weißer Blutkörperchen bekannt: Das Immunsystem ist ramponiert.

Mit dem Bakterium, das meinen Aufenthalt im UKE um zweieinhalb Wochen verlängerte, wäre ein normales Immunsystem vermutlich gut klar gekommen. Bei mir war das anders, das wurde mir klar.

Und nun: CORONA!

Vorausgeschickt: Ich bin gegen Influenza geimpft und genieße auch den Schutz gegen die meisten Erreger einer Lungenentzündung. Für MM-Erkrankte sollte das zur Standardausrüstung gehören. Trotzdem erleide ich immer wieder einige Infekte, darunter auch die grippalen, die es so in Hamburg und Umgebung gibt. Mein Immunsystem lässt vieles rein, was andere Immunsysteme rücksichtslos ausmerzen.

Und nun: CORONA!

So richtig gefährdet ist bei Corona die "Risikogruppe". Klar, dass auch andere Menschen daran erkranken können. Aber in der Risikogruppe bestehen lebensgefährliche Risiken, sollte man an Corona erkranken. Wer gehört zur Risikogruppe? Alte und Menschen mit "Vorerkrankungen". Hurra, in der Liga spiele ich mit, denn mit "Vorerkrankung" kann ich dienen. Das Multiple Myelom gehört definitiv dazu. Ich kenne noch eine Frau, die an COPD ("Raucherhusten") erkrankt ist. Die darf sich ebenfalls dazu zählen. Sollten wir uns mit Corona anstecken, dürfen wir uns auf eine abenteuerlich-spannende Zeit einstellen.

Pardon, ich habe kein Verständnis, wenn Corona auf die ganz leichte Schulter genommen wird. "Mir passiert schon nix" sagen viele Menschen. Sie haben auch recht, IHNEN passiert auch wenig. Da ist dann Corona ein Infekt wie viele auch, nur das Fieber ist etwas höher und die Dauer etwas länger, als sonst gewohnt. In der Zwischenzeit aber haben diese Leichtsinnigen ausgiebig Gelegenheit, Menschen wie mich anzustecken, für die ein Infektion eben gravierend verlaufen kann.

Pardon, ich habe kein Verständnis, wenn simpelste Hygienemaßnahmen, die doch in aller Munde sind, außer acht gelassen werden. In die Gegend husten, die Hände freudig zur Begrüßung entgegenstrecken und dann leicht verägert sein, wenn ich sie nicht ergreife... Die Liste kann fortgesetzt werden. Ich will mich partout nicht mit diesem Zeugs infizieren, besten Dank.

Pardon, ich habe kein Verständnis, wenn sich Menschen die erforderlichen und harmlose Impfungen auslassen. Noch gibt es bei Corona keine Impfung. Aber bei Grippe etwa. Trotzdem lassen sich viel zu wenige Menschen dagegen impfen - und gefährden dadurch Menschen wie mich.

Und nun: Corona!

Ich meide nun öffentliche Verkehrsmittel, auch größere Menschenansammlungen (wenn möglich). In meiner Firma arbeite ich - wie alle in meiner Abteilung - in einer Art Box aus Kunststoffteilen, die um meinen Arbeitsplatz herum gebaut ist und die nicht nur Geräusche dämmt, sondern auch Viren fernhalten kann. Seitdem ich aus dem UKE entlassen worden bin, nutze ich wieder das Auto, um von A nach B zu kommen. Die Vorstellung, in einer vollbesetzten U-Bahn zu sitzen, gruselt mich. Dann wasche ich mir die Hände bis zum Exzess. 

Gibt es Grund zur Panik? Ich meine, nein. Aber etwas mehr Gedanken als sonst können wir uns alle machen, wie wir mit Infektionskrankheiten und unserer Verantwortung für uns selbst und andere umgehen können.

Ich gehöre zur Risikogruppe.