Montag, 21. Februar 2022


Verschickung: Sechs Wochen „Kinderkurheim Gutermann“ in Oberstdorf 1971


Ich muss mich einem Thema widmen, das ich noch nie im Blog verarbeitet hatte. Immerhin war bisher „Krebs“ das Hauptthema. Aber es gibt noch eine andere Sache, die ich ansprechen muss. Das Thema lautet: „Verschickung“.

Verschickung war in der Zeit zwischen 1950 und 1990 ein Begriff. Seinerzeit wurden Kinder von ihren Eltern für meistens sechs Wochen ver-schickt. In aller Regel erfolgte dies auf Anraten eines Kinderarztes und in Abstimmung mit einer Krankenkasse, die für die Kosten aufkam. 

Die Gründe für eine Verschickung waren vielfältig: Chronische Krankheiten (wir sprechen von einer Zeit, in der fast alle Eltern rauchten und die Luft draußen in den Städten voller Abgase war), Unterernährung, Überernährung, Verhaltensauffälligkeit, Entwicklungsverzögerung und andere Gründe. Bei mir war es chronische Bronchitis. Nach intensivem Drängen des Kinderarztes beschlossen meine Eltern, mich für sechs Wochen zu verschicken. Die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK), bei der meine Eltern versichert waren, empfahl einen Aufenthalt in „sauberer Gebirgsluft“ und wies mich in das „Kinderkurheim Gutermann“ in Oberstdorf ein. Anfang Januar 1971 sollte es losgehen.


Aus meiner Erinnerung:

Ich erinnere mich noch an einen Spaziergang mit meinen Eltern Anfang Januar 1971: Meine Mutter schob die Kinderkarre mit meinem jüngeren Bruder darin, mein Vater ging rechts von mir und ich in der Mitte. Eine bleischwere Beklemmung stieg in mir auf: Bald muss ich fort. Bald bin ich ganz weit weg von hier…. Meine Tante Elke versprach mir, dass sie mir einen schönen Zitronenkuchen backt, wenn ich wieder da bin.

Bald darauf ging es los. Meine Mutter hatte meine Sachen in einen großen Koffer, in die Kleidungsstücke waren von ihr und meiner Oma kleine Stoffschildchen mit meinem Namen darauf eingenäht worden. Die Reise startete vom Bahnhof Altona. Ich erhielt ein Schild mit meinem Namen um den Hals gehängt. „Damit du nicht irgendwo verloren gehst“. Ein älteres Ehepaar nahm mich und 1-3 weitere Kinder in Empfang. Freundliche Leute. Wir nahmen in einem Abteil Platz – und dann ging die Fahrt auch schon los. Davon habe ich nur noch in Erinnerung, dass ein Mädchen zwischendurch eine Burg erspäht hatte. Das war für uns spannend. Wir kam am späten Abend in Oberstdorf an und ich kann mich gut erinnern, wie es als Abendmahlzeit für uns Hühnersuppe gab. Die war sogar richtig gut.

Ab da kann ich meine Erinnerung nicht mehr chronologisch ordnen. Es sind Bruchstücke aus sechs Wochen. Ich war fünf Jahre alt, als ich ankam – und beging dort meinen sechsten Geburtstag. Lesen und Schreiben konnte ich noch nicht, nur ein paar Wörter wie meinen Vor- und Nachnamen konnte ich identifizieren.


Die Bruchstücke


Ziemlich am Anfang der Zeit. Wir gehen in einer größeren Gruppe von Kindern durch die verschneiten Wälder rings um unser Heim. An einer Stelle finden wir große hölzerne Behältnisse. „Das ist für die Rehe und Hirsche, damit sie im Winter etwas zu Fressen finden.“ In der Ferne sehen wir die Sonne, die das Nebelhorn (den Oberstdorfer Hausberg) rötlich färbt. 


Meine „Tante“ stellt sich vor: Frau H.. Sie wird sich in den nächsten Wochen um mich kümmern. Ich freue mich, denn so wie sie heißt auch der Polizist in meiner Lieblingsserie „Polizeifunk ruft“.  Aber Frau H, ist alles andere als eine Freude. „Setz dich mal richtig hin! Schau freundlich! Sei still! Iss den Teller ganz auf!“ Sie hat für mich (und die anderen) nur Befehle. Alle Frauen, die sich um uns Kinder kümmern, heißen hier  "Tanten". Wir Kinder nennen sie allerdings "Wärterinnen".


Frühstück im Speiseraum. Ich bekomme Haferschleim oder -brei, ungesüßt. Der schmeckt einfach scheußlich. Ich würge ihn herunter. Hartmann: „Kau gefälligst!“ Was gibt es dazu zu trinken? Warme Milch mit Haut obendrauf. Die Hautstückchen müssen mitgetrunken werden. Am Tisch hinter mir erbricht sich ein Mädchen ins Essen. Helle Aufregung. Die dort Dienst habende „Tante“ fängt an zu schimpfen, das Mädchen ist verschüchtert und fängt an zu weinen. Der Tisch wird gereinigt und das Mädchen wird angeherrscht, jetzt den Rest der Portion aufzuessen. Ob das Erbrochene da noch drin war? Als die Kinder an meinen Tisch fertig sind und wir aufstehen, sitzt das Mädchen immer noch vor dem Teller. So lange sie den Teller nicht aufisst, darf sie nicht nach draußen zum Spielen. Sie sitzt dann allein im Speiseraum.


Das Gebet. Auch an diesem Ort darf das fromme Gebet nicht vernachlässigt werden. „Komm Herr Jesus und sei unser Gast, segne, was du uns bescheret hast.“ Wer dabei Faxen macht, bekommt Spielverbot.


Mittagsschlaf. Den kenne ich nicht, zuhause halte ich keinen Mittagsschlaf. Hier im „Kinderkurheim Gutermann“ ist er aber angeordnet. Also geht es ab in die Zimmer zum Mittagsschlaf. Ich liege in meinem Bett (Doppelstockbett unten) und warte. Da öffnet sich die Tür und eine der „Tanten“ schaut rein. Sofort schließe ich die Augen. Denn die „Tante“ kontrolliert, ob die Kinder auch wirklich schlafen. Wer es nicht tut, den erwartet eine Strafe. Ein Junge meldet sich vorsichtig: „Ich muss auf Klo“. Die „Tante“ sagt: „Das hättest du früher erledigen können, jetzt ist Mittagsschlaf!“ Beim Wecken am Nachmittag ist sein Bettlaken nass.


Eines Morgens. Ich erwache nach einem Traum am Morgen. Im Traum habe ich bei meiner Tante Inge im Garten gespielt. Dort muss ich dringend auf Klo. Ich erleichtere mich ins Gebüsch. Beim Erwachen stellt sich heraus, dass ich ins Bett gemacht habe. Der Schlafanzug, das Bettlaken und die Decke sind nass. Die „Tante“ Frau H. erscheint, reißt mich aus dem Bett und fängt an zu schimpfen. Dann soll ich das Laken abziehen, was ich auch mache. Sie hält das Laken hoch und verkündet: „Schaut mal alle her! Der Stefan hat ins Bett gemacht. Lacht ihn aus!“ Die anderen Jungs im Zimmer schauen mich an und lachen. Sie lachen mich aus.


Nachts. Ich verspüre einen Drang, auf Toilette zu gehen. Die Toilette ist im Flur unten. Vorsichtig schleiche ich mich einen dunklen Gang entlang. Am Ende des Ganges ist die Treppe nach unten. Als ich auf der Treppe bin, höre ich eine der „Tanten“ kommen. Wie ein Blitz haste ich zurück ins Zimmer. Auf Toilette zu gehen ist strengstens verboten. „Das hättest du vorher erledigen können.“ Also versuche ich wieder zu schlafen. Am nächsten Morgen ist mein Laken nass.


Wieder Frühstück. Ich esse die bereit liegenden Marmeladenbrote. Ein Mädchen am Tisch sagt zu „Tante“ Frau H.: „Schau mal. Der Stefan isst nur Marmeladenbrot.“ Neben den Marmeladenbroten liegen noch Honigbrote. Und ich hasse den Geschmack und den Geruch von Honig. Beides löst bei mir reinsten Ekel aus. „Tante“ Frau H. bellt mich an: „Du nimmst jetzt Honigbrot!“ Ich: „Das mag ich aber nicht.“ Darauf die "Tante" H.: „Du isst jetzt Honigbrot!!!“ Eingeschüchtert nehme ich das Brot mit Honig und würge es hinunter. 


Mittagessen. Nach der Sitte im Hause meiner Eltern beginne ich, die Kartoffeln mit einer Gabel kleinzudrücken. „Musen“ nennen wir das in Hamburg. „Tante“ Frau H. sieht das und fährt mich an: „Der liebe Gott hat dir Zähne zum Kauen gegeben. Das hört jetzt sofort auf!“


Vormittag. Viele Kinder spielen am Rodelberg. Das kenne ich so aus Hamburg nicht. Es liegt richtig viel Schnee und es ist ein richtiger Berg hinter dem Haus. „Bahn frei, Kartoffelbrei“ wird gerufen. Ich bekomme einen Schlitten zu fassen, erklimme den kleinen Berg und sause herunter. Das macht richtig Spaß, also nochmal das Ganze. Leider erwartet mich unten „Tante“ Frau H. und zerrt mich weg. „Du kommst sofort mit! Keine Widerrede!“ Sie hat schlechte Laune, sogar sehr schlechte Laune. Statt den Rodelberg herunterzurodeln muss ich mit „Tante“ Frau H. und ein paar anderen Kindern dem Ort Oberstdorf einen Besuch abstatten. Eine weitere „Tante“ ist mit dabei.


Krankenzimmer. Ich bin krank geworden und habe Fieber. So komme ich ins Krankenzimmer. Was für eine Erleichterung. Weit weg von „Tante“ Frau H.. Hier kümmert sich eine jüngere „Tante“ um die zwei, drei kranken Kinder. Im Krankenzimmer begehe ich auch meinen sechsten Geburtstag. Beim Erwachen stehen da drei „Tanten“ an meinem Bett und singen mir ein schönes Geburtstagslied. Meine Eltern haben mir ein Paket geschickt mit Spielsachen und Süßigkeiten. Die Süßigkeiten darf ich nicht behalten und mit den Spielsachen spiele ich dann. Ich freue mich sehr darüber, einen Gruß von zuhause zu erhalten. Später werden mir die Spielsachen weggenommen - ich erhalte sie auch nicht mehr zurück. Sie wandern in den Fundus des Heims.


Karten schreiben. Natürlich müssen meine Eltern und Großeltern wissen, wie es mir geht. Also setzt sich „Tante“ Frau H. mit mir hin und schreibt Karten. Da ich nicht schreiben kann, übernimmt sie das Schreiben. Ich soll sagen, was ich so erlebe in Oberstdorf. „Aber du sagst nur das Schöne. Das andere wollen deine Eltern nicht wissen.“ Also lasse ich schreiben, wie schön es in Oberstdorf ist, wie viel Schnee da liegt und wie sehr ich das Essen mag. Lauter Nichtigkeiten also. Von dem allgegenwärtigen Heimweh kein Wort. Von dem allgegenwärtigen Zwang kein Wort.


Abends. Uns wird eine Geschichte im Speisesaal vorgelesen. „Das kleine Gespenst“ oder so… „Tante“ Frau H. liest. Ich sitze auf einem hölzernen Stuhl. Dieser Stuhl knarzt, wenn man sich bewegt. Ich bewege mich. Daraufhin sagt „Tante“ Frau H.: „Wehe, du machst das noch einmal. Dann musst du dich hinstellen.“ Kurze Zeit später knarzt der Stuhl erneut. Also muss ich stehen. Ich bin auch nicht das einzige Kind, das stehen muss. Bei anderen ist das ähnlich passiert. Mit der Zeit beginne ich, mich allmählich auf den Fußboden zu setzen. Dem setzt „Tante“ Frau H. direkt etwas entgegen: „Stell dich hinter oder es passiert etwas!“. Also stehe ich wieder, obwohl ich so müde bin, dass ich mich kaum auf den Beinen halten kann.


Oliver. Oft sitzt ein Junge, so alt wie ich, nach dem Frühstück vor dem großen Fenster des Speiseraums. Er heißt Oliver. Warum sitzt er da? „Tante“ Frau H. sagt: „Der guckt sich Oberstdorf von oben an.“ Ganz still sitzt er da mit sehr verschlossener Miene. Manchmal stützt er seinen Kopf auf der Fensterbank auf. Er darf nicht angesprochen werden, das haben die „Tanten“ verboten. Irgendwann stehe ich mal neben ihm. Ich frage: „Warum sitzt du nach den Frühstück immer vor dem Fenster und guckst dir Oberstdorf an?“ Er antwortet: „Weil ich beim Frühstück gezappelt habe. Ich darf nicht mitspielen, ich muss am Fenster sitzen, hat „Tante“ N.N. gesagt.“ Er wird also bestraft. Gezappelt beim Frühstück.


Die „Tanten“. Wir nennen die Frauen, die uns betreuen, übrigens nicht „Tanten“. Wir sagen „Wärterinnen“. Das trifft es auch besser. Die meisten von ihnen behandeln uns Kinder wie Gefängniswärter alter Zeiten die Gefangenen. Wir Kinder haben keinen eigenen Willen mehr zu haben. In allem herrscht das Regiment dieser „Tanten“.
„Ich habe solches Heimweh.“ – „Stell dich nicht so an.“
„Ich will jetzt aber spielen.“ – „Wenn du nicht mitkommst, darfst du nie wieder nach Hause.“
„Ich habe keinen Hunger.“ – „Du bleibst hier so lange sitzen, bis du aufgegessen hast.“
„Ich weine.“ – „Hör sofort mit der Flennerei auf.“
Warum gehorchen wir ihnen? Weil wir Kinder sind. Wir sind weit weg von unseren Eltern, von unseren Geschwistern, von unseren Großeltern, von unseren Freunden. Allein unter „Tanten“. Weglaufen können wir nicht. Ungehorsam wird drakonisch bestraft. Ich erinnere mich namentlich nur an drei von ihnen: Die alte Frau Gutermann, die ich nur selten zu Gesicht bekomme. Ihre Tochter, Fräulein Gutermann, die mal nett und aber sehr oft unerträglich war. Und dann natürlich Frau H., die launisch und unsympathisch ist. Dann sind da noch andere „Tanten“, die uns ebenfalls mit harter Hand durch diese sechs Wochen führen. Nur eine einzige „Tante“ ist immer nett, zu der wollen alle Kinder. Sie ist auch deutlich jünger (heute vermute ich, dass sie etwa 20 Jahre und darunter
gewesen sein muss). Freundlichkeit, Empathie – dies und anderes findet man auf Seiten der „Tanten“ selten bis nie.


Das Paradoxon. Ich hatte das Toilettengehverbot bereits angesprochen. Zu bestimmten Zeiten war es verboten, auf Toilette zu gehen. Dies betraf vor allem die Bettzeiten mittags und nachts. Wir tranken also zur Mahlzeit unsere Milch oder Tee. Wenn wir vor dem Schlafengehen dann nicht zur Toilette konnten, mussten wir bis zum Ende der Bettzeit warten. Das ging halt bei manchen, wie bei mir, daneben. Selbstverständlich war auch Einnässen des Bettes verboten, es kam nur eben recht oft vor, dass wir Kinder die Betten besudelten. Der naheliegende Schluss, dass zwischen Toilettenverbot und Einnässen des Bettes ein kausaler Zusammenhang besteht, wurde seitens der „Tanten“ offensichtlich nicht gezogen. Wir mussten also mit diesem Paradoxon leben.


Das Gute. Es gab auch Gutes in Oberstdorf: Die Landschaft drumherum war für mich atemberaubend schön. Viele Berge, was mir als Hamburger vollkommen unbekannt war. Schnee in Hülle und Fülle, wo bei uns nur etwas fiel, lag der Schnee im Allgäu eben meterhoch. Der Rodelberg, von dem man sich auf dem Schlitten abwärts stürzen konnte. Eine Faschingsfeier, bei der ich das von mir gewünschte Kostüm als „Prinz“ mit einem Schwert an der Seite anziehen durfte. Und die eine junge „Tante“, die einfach lieb war.


Reflexion


Ich kann hier natürlich nicht alles schreiben, was im „Kinderkurheim Gutermann“ zwischen Januar und Februar 1971 passiert ist. Ich weiß auch, dass Erinnerungen trügerisch sind und sich selbst Erlebtes und von anderen Erzähltes mischen können. Aber ich habe eigentlich einen positiven Blick auf meine Kindheit – bis auf die Zeit in Oberstdorf. Das war für mich eine Hölle aus Heimweh, Angst, Demütigungen, willkürlicher Bestrafung und Ausgeliefertsein an nicht wohlwollende Fremde.

Nein, ich wurde hier nie geschlagen. Mir ist auch nicht bekannt, dass jemand von uns geschlagen worden ist. Wir wurden meines Wissens auch nicht in einen dunklen Keller gesperrt. Aber wir wurden gedemütigt, hart bestraft und einfach mies behandelt. Wir durften unsere Spielsachen nicht behalten, die wurden uns abgenommen und wir bekamen am Ende auch nicht alle zurück. Die „Tanten“ brannten Schneisen der Verwüstung in unsere Seelen, es kümmerte sie herzlich wenig. Die Leiterin des Heimes, Frau Gutermann, wurde für ihren „selbstlosen“ Einsatz im Ort gelobt. Für uns war sie die Hauptaufseherin der Kinderhölle. 

Ich trage es der Familie Gutermann nicht nach, dass ihr Kurheim für viele Kinder eine Hölle war. Sie wussten es nicht anders, sie waren Gefangene ihrer Zeit, so wie ich auch. Als Qualifikation für den Betrieb eines „Kinderkurheims“ brachte Herr Gutermann, der vor 1971 bereits verstorben war, die Tätigkeit als Landwirt mit. Frau Gutermann war Korbflechterin. Sie haben ihre eigenen Kinder großgezogen, das hat wohl ausgereicht. Jedoch begreife ich bis heute nicht, dass die seinerzeitigen Verantwortungsträger wie die „Deutsche Angestellten-Krankenkasse“ (DAK) nicht genauer hingesehen haben, an wen sie die Kinder verschicken. Nichts gegen Landwirte und Korbflechter mit eigenen Kindern – aber etwas mehr Expertise braucht es doch, um fremde Kinder zu betreuen. In dieser Zeit der Jahre 1950 bis 1980 haben Kinder nicht viel gezählt, man hat sie einen drakonischen Regiment unterworfen, das auf kindliche Befindlichkeiten keine Rücksicht genommen hat. Das war auch meinem Kinderarzt bewusst, der vor allem meine Mutter massiv unter Druck gesetzt hat, mich in die Verschickung zu bringen.

Das ganze System war krank und brachte folgerichtig Menschen wie „Tante“ Frau H. hervor, die ihre Machtposition dafür nutzte, den Willen von Kindern mit psychischem Druck zu brechen. So sehr ich heute keinen Groll gegen die Familie Gutermann mehr habe, so sehr ist in mir immer noch der tiefe Groll gegen diese eine Frau, die große Teile meiner Kindheit zerstört hat.

Was habe ich übrig behalten von dieser Zeit? Bis zum Januar 1971 hatte ich eine ganz normale Kindheit und war ein zwar ruhiges, aber aufgeschlossenes Kind. Ja, die Freude war groß, als ich wieder im Hause war. Meine Eltern haben mir ein Fahrrad geschenkt und ich erinnere mich noch ganz genau, wo sie es hingestellt hatten. Meine Tante Elke hatte mir überdies den versprochenen Zitronenkuchen gebacken. Aber ich war seit Oberstdorf verschlossen und misstrauisch geworden. Mir fiel es schwer, zu anderen Menschen Vertrauen zu entwickeln und aufzubauen. Das betraf auch Gleichaltrige. Ich entwickelte mich in der Schulzeit daher zum Außenseiter und wurde so zur Zielscheibe von Mobbing durch Mitschüler. 

Und was ist aus der chronischen Bronchitis geworden? Die soll sich gebessert haben, sagte man mir.

Meine Mutter meinte später zu mir, dass sie mich nie weggeschickt hätte, wenn sie all das gewusst hätte, was mir in Oberstdorf widerfahren ist. Ein Gutes hatte das alles: Meinem jüngeren Bruder, bei dem auch eine Verschickung angeraten worden war, blieb das erspart.

Immerhin.


https://www.briefmarken.cc/oberstdorf-privat-kinderkurheim-gutermann?a=276354

Das „Kinderkurheim Gutermann“…. Im Schnee, wie ich es im Januar und Februar 1971 erlebt habe.


https://www.ansichtskarten-center.de/oberallgaeu-lkr/oberstdorf/oberstdorf-oberstdorf-kinderkurheim-gutermann-allgaeu-anatswald-3021475

Unter der kleinen „Turmspitze“ lag der Speiseraum. Vorne rechts neben dem Eingang muss das Krankenzimmer gewesen sein. Im ersten Stock dann die Kinderschlafzimmer.


https://www.briefmarken.cc/oberstdorf-kinderkurheim-gutermann?a=276355

Vorne im ersten Stock war eine kleine Turnhalle. Dahinter die Fenster auf der rechten Seite des 1. Stockwerks: Das erste Fenster war mein Schlafzimmer.


PS: Um die Persönlichkeitsrechte zu wahren, habe ich den Namen der "Tante" abgekürzt.


Mittwoch, 2. Februar 2022

 

Nachgedacht im Februar

Aus der Reha in Ratzeburg bin ich nun seit etwa zwei Wochen wieder zurück. Es war diesmal doch anders als vor vier Jahren. Das hing nicht nur mit den Corona-Schutzmaßnahmen zusammen, die in der Reha-Klinik allgegenwärtig waren. Es war auch meine Erfahrung, die den Ton bestimmte. Die Erfahrung des Rezidivs. Während ich vor vier Jahren nach überstandenen Therapien und Remission voller Optimismus war, hatte sich diesmal die Erfahrung eingestellt, dass nach der Remission vor dem Rezidiv ist. Zum Glück konnte ich diesen Gedanken in den während der Reha in den Hintergrund schieben. Aber ganz verschwunden ist der Gedanke halt nicht, er begleitet mich wie ein dumpfer Mollton die ganze Zeit.

Dazu kam und kommt noch die allgemeine Situation mit der Corona-Pandemie. Leider habe ich noch während meines Krankenhaus-Aufenthalts die Information erhalten, dass infolge der Hochdosistherapie mein Immunsystem vollkommen neu ist. Das heißt auch, dass alle Impfungen hinüber sind. Das war für mich neu, bei der letzten Hochdosistherapie 2017 hatte mir das niemand gesagt. In der Konsequenz heißt das, dass auch meine Corona-Impfungen wohl sämtlich zweifelhaft sind. Kurz vor meinem Krankenhausaufenthalt hatte ich mich boostern lassen. Ärztlich gibt es keine verlässliche Aussage, was eine Infektion mit dem Virus bei mir ausrichten würde. Damit muss ich erstmal klarkommen. Daher befinde ich mich in einer Art selbstgewählter Quarantäne.

Immerhin hat mir meine Onkologin ein Medikament in Aussicht gestellt, dass einen "milden" Verlauf herbeiführen soll für den Fall, dass ich mich infiziert habe. Ob es wirkt? 

Aber die Hauptschwierigkeit bereitet mir eindeutig die Furcht vor dem Rezidiv. Dabei sind alle meine Werte gut. Die Proteinwerte ("Leichtketten", das Indiz für das Myelom) sind super. Die Blutwerte sind normal. Nur der Zweifel nagt in mir: "Und wenn das alles trotzdem....?" Und oft ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich andere Menschen wegen ihrer sichtbaren Gesundheit beneide. 

Der Körper mag im Moment brauchbar sein, die Psyche kommt nicht so richtig hinterher. Und wenn es doch nicht nur die Psyche ist...?

Gelingt mich abzulenken? Ja, das geht auch. Bewegung ist eine sehr gute Idee, ein gutes Buch lesen auch und etwas Gedankenanregendes im Fernsehen oder im Internet zu sehen ebenfalls. Denn mein Leben besteht nicht nur aus dem Myelom.

Denke ich an mein Leben vor der Krankheit, drängen sich viele Fragen auf. Aber ich schiebe sie beiseite: Dieses Leben ist Vergangenheit und vieles davon habe ich beiseite gelegt. Auch das Morgen verliert bei mir an Bedeutung. Was weiß ich, was in X Jahren ist? Viel wichtiger ist mir, was heute, jetzt und hier ist. Was macht mir Freude? Womit fühle ich mich wohl? Ich habe meine Leidenschaft für den HSV abgelegt. Ich habe mein evangelikales Leben beendet. Ich habe meine politischen Prioritäten überdacht. Das ist alles Vergangenheit, erlederitzt, perdu, abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen. 

Es zählt das Jetzt, es zählt der Mensch, der vor mir ist. Das bedeutet für mich: Ein Glaube, der in die Weite führt und sich nicht in ausgetretenen Bahnen einer rechtgläubigen Dogmatik einengen lässt. Eine Fußballleidenschaft, die die gesellschaftliche Dimension berücksichtigt (deshalb der FC St. Pauli). Eine politische Schwerpunktsetzung, die den einzelnen Menschen in einer solidarischen Gesellschaft in den Mittelpunkt stellt. Das ist alles für mich neu und ungewohnt. Aber es geht nicht mehr anders. Das Leben ist Wandel - und bei mir hat die Krankheit diesen Wandel beschleunigt. Wandel ist Normalität - und ich lerne, ihn zu akzeptieren.


Und offen gestanden:

Früher stand ich politisch weit rechts. Am schlimmsten war für mich die Vorstellung, dass mein geliebtes deutsches Vaterland im Ansturm fremder Menschen untergehen würde. Deutschsein war für mich ein Überlegenheitsgefühl, "der" Deutsche schlechthin war durch sein deutsches Wesen anderen Kulturen und Völkern per se überlegen - und dennoch bedroht. Schwarzafrikaner, Balkanvölker, Türken, Araber waren für mich minderwertig. Ich dachte für mich konservativ: Die alten deutschen Tugenden sollten es für uns hier richten. 

Was für ein Irrweg.

Durch meine Begegnung mit dem christlichen Glauben hatte ich die meisten dieser Punkte schon aus meinen Überzeugungen getilgt. Aber es blieb dennoch jahrelang ein Kampf und die Versuchung war stets präsent: Kann man nicht auch national denkender Deutscher und gleichzeitig guter Christ sein? Das Aufkommen der "AfD" in den 2010er Jahren hat mich neu herausgefordert. Nein, beigetreten bin ich dieser Partei nie, das stand auch nie zur Debatte. Aber den Aufstieg dieser Partei habe ich mit Genugtuung und Wohlwollen begleitet.

Ab damit in den Orkus. 

Betrachte ich meinen politischen Werdegang in den letzten zwei Jahren, so stelle ich fest, dass ich mich sukzessive von den alten Überzeugungen gelöst habe. Es hat sich gewandelt, was ich denke. Ja, ich schäme mich auch dafür, in menschenfeindlichen und rassistischen Kategorien gedacht zu haben. Ich ärgere mich darüber, eine Weltanschauung aus Ängsten und Aggression vertreten zu haben. Und ich bin wütend über mich selbst, früher (in den 90er Jahren) keinen klaren Trennungsstrich zu Nazismus (den ich nie vertreten, aber geduldet habe) und sonstige Menschenfeindlichkeit gezogen zu haben. 

Was folgt daraus?

Meine Kinder will ich freies, selbstständiges und kritisches Denken vermitteln. Damit sie nicht wie ich in die Falle tappen, die angst- und ressentimentgetriebenes Denken aufstellt. Es freut mich jedenfalls, dass mein 14jähriger Sohn früher als ich begriffen hat, dass Rassismus keine Option ist. Er war es auch, der mich zum FC St. Pauli gebracht hat.

Ich bin daher nicht mehr rechts. 

Ich bin - wenn man so will - gleichzeitig konservativ und progressiv. Evangelischer Christ mit orthodoxem und buddhistischem Einfluss. Hamburger, Deutscher, Europäer, Weltbürger. Pragmatisch und auch liberal.

Es ist immer eine Frage, worum es gerade geht.


"Unwissenheit führt zu Angst. Angst führt zu Hass, und Hass führt zu Gewalt. Das ist eine einfache Gleichung." - Ibn Rushd (Averroes), andalusisch-muslimischer Philosoph und Arzt, 1126-1198 




Mittwoch, 1. Dezember 2021

 


Ergebnisse einer Dekonstruktion


Ich bin jetzt nach fast drei Wochen aus dem Krankenhaus entlassen und wieder im Hause. Das war wirklich keine schöne Zeit. Diesmal gab es viel Übelkeit, einen ziemlich unleidlichen Zimmergenossen die meisten Tage (und Nächte), Ekelgefühle en masse und zum unguten Schluss noch ein hartnäckiges Fieber, das meine Entlassung deutlich verzögerte. Das meiste ertrug ich durch Gleichmut und Humor, das exzellente Pflegepersonal und ein guter Psychoonkologe taten ihr Übriges, dass ich meinen Verstand nicht verlor. In dieser Zeit reifte mein Entschluss, an diesem sich allmählich leerenden Ort eines Blogs (den kaum noch jemand liest) kurz zu notieren, was ich christlich noch glaube - und was nicht. Das sind freilich keine Dogmen, keine Lehre und sicherlich kann so ziemlich jeder Bibelfundi mit einer Reihe von Zitaten meine Glaubenssätze aushebeln. Aber das ist das, was nach der Dekonstruktion meines christlichen Weltbilds in den letzten fünf Jahren übriggeblieben ist bzw. sich neu gefunden hat.

Was ist Dekonstruktion? Den Begriff habe ich erst kürzlich gefunden. Er beschreibt den Prozess, in welchem Menschen, die vormals geglaubt haben, ihre tradierten, erlernten oder angeeigneten christlichen Überzeugungen in Frage stellen, konfrontieren und abbauen. Dies betrifft in der Regel Menschen aus konservativ-christlicher Sozialisation, die in Deutschland in den verschiedenen Freikirchen aller Denominationen, Teilen der Landeskirchen (hier die pietistische Szene) und Sondergemeinschaften wie der Neuapostolischen Kirche und den Zeugen Jehovas gibt. Als ehemaliges Mitglied einer freikirchlichen Pfingstgemeinde gehöre ich auch dazu. Bei vielen Menschen führt die Phase der Dekonstruktion in den Agnostizismus oder Atheismus, andere wenden sich anderen Weltanschauungen und Religionen zu, wieder andere kehren in die christliche Kirche zurück, selten aber in die, aus der sie ursprünglich stammen.

Bei mir ist der Dekonstruktionsprozess nicht abgeschlossen. Aber nach dem krankheitsbedingten Zweifel an Gott habe ich mich intensiv mit anderen Deutungsvarianten beschäftigt. Da kam ganz zwangsläufig der auf Vernunft aufbauende Atheismus/Agnostizismus ins Spiel. Noch stärker aber habe ich mich mit dem Buddhismus beschäftigt, v.a. in seiner tibetischen und in seiner Zen-Variante. Insbesondere dieser Weltreligion, die man besser eine Welt-Psychologie nennen kann, verdanke ich viel an Selbsterkenntnis und an Achtsamkeitsbewusstsein. Aber dann erkannte ich in der Retrospektive einer Begegnung mit ostkirchlicher Spiritualität und der liberalen Theologie der evangelischen Kirche, dass ich im christlichen Glauben, evangelische Variante, zu Hause bin. Ich brauche ein spirituelles Gegenüber, ein "DU", wie es der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber ausgedrückt hat. Das zog mich zurück in die evangelische Kirche, nicht jedoch in die freikirchliche Pfingstgemeinde.

Nach dieser Einleitung: Was glaube ich nicht mehr? Und was glaube ich?

1. Die Bibel ist das Wort Gottes. - Nein, das glaube ich nicht mehr. Die Bibel ist eine Sammlung von Geschichten und Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht. Als solche enthält sie das Wort Gottes.

2. Alles, was in der Bibel steht, hat sich 1:1 so zugetragen. - Nein, die Bibel ist voller Mythen, Sagen und Legenden, Zuschreibung und Dichtung. Es gab keine Schöpfung in sieben Kalendertagen, keinen Adam und keine Eva, keinen Turmbau zu Babel und keine Sintflut. Das sind Bilder, die uns bestimmte Dinge über Gott und die Welt lehren, aber keine Reportagen aus der Vergangenheit. Die großen Gestalten der Erzväterzeit sind ebenso mythisch wie der Exodus. Mit der Richterzeit treten wir in das Reich der Sagen (ähnlich wie die germanischen Sagen der Völkerwanderungszeit) und erst mit der späten Königszeit erreichen wir verlässlichen historischen Boden. 

3. Die Evangelien sind akkurate 1:1-Berichte über Jesus, von Augenzeugen beschrieben. - Nein, die Evangelien sind lange nach Jesu Tod (und Auferstehung) entstanden. Sie enthalten Teile des Lebens Jesu und propagieren seine Botschaft als Erlöser. Sie sind aber keine Biographien im heutigen Sinne. Ob Jesus übers Wasser gewandelt ist, scheint fraglich. Dass er mehr war als bloß ein Mensch ist für mich unstrittig. Aber er ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in Bethlehem geboren und die Mariengeschichte ein dazugehöriger schöner Mythos. Sicher ist mir seine Kreuzigung und - so unwahrscheinlich es auch ist - seine Auferstehung.

4. Gott ist rachsüchtig und straft uns für unsere Sünden. - Nein, Gott ist ein Liebhaber jedes Menschen, freundlich und voller Güte. Die Trennung des Menschen von Gott, die wir Sünde nennen, mag die Menschen zerstören. Aber Gott sieht die Menschen durch die Liebe seines Sohnes Jesus und notiert nicht wie ein Buchhalter, was wir falsch machen.

5. Gott ist allmächtig und kann alles. - Nein, Gott "kann nicht alles". Er macht, was seinem Charakter entspricht und mutet uns zu, mit offenen Lebensfragen zu leben. Warum leide ich? Warum habe ich Krebs? Warum sterben bei einem Tsunami 200.000 Menschen? Diese Fragen bleiben offen und unbeantwortet. Aber auch im tiefsten Elend ist Gottes Barmherzigkeit grenzenlos und da, wo der Mensch mit seinen Kräften am Ende ist, da spendet Gottes Liebe immer noch Kraft. Ja, Gott ist eine Krücke des Trostes für die Menschen, die ihn brauchen.

6. Glaube ist wichtiger als Wissen. - Nein, beides ist gleich wichtig. Allerdings beschreiben sie unterschiedliche Sphären. Das Wissen erforscht die Welt, beschreibt und vermisst sie. Prinzipell ist die Wissenschaft gott-los. Wenn Gott außerhalb der Welt steht, kann die Wissenschaft ihm nicht auf die Schliche kommen. Daher formuliert der moderne Atheismus sehr richtig: "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott." Dies spiegelt die Möglichkeiten wider, die der Wissenschaft zur Verfügung stehen. Allerdings ist der Atheismus da schmal, wo es um die Frage eines Sinnes geht. Hier kommt der Glaube ins Spiel, was ich einmal die "Musik des Lebens" genannt habe. Der Glaube beschreibt die Welt des Sinnes, den der Glaube einer nicht bewiesenen und nicht beweisbaren Entität namens "Gott" zuschreibt. Es ist so wie beim Mathematiker und einem Maler: Der Mathematiker vermisst die Welt, der Maler malt sie, wie er sie sieht. Beides hat gleichermaßen seinen Platz und seine Grenzen.

7. Alle Religionen außer dem Christentum sind falsch. - Nein. Wir finden viel Wertvolles im Erbe der Religionen und beileibe nicht nur im von den Christen neuerdings so geschätzten Judentum. Alle Religionen sind auf dem Weg der Suche nach der Wahrheit, sie beschreiten unterschiedliche Wege und bedienen sich ihrer kulturellen Möglichkeiten. Aus vielen Gesprächen mit Christen entnehme ich deren Faszination für das Judentum und ich sage dazu auch "Gut so",  nach mehr als 1200 Jahren christlichem Antijudaismus wurde das auch mal Zeit. Ich hingegen finde im Buddhismus viel Wertvolles, das zu meinem Leben als Christ passt. Es ist an der Zeit, die religiösen Scheuklappen fallen zu lassen und von anderen Religionen zu lernen. Christen, die Yoga praktizieren - why not? Christen im Zazen - finde ich gut. Es gibt dabei Grenzen, derer man sich bewusst sein sollte. Wenn der Zen-Buddhismus die Auflösung aller Begriffe und aller Substanz durch Zazen postuliert, dann gehe ich da nicht mit, da ich das mit meinem Glauben nicht vereinbaren kann. 

8. Jesus starb für unsere Sünden im Gericht Gottes. - Nein, Gottvater lässt seinen Sohn nicht am Kreuz sterben und rächt sich an ihm. Ich glaube vielmehr daran, dass die Bosheit von uns Menschen Jesus ans Kreuz gebracht hat und dass er, ein vollkommen Gerechter, an unserer Ungerechtigkeit freiwillig zugrunde gegangen ist. Das Sterben Jesu am Kreuz ist Gottes Solidaritätserklärung für alle leidenden Menschen auf dieser Welt. Leid zu sehen ist nämlich das eine, Leid selbst durchlitten zu haben ist etwas völlig anderes. Mir sind in meinem Krebsleiden Menschen besonders wichtig, die diese oder eine andere schwere Krankheit selber haben oder hatten. Und so ist es bei Gott auch: Er hat seinen einzigen Sohn sterben sehen. Und bei Jesus ist es ebenso: Er ist buchstäblich durch die Hölle des Leidens gegangen. Damit setzt die göttliche Dreieinigkeit ihr Siegel darauf: "Leidender Mensch, ich bin bei dir weil ich weiß und es selbst erlebt habe, wie es dir jetzt gerade geht."

9. Nur die Evangelikalen wissen, wie die Bibel auszulegen ist. - Nein, manchmal haben die Evangelikalen ein frommes Brett vor dem Kopf. Die angebliche 1:1-Auslegung der Bibel ist ziemlich neu, sie entstand in dieser Radikalität erst im 19. Jahrhundert auch in der Auseinandersetzung mit der damals aufbrechenden Welle der Säkularisierung. Wenn schon die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung viele alte Wahrheiten wegspülten, so sollte doch die Bibel nur noch "anhand der Bibel" ausgelegt werden. Diese Theologie aber war neu und reaktiv, selbst vom Geist der Moderne inspiriert. Ich hingegen glaube, dass die Bibel immer wieder neu und im Dialog mit ihrer Zeit auszulegen ist. Sie ist kein museales Schmuckstück, das uns aus antiker Vorzeit überliefert worden ist, sondern ein bleibender Schatz, der ab und zu poliert werden muss,  um keinen Staub anzusetzen.

10. Gott hasst die Sünde und liebt den Sünder. - Nein, das ist so eine Leerfloskel der Elitechristen, mit der sie tatsächlich auf den Sünder eindreschen. "Komm, wie du bist" heißt es als Einladungstext. Tatsächlich darf aber nur der im christlichen Club mitspielen, der sich den dort herrschenden Regeln anpasst. Kann man so machen, entspricht aber nicht der christlichen Botschaft, die bei mir "kommt zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid" heißt. Warum soll jemand, der als Homosexueller angeblich in Sünde lebt, sein Verhalten ändern? Was kann er dafür, dass seine sexuelle Identität von den Elitechristen nicht akzeptiert wird? Ich glaube nicht, dass Gott im Himmel laut "Igitt" über ihn schreit. Vielmehr bin ich überzeugt davon, dass Gott diesen Menschen genauso geschaffen hat, wie er ist und dass Gott ihn genauso liebt, wie er ist. Das Wesen Gottes ist Liebe und der Mensch als Ebenbild Gottes ist damit Widerspiegler der göttlichen Liebe. Das gilt unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion und eben auch unabhängig von sexueller Identität. Daher gibt es keinen Grund, von Menschen mit anderer sexueller Identität als der konventionell-konservativen eine Änderung zu erwarten. Und erst recht keinen, ihnen den göttlichen Segen für ihren weiteren Lebensweg (z.B. in einer gleichgeschlechtlichen Ehe) vorzuenthalten. 

Ich könnte noch mehr schreiben, mache hier aber erstmal Schluss.


















Montag, 27. September 2021

 


Was gibt es Neues? Krebs - Glaube - Fußball


Vor drei Wochen hatte ich wieder ein Gespräch mit meiner Onkologin. Da wurden mir meine aktuellen Myelom-Werte präsentiert. Das Ergebnis war erfreulich: Die Werte sind auf Normalmaß gefallen, die Eiweißleichtketten sind soweit OK, die Nierenwerte gut und der Befall des Organismus zurückgedrängt. Sogar die roten Blutkörperchen und der Blutfarbstoff, die mir vor drei Monaten zu schaffen machten, sind wieder da, wo sie hingehören.

"Wir können von Remission sprechen." meinte Frau Doktor. 

Als Myelompatient weiß ich, dass damit der Krebs nicht ausgestanden ist. Es wird weitergehen. Nun wird es noch einen zweiten Termin Anfang Oktober geben, bei dem eine weitere Medizinerin auf meine Werte schauen wird. Dies wird eine ausgewiesene Myelom-Spezialistin im UKE sein, die dann eine Empfehlung geben wird. Ich stehe dann sehr wahrscheinlich vor zwei Alternativen: Die erste ist die Fortführung der jetzigen Therapie als Erhaltungstherapie, d.h. dass ich alle zwei und dann alle vier Wochen zu Chemo und Antiikörpertherapie erscheinen muss. Die zweite ist eine erneute Hochdosistherapie mit (autologer) Stammzellentransplantation. Das würde im UKE stattfinden, ca. zwei Wochen dauern und ein anstrengender Prozess mit vielerlei Infektions-Risiken sein. Aber eine weitere Erhaltungstherapie wäre dann nicht unbedingt erforderlich. Als vermeintlich hartgesottener und leiderfahrener Patient neige ich zu der schnellen Variante: "Lieber einmal richtig heftig und dann ist erstmal Ruhe als ein Dauerkrampf."

Also stehe ich hier vor einer ganzen Reihe von Entscheidungen, die wohl erwogen werden müssen.

Ehrlich: Spaß ist anders.

Dabei erlebe ich, dass diese Krankheit wieder erheblich an meiner Psyche nagt. Die körperlichen Belastungen und die (tödlichen) Gefahren meiner Krankheit mit ihren Begleitumständen haben sich auch auf meine Seele gelegt. Das versteht nicht jeder. "Du siehst doch gut aus." höre ich manchmal. Nun ja, abgesehen davon, dass ich rund 10 Kilo zugenommen habe und die gesunde Gesichtsfarbe von meinem Cortison-Konsum kommt.... Doch plagen mich Gedächtnisschwierigkeiten, Müdigkeit und eine gewisse Form von Traurigkeit gepaart mit tiefen Ängsten. Der Krebs hat sich eben auch in meine Seele gegraben.

Dass ich mich überdies noch mit beruflichen Sorgen herumplagen muss, tut ein Weiteres. Dabei kann ich mich eigentlich nicht über meinen Arbeitgeber beklagen. Mein Chef und seine Vorgesetzten sowie meine Kolleginnen und Kollegen wissen von meiner Krankheit. Damit gehe ich bewusst offen um, sie lässt sich auch nicht verstecken. Ich bin außerdem sehr dankbar, dass meine Vorgesetzten auch Anteil an meinem Schicksal nehmen und mir dabei wohlgesonnen sind. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man chronisch kranke Mitarbeiter hat, die nicht mehr so leistungsfähig sind, wie es eigentlich gewohnt war. Doch unglücklicherweise stehen im Unternehmen einschneidende Umstrukturierungen bevor. Meinen bisherigen Job werde ich dann verlieren, der ist in der schönen neuen Welt nicht mehr vorgesehen. Und was dann? Erhalte ich eine gleichwertige Position? Muss ich Einkommenseinbußen befürchten? Diese Unsicherheit belastet mich schon. Immerhin - und auch das ist ein Grund zur Dankbarkeit - muss ich nicht befürchten, infolge der Umstrukturierungen überhaupt entlassen zu werden.

Es sind noch andere Auswirkungen in meinem Leben. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich mich noch einmal neu finden muss. Wer bin ich? Was sind meine Interessen? Was sind meine Werte? Wem will ich mich aussetzen?

Prozesshaft entwickelt sich dabei meine Rückkehr in den christlichen Glauben. Ich profitiere sehr von den verschiedenen Formen kontemplativer Spiritualität, die im orthodoxer und katholischer Tradition wurzeln. Im Rahmen meiner Frage, wer ich bin, stellte sich sogar die Konversionsfrage: Soll ich katholisch werden? Oder orthodox? Diese Fragen kann ich mittlerweile gut beantworten: Nein, nein. Meine persönlichen Wurzeln sind in der evangelischen Kirche und der ihr eigenen Freiheit. Ich kann die guten Dinge anderer Konfessionen genießen und doch ganz und gar in meiner Tradition zu Hause sein. Ich muss mich nicht in ein dogmatisches Korsett zwängen (wofür ich in meinem alten Leben vor dem Krebs empfänglich gewesen bin), sondern darf den Glauben in allem Frieden genießen. Christus erscheint nicht als finsterer Richter meines Lebens, sondern als Anteilnehmer an meinem Schicksal und Beistand.

Außerdem darf ich meinen Verstand gebrauchen. Ich nehme mir die Freiheit, die christliche Überlieferung auch hinsichtlich ihrer Stimmigkeit zu prüfen. Die Bibel enthält nach meiner festen Überzeugung die wunderbarsten Geschichten über die Geschichte Gottes mit den Menschen - aber eben keine Geschichtsschreibung in unserem heutigen Sinne. Sie läuft von ihren Rändern auf einen Kern zu, der in der Mitte der Schrift liegt und von dem aus sich die Schrift entfaltet: Christus, gekreuzigt und auferstanden. Die dogmatische Verkleisterung dieser Wahrheit hat mir in den letzten Jahren nicht geholfen, war sogar der Ausgangspunkt meines Zweifels. Gott mit Herz und Verstand glauben - so in etwa stelle ich mir meinen zukünftigen Glauben vor. 


Christus-Tryptichon


Da passt der evangelikale Rettungsglaube nicht mehr hinein, der mich die letzten Jahre geprägt hat. Statt dessen glaube ich sowohl "aufgeklärt", was Schrift und Theologie angeht, als auch "kontemplativ", was die Glaubenspraxis angeht.

In einer Sache bin ich aber mittlerweile konvertiert. Man mag das als Ausdruck der Identitätskrise sehen, in die ich geraten bin. Aber es ist schon spannend, was mit mir passiert, wenn ich meine Sicht der Dinge in einem Punkt verändere, radikal verändere.

Viele wissen ja, dass ich all die letzten Jahr mal mehr, mal weniger intensiv HSV-Fan gewesen bin. Mit dem Verein habe ich viele schöne Erfahrungen gemacht (vor rund 40 Jahren), als auch viele schwere Zeit durchlitten habe (die letzten 10 Jahre). Das hat eine gewisse Entfremdung bewirkt: Soll ich mir das weiter antun? Das hartnäckige Insistieren meines 13jährigen Sohnes, der vor Jahren durch einen Kindergarten-Erzieher zum FC St.Pauli gebracht worden ist, führte mich nun in eine andere Richtung. Eine Stadionführung durch das Millerntor-Stadion konfrontierte mich nicht nur mit den äußeren Einrichtung, sondern auch mit der Philosophie des Vereins. Was ich dort wahrnahm, ist für mich attraktiv: Weltoffenheit, soziales Engagement, kommerzkritischer Fußball, Verwurzelung im Stadtteil und in der Stadt, leidenschaftlicher Einsatz gegen Menschenverachtung und konstruktiver Umgang mit gesellschaftlicher Veränderung. Dieser Verein spielt nicht nur Fußball, sondern bildet eine soziale Größe, die ganz andere Sphären der menschlichen Existenz erreicht. Fast kann man sagen, dass es sich beim FC St.Pauli um eine Weltanschauung im besten Sinne handelt. Das findet sich andernorts nur in Ansätzen. Und für mich ist das attraktiv.



Millerntorstadion



Ob es dabei bleibt? Wer weiß das schon. Gedanklich kommt meine Mutter ins Spiel, die dann sagt "Häng deine Fahne nicht nur in den Wind." Auf der anderen Seite: Schiet wat up. Ich weiß nicht, wie lange ich noch lebe. Leben ist jetzt! Daher bin ich ungeniert konvertiert und kümmere mich nur am Rande um das, was andere Menschen davon halten. Der HSV ist meine Vergangenheit, auf die ich auch mit viel Freude zurückblicke, der FC St. Pauli meine Gegenwart, die ich genießen möchte.

So sei es.


 


















Donnerstag, 19. August 2021

 

Reflexionen

Ich teile diesen Blogpost in zwei Teile: Zuerst geht es um die Krankheit, dann um das Thema Glauben.


Also Krankheit.

Seit Mitte Mai bin ich in meiner Therapie. Ich erhalte einen Antikörper und eine Chemo, das erste per Spritze in den Bauch, das zweite per Infusion. Wegen meiner grotesk zerstochenen Unterarme (nach drei Jahren Infusionen kein Wunder) habe ich mir Ende Mai zusätzlich einen Port legen lassen, durch den jetzt die Infusionen recht komplikationsfrei laufen. Das sind jetzt etwas mehr als drei Monate.

Die ersten Tage waren beschwerlich, ich litt sehr unter den Folgen der Behandlung. Dann traten auch noch Komplikationen mit meinen Blutwerten auf, sodass ich eine Blutkonserve erhalten musste, die aus dem Serum für Blutfarbstoff bestand. Danach ging es mir zwei Tage so richtig schlecht, zumal ich auch mir auch noch eine zusätzliche Spritze für die Gewinnung von Leukozyten setzen musste. Das war Anfang Juni - und ich hing buchstäblich in den Seilen.

Aber danach ging es mir immer besser. Es gab sogar Tage, da musste ich mich daran erinnern, dass ich gerade wegen einer Sch...krankheit in Behandlung. Die Blutwerte haben sich mittlerweile wieder (auf niedrigem Niveau) normalisiert, ich kann mittlerweile sogar in moderater Weise wieder Sport treiben, ohne umzukippen. 

Nur an den Therapietagen geht es mir nicht so gut. Das betrifft aber nur eine tiefe Müdigkeit, die ich nach den Infusionen habe. In der Zwischenzeit habe ich sogar erfahren, woran das liegt. Das ist ein Medikament namens Tavegil, das gegen Allergien wirken soll. Und wie viele Histamine wirkt es ausgesprochen müdigkeitsfördernd. Zurzeit ist mittwochs immer Therapietag. Im Laufe des Mittags stellt sich dann die Müdigkeit hammerartig ein und zieht sich dann bis zum Abend hin. Am Abend übernimmt dann das ebenfalls eingenommene Cortison das Kommando und sorgt für die Gegenreaktion: Dann werde ich sehr wach. Die Folge sind dann - trotz Müdigkeit und Erschöpfung - Schlafstörungen. Aber ich habe mich an dieses Ab und Auf schon gewöhnt und wäre wohl überrascht, wenn es anders wäre.

Ich betone aber nochmals: Ansonsten habe ich viele gute Tage. Wenn ich das mit den Beschwernissen in den ersten Monaten der letzten Therapie vor bald viereinhalb Jahren vergleiche, ist das ein "Klacks mit der Wichsbürste", wie man in Norddeutschland sagt. Es gibt da freilich etwas, das mich sehr beunruhigt, aber das schreibe ich vielleicht ein andermal.

Neulich bat mich meine Onkologin in ihre Sprechstunde und präsentierte mir die Ergebnisse der Therapie bis dahin. Der Befund war erfreulich: Das Myelom ist deutlich auf dem Rückzug, die Proteinleichtketten normalisieren sich wieder, das knochenzerstörende Werk ist deutlich gestoppt und auch die Nierenwerte sind in Ordnung. Kurz und gut: Die Therapie hat angeschlagen bei guter Verträglichkeit. Das ist doch was Erfreuliches.

Leider dämmert mir bei solchen Terminen, dass ich bis an mein Lebensende mit dieser Krankheit werde kämpfen müssen. Und das nicht nur in den trüben Monaten, in denen das Myelom zuschlägt wie jetzt. sondern auch dann, wenn es sich nicht zeigt. Dann kommen andere Begleiterscheinungen der Krankheit zum Tragen: Infektanfälligkeit, Fatigue, psychische Störungen, vielleicht auch Polyneuropathien. Aber ich darf weiter leben. Auch das ist doch bei allem Mist etwas Erfreuliches.

In den letzten Jahren hat mir mein Psychoonkologe Dr. Schulz-Kindermann gute Dienste geleistet. In vielen Gesprächen hat er mich immer wieder aufgebaut und mir geholfen, mit den Folgen der Krankheit und auch mit ihren Begleitumständen klarzukommen. Ohne ihn wäre es oft ein Gang barfuß durch die Hölle gewesen. Mit seinem Rüstzeug konnte ich in die Hölle oft in Kampfstiefeln durchschreiten. Leider wird er nun die Betreuung beenden, er geht in den wohlverdienten Ruhestand. Zwar bleibe ich Patient in seiner UKE-Abteilung, werde aber einen anderen Betreuer erhalten - und auch das erst nach einer unbestimmten Übergangszeit. Sehr schade, auch wenn ich das bereits vermutet hatte. Dr. Schulz-Kindermann ist der führende Psychoonkologe in Deutschland und ich bin sehr, sehr, sehr dankbar, bei ihm in Betreuung gewesen zu sein.

Anfang/Mitte September werde ich dann mit meiner Onkologin besprechen, wie es weitergeht. Im Raum stehen im Großen und Ganzen zwei Optionen: Entweder endet mit der Therapie auch die unmittelbare Behandlung und wir gehen in eine Erhaltungstherapie über - oder ich muss noch einmal eine Hochdosistherapie mit Stammzelltransplantation über mich ergehen lassen. Dazu gibt es eine weitere Knochenmarkpunktion und eine Zweitbegutachtung durch die Onkologisch-Hämatologische Abteilung des UKE, die - wie es sich so fügt - eine der führenden Einrichtungen auf dem Gebiet der Myelomforschung ist. Ich darf also gespannt sein.

La luta continua. Venceremos.


Dann Glaube.

Die Krankheit hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Und nach und nach stürzte auch mein Glaube in sich zusammen. Manchmal explodierte er, die meiste Zeit aber implodierte er. Ich konnte auf die rauchenden Trümmer meines christlichen Bekenntnisses blicken. Nur wenig bis gar nichts war davon übriggeblieben. 

Zuweilen suchte ich mich in Vordergründigem zu orientieren. Dann gab ich zwar Christliches von mir, das aber war nur Oberfläche. Frommes Gelaber, das ich in den letzten 20 Jahren auswendig gelernt hatte. Christliche Floskeln halt. Tatsächlich war da nicht mehr viel.

Ich hatte ja schon erzählt von meinem Erlebnis im Mai/Juni diesen Jahres, als ich das Bedürfnis nach dem DU hatte. Das hat sich bis heute nicht gelegt. Und so krabbele ich mühsam zurück in den Glauben an Jesus Christus. Es ist schwieriger, als ich dachte.

Im Internet habe ich eine Initative gefunden, in der ehemals evangelikale Christen sich artikulieren und vernetzen. Sie nennen sich #deconstruct, #exvangelical oder #unfollow. Auch bei ihnen hat in Krisensituationen der christliche Glaube vor allem in seinen evangelikalen Spielarten keine Stütze mehr geboten. Das Infragestellen von Glaubenssätzen ist im evangelikalen Milieu nicht sonderlich beliebt. Selbst dann nicht, wenn diese Fragen von Menschen gestellt werden, die sich in existenziellen Krisen befinden und zweifeln. Die meisten Betroffenen wenden sich dann sukzessive vom Glauben ab und nur wenigen gelingt es, sich dann in die christliche Welt wiedereinzufinden. Viele werden Atheisten oder Agnostiker. Das kann ich gut nachvollziehen, wäre ich doch fast auch in diese Richtung gegangen. Noch heute habe ich große Sympathien für Atheismus und Agnostiszismus, kann aber deren gedankliche Wege nicht oder besser nicht mehr mitgehen.

So definiere ich meinen christlichen Standpunkt sukzessive neu. Da darf ich auch gerne etwas ausprobieren. 

Mir sagt die Frömmigkeit im orthodoxen Bereich sehr zu: Der Ikonenverehrung, dem Herzensgebet, dem Tschotki und dem herrlichen Gesang der Liturgie. Aber als ich mich der dahinter stehenden Instution näherte, stieß mich der antimodernistische Kurs der meisten verfassten orthodoxen Kirchen ab. Zudem habe ich mittlerweile eine Aversion gegen Dogmen, die ich unhinterfragt verbindlich zu glauben habe.

Aber auch Phänomene der katholischen Kirche finde ich spannend. So entdecke ich die Lectio Divina und das kontemplative Gebet. Aber katholisch werden? Warum denn das. Auch da begegne ich einer dogmatischen Bindung und einer fragwürdig gewordenen Hierarchie.

Zurzeit beschäftige ich mich mit den Praktiken des Zen-Buddhismus und wie sich das mit dem christlichen Glauben verträgt. Gut möglich, dass ich das auch verwerfe, aber hier können für mich Brücken geschlagen werden zwischen der Stille der Kontemplation und der Herausforderung des Evangeliums. Ich bin ein Mystiker.

Gleichzeitig wende ich mich der historisch-kritischen Methodik im Bibelverständnis zu. Ich kann und will nicht mehr den Verstand ausschalten, wenn ich mich mit dem zentralen Text des christlichen Glaubens beschäftige. Gott hat mir den Verstand gegeben, damit ich ihn nutze. Warum sollte ich da mit einem eindimensionalen Verständnis an die Texte herangehen? Viele der Dogmen, die ich in den letzten 20 Jahren gelernt habe, sind fragwürdig. Und ich lebe in einer rational geprägten Welt.

Das könnte ich jetzt noch fortsetzen, würde aber den Rahmen sprengen. Ich bin - wie gesagt und betont - auf dem Weg zurück. Wo ich im christlichen Milieu lande, weiß ich noch nicht. Es wird aber definitiv anders sein als meine Zeit früher in der Elim-Kirche. Ganz anders. Fest steht, dass ich für meine Person mit dem evangelikalen Christsein, wie es in Pfingstgemeinden, freien Gemeinden oder ähnlich orientierten Gemeinschaften nicht mehr viel anfangen kann. Das ändert freilich nichts daran, dass ich für viele Menschen, die ich dort kennengelernt habe tiefen Respekt empfinde für ihren Glauben. Aber ich gehe da nicht mehr mit.

Mein Weg ist ein anderer.


Wenn einer es heute fertig bringt,
mit diesem unbegreiflichen, schweigenden Gott zu leben,
den Mut immer wieder neu findet, ihn anzureden,
in seine Finsternis glaubend, vertrauend und gelassen hineinzureden,
obwohl scheinbar keine Antwort kommt als das hohle Echo der eigenen Stimme,
wenn einer immer wieder den Ausgang seines Daseins frei räumt
in die Unbegreiflichkeit Gottes hinein,
obwohl er immer wieder zugeschüttet zu werden scheint
durch die unmittelbar erfahrbare Wirklichkeit der Welt,
ihrer aktiv zu meisternden Aufgabe und Not
und ihrer immer noch sich weitenden Schönheit und Herrlichkeit,
wenn er dies fertig bringt ohne die Stütze der „öffentlichen Meinung“ und Sitte,
wenn er diese Aufgabe als Verantwortung seines Lebens
in immer erneuter Tat annimmt
und nicht als gelegentlich religiöse Anwandlung,
dann ist er heute ein Frommer, ein Christ.....

- aus: Karl Rahner, Frömmigkeit früher und heute (1965)






Montag, 12. Juli 2021

 

Nachtgedanken über den Glauben

Diesen Text schreibe ich schlafloser Nacht.


Es sind jetzt ein paar Wochen ins Land gegangen, seitdem ich damit begonnen habe, mich wieder dem (christlichen) Glauben zuzuwenden. Ich kann dabei feststellen, dass mir die bekannten Aussagen und Inhalte näher stehen als so manches, was mir auf meiner spirituellen Reise der letzten eineinhalb Jahre begegnet ist. Da kann ich nicht aus meiner Haut, die christlich eingefärbt und geprägt ist.

Aber worin besteht der Glaube für mich?

Ist nicht schon die Frage "für mich" eine Abschwächung des Bekenntnisses? Das kann durchaus sein. Gleichwohl finde ich hierin einen Zugang zur Welt des Glaubens, der zu mir passt. 

In den alten Formen, wie ich sie noch bis vor fünf Jahren gepflegt habe, finde ich mich nicht wieder. Diese Formen sind: Sonntags geht es in den Gottesdienst, dort treffe ich die Gemeinde. Also sitzen oder stehen wir zusammen, singen die Lieder aus der Lobpreisliste ab, verdrehen vor Entzücken die Augen, hören uns das eine oder andere Erbauungsstück an, schließlich kommt die Predigt, die wieder einmal zu Jüngerschaft, Dienst und Nachfolge auffordert, anschließend Kollekte, Gebet und Schluss. Es war ein Zeitabsitzen, bis endlich das Ende erreicht war. Gelegentliche Blicke in die Publikationen meiner alten Gemeinde haben mir gezeigt, dass sich an diesem Schema auch nicht viel geändert hat.

Das alles passte mir vor zehn Jahren so wenig wie vor fünf Jahren. Bedingt durch Krankheit und dann Corona sind diese Sonntagtermine in den Hintergrund getreten. Ich vermisse sie nicht, oder besser: kaum.

Einige Menschen meinen, dass die christliche Gemeinschaft doch trägt, hält und in den Krisen des Lebens Halt gibt. Das ist das Idealbild. Aber bei mir war das anders. Als ich vor vier Jahren (2017) infolge der Krebsbehandlung ins Krankenhaus gehen sollte, wurde meiner Familie für die Zeit meiner Abwesenheit praktische Hilfe fest zugesagt. Beruhigt fand ich mich im Krankenhaus ein. Aber dann erfuhr ich, dass diese Hilfe dann doch nicht geleistet werden konnte. Es fand sich einfach niemand, der das übernehmen wollte, nicht einmal der Pastor, der das organisieren wollte, fand die entsprechende Zeit. OK, das musste ich zur Kenntnis nehmen. Als Mitglied der seinerzeitigen Gemeindeleitung hatte ich den "Kreis der Brüder", die zusammenstehen wollten, was damals die "Ältesten" waren. In den Wochen im Krankenhaus gab es von dort allerdings auch kein Zeichen, keine Nachricht, nichts. Die Leitung der Gemeinde war einfach zu beschäftigt, um sich um die Kranken zu kümmern. An dieser Stelle begann mein persönlicher Entfremdungsprozess von der Gemeinde, der ich seit 2001 angehört hatte.

Ich rede dabei nicht von den vielen Menschen, die mir aus der Gemeinde bekannt waren und mit mir durch soziale Medien verbunden geblieben sind. Deren Anteilnahme, Gebet und Feedback haben mich seither begleitet und waren bzw. sind mir eine Stütze. 

Kurzum: Die alten Formen sind passé.

Aber welches Fahrzeug fährt mich sozusagen zurück in den Glauben? Was ist die Form, die zu mir passt?

Ich befreie mich vom Dogmatismus der Vergangenheit. Ein Fehler in der alten Zeit war es, dass ich den Glauben in ein Dogmenkorsett eingezwängt hatte. Das fiel mir als Jurist nicht schwer. Dieses Korsett aber machte aus dem Glauben selbst eine Rechtsordnung, wodurch das Lebendige allmählich erstickte. Glaube soll doch lebendig sein. Darum kippe ich die Dogmen über Bord, sie haben mir nicht geholfen.

Statt dessen rückt das Sinnliche, Erlebbare, Fassbare in den Vordergrund: Die entzündete Kerze, die zugleich ein Gebet ist. Der aufsteigende Weihrauch, der die Welt der Menschen mit dem Himmel in Berührung bringt. Die Ikonen, die die Fenster zur Realität der göttlichen Gegenwart sind. Die Liturgie, die das, was immer gilt, in unsere heutige Zeit überträgt. Die Musik, die den klassischen Formen christlicher Musik in Europa folgt und die durch die Generationen den Glauben an den dreieinigen Gott feiert. Das persönliche Gebet, das sowohl klassisch mit eigenen Worten, oder klassisch mit formulierten Texten gebetet wird. Das Gebet, das durch einen Gegenstand wie etwa einem Rosenkranz unterstützt wird. Aber eben auch das wortlose Gebet, das aus Gesten oder auch nur aus dem stillen Dasein bestehen kann. In alledem nähere ich mich der Gegenwart Gottes - und Er nähert sich mir. Die von mir im letzten Posting erwähnte Beziehung zum DU des Glaubens kann hergestellt werden.

Gott ist überall. Seine unsichtbare Gegenwart erfüllt diese Welt. Seine vergebende und erfahrbare Liebe ist mir immer nahe. Dennoch ist er unbegreiflich, nicht einzufangen und unverfügbar. Gerade dies Letzte hat mich in den letzten Jahren an den Rand des Glaubens, ja auch darüber hinaus gedrängt. 

Ehrlich gesagt mische ich dabei durchaus einige der Erkenntnisse, die ich in den letzten Jahren gesammelt habe mit Versatzstücken der christlichen Konfessionen, wie ich sie kennen gelernt habe. Da findet Orthodoxes, Katholisches und Evangelisches gleichermaßen Platz. Ich stehe dazu. Nennt es Patchwork-Glauben von mir aus. Doch das ist der Weg, den ich gehe.

Endlich gehe ich meinen eigenen Weg der Nachfolge Jesu.

Und was ist mit meiner Gesundheit?

Offen gestanden: Ich weiß es nicht. Meistens fühle ich mich den Umständen entsprechend gut. Oftmals muss ich mich erinnern oder daran erinnern lassen, dass ich krank bin. Nur in meinem Körper finde ich mich wieder nicht zurecht. Ich fühle mich mit ihm unsicher und weiß nicht, was ich mir zutrauen darf und kann. Die Therapie ist angelaufen, wie sie letztlich läuft, ob sie erfolgreich ist, kann ich nicht sagen. Das wird erst ein Arztgespräch ergeben, das in den übernächsten Woche angesetzt ist. 

Zudem hat sich in meine Gedanken eine tiefe und existenzielle Angst eingegraben, die einfach nicht gehen will oder die immer wieder kommt. Sie speist sich aus Bemerkungen von Ärzten aus den letzten Wochen, dem Port, den ich unter der Haut trage, den Ereignissen der letzten Wochen. Zudem registriere ich den dritten Sterbefall in meiner Verwandtschaft seit Beginn des Jahres und das kürzlich Ableben eines Krebskameraden, den ich seit vier Jahren mitverfolgt habe. Dass ich heute Nacht keinen Schlaf finde, gehört zu den Auswirkungen dieser Angst.

Körperlich geht es also mit Einschränkungen akzeptabel, psychisch bin ich ziemlich angeschlagen.

So ist es also. Mal sehen, wie es weitergeht. 


Dienstag, 1. Juni 2021

 

Mein Glaube und Krebs

(Es kommen auch drastische Formulierungen vor.)

Ja, es ist so. Mein (christlicher) Glaube ist durch die Krebserkrankung ziemlich unter die Räder gekommen. In den letzten eineinhalb Jahren ist da einiges auseinandergelaufen. Ich musste ja einiges durchmachen: 2020 begann für mich mit vier Wochen Krankenhaus, weil ich Gürtelrose mit anschließender Sepsis (Blutvergiftung) bekam. Beides sind Folgeerkrankungen meines defekten Immunsystems. Und dass das Immunsystem defekt ist, habe ich dem Multiplen Myelom (MM) zu verdanken.

Diese Krebserkrankung ist nun einmal heimtückisch. Sie ramponiert mich auch, wenn sie gerade nicht aktiv ist. Und nun ist sie halt wieder da und bedroht mich an allen möglichen Ecken und Enden meines Lebens. Degenerierte Halswirbel, ein miserables Blutbild, zu viele entartete Proteinketten... Kein Zuckerschlecken.

In der Zeit nach der ganz heißen Phase 2017 verfiel unter dem Eindruck der MM-Geschehnisse mein Glaube zusehends. Die Entfremdung von meiner damaligen Gemeinde wuchs, auch waren nicht alle Erwartungen, die in mir geweckt worden waren, erfüllt worden. Als es im Sommer 2017 ganz besonders dringend wurde (ich musste zur Stammzellentransplantation und Hochdosistherapie ins Krankenhaus), fiel die fest zugesagte tatkräftige Hilfe von Menschen aus der Gemeinde einfach aus.  Ansonsten kein Besuch, keine spürbare Anteilnahme - "kein Nix, kein Garnix" wie meine Mutter zu sagen pflegte.

Das hat schon Eindruck auf mich gemacht. Keinen guten.

2018 habe ich an einem Seminar von "Christen im Gesundheitswesen" teilgenommen. Das war eine gute Veranstaltung, in der wir an einem Abend mit anderen Menschen beten durften. Mein Gebetsanliegen seinerzeit hat mich überrascht: "Ich will Gott vergeben". Das ist natürlich theologisch nicht korrekt, für mich war es aber wichtig, das so zu formulieren. Nach dem Gebet war ich immer noch überrascht - aber die Zeit danach erwies, dass ich "Gott" nicht vergeben hatte.

Statt dessen hatte ich einen Schuldigen gefunden für die Krankheit meines Lebens.

Und dieser Schuldige ist Gott.

In seiner Allmacht und Weisheit, grenzenloser Güte und Barmherzigkeit, Allwissenheit und sonstigen Attributen hatte Er diese Krankheit zugelassen. Nicht verhindert. Mich damit geschlagen. Die Zellteilungsanmomalie, die wir "Krebs" nennen, in seine "sehr gute" Schöpfung  hineingelassen, vermutlich weil er gepennt hat oder anderweitig beschäftigt war. Oder Er ist ein Sadist, der sich an meinem und anderer Menschen Leiden erfreut. Ad maiorem Dei gloriam.

Klar: Jetzt konnte ich Gott in seinen riesigen Hintern treten. Der Schuldige war ausgemacht. Und wie konnte ich Gott am besten für seine Untaten bestrafen? Durch Aufgabe des Glaubens. "Gottes beste Entschuldigung für das Leid ist seine Nichtexistenz." Diese Straße führte direkt in den Atheismus. Und je länger ich nachdachte, desto plausibler wurde es für mich: Kein Gott, keine Religion, einfaches Eingestehen, dass in dieser Welt eben nicht alles perfekt ist.

Und mein Tod? Akzeptiert.

Kein Weiterleben in der Ewigkeit? Ist eben so. Wenn es aus ist, ist es aus.

Kratzt mich alles nicht.

Warum befand ich mich also auf dem Weg in den Atheismus? Weil ich diesem Gott eins auswischen wollte.

Das habe ich auch veröffentlicht. 

Von einigen Christen bekam ich Gedanken auf den Weg.

Einer schrieb, dass mit dem Heil nicht körperliche Heilung verknüpft ist und dass mein Gottesbild falsch wäre. Sorry, das war und ist in der Situation nicht hilfreich. Einerseits hatte ich infolge der Krankheit durchaus gute Gründe, an der Güte und Liebe Gottes zu zweifeln. Zweitens hatte ich überhaupt kein Gottesbild mehr. Entweder ist Gott ein Sadist (Provokation) oder - wahrscheinlicher - es gibt keinen Gott (Behauptung).

Eine andere schrieb einen wilden Text. Darin enthalten waren diverse Bibelverse und die Aufforderung, ich möge mich doch jetzt gefälligst und sofort der "Bibel" unterordnen. Meine Klage wäre nicht biblisch, offene Rebellion, meine Ausführungen über (den für mich nicht existierenden) Gott schlimm. Unterordnen, aber schnell. Ich quittierte diese Ausführungen mit der Anmerkung "Jeder Satz eine christliche Keule", was die Verfasserin dazu veranlasste, den Kontakt mit mir zu beenden mit den Sätzen:

Matthäus 10:9. Die Jünger schütteln sich die Unreinheit der Menschen, die nicht hören wollen, von den Füßen. Jesus benutzt hier ein Bild, die Verwendern des Zitats nimmt das ganz wörtlich: Aus ihrer Sicht bin ich Dreck, mit dem sie sich nicht mehr befassen möchte.

"Und tschüß, Stefan Wartisch. Manchmal muss man den Staub von seinen Füßen schütteln. Tu ich gerade. Mach dir keine Mühe, zu antworten. Ich bin raus."

Zum Glück waren diese beiden Beispiele absolute Ausnahmen: Einmal nicht hilfreich, einmal aggressiv. Schön waren für mich die vielen Zuschriften, die mir trotz der drastischen Worte nicht die Freundschaft aufkündigten. Im Gegenteil: Sie nahmen wirklich Anteil an meiner Situation, was sie zum Gebet veranlasste. Jedenfalls wurde mir das in vielen Zusendungen zugesichert. Es gab auch hilfreiche Tipps und Verständnis für meine Klage. Ein christlicher Freund schrieb mir, dass er "immer" für mich da ist, wenn ich ihn brauche. Manche schrieben mir auch, dass sie sich einfach eine Umarmung für mich wünschen, eine Umarmung von Gott.

Es war etwas Neues: Ich erlebte mit einem Male wieder Gemeinschaft. In dem Loch, in dem ich saß, war wieder etwas zu spüren davon, mit Menschen zu sein, die ermutigen, stärken, nicht aufgeben, nicht anklagen. Nicht anklagen. Sie gingen mit mir nicht den Weg, auf schon die Freund Hiobs hereingefallen sind, sondern den Weg des Mitgefühls.

Als ich vor ein paar Tagen meine Port- OP in der Schön-Klinik Eilbek hatte, fiel mich auf dem Weg dorthin etwas ein: "Wäre schön, jetzt ein Gegenüber zu haben, ein DU". Na klar, es gibt Menschen, die mich auch in die OP hätten begleiten können: Meine Frau, mein Bruder und viele liebe Freunde, Christen wie Nichtchristen. Das war aber nicht das, was mir fehlte. Das DU, das mir fehlte, ist das DU, das "immer" da ist. Ansprechbar, zuhörend, antwortend, dialogisch. Das DU, das Martin Buber so schön beschrieben hat.

Das DU ist Gott. Zum ersten Mal seit langer Zeit war da das Bedürfnis da, mit dem DU wieder zu leben.

Die buddhistische Phiosophie lehrt, falsche Vorstellungen loszulassen, sich von Täuschungen befreien und offen zu werden. Komischerweise passt dies sehr gut zu meiner Erfahrung, dass dieses Bedürfnis nach dem DU stärker wurde als die Ablehnung des Gottes, den ich in meinem Bedürfnis nach einem Sündenbock für mein Lebensunglück abgeschafft hatte - ohne ihn je ganz loslassen zu können.

In einem Gespräch, das ich gestern mit einem wirklich sehr guten Freund über das Thema geführt hatte (wir sprachen fast vier Stunden sehr tief miteinander) ergab für mich die Erkenntnis, dass ich in einer Grube sitze und mir durch andere Menschen Rettungsseile zugeworfen werden. Ich darf eines oder mehrere nehmen und mich herausziehen oder herausziehen lassen, um diesem DU wieder zu begegnen.

Ebenso wichtig wurde für mich der Gedanke, dass dieses DU auch ein gewaltiges Geheimnis ist, das jenseits unserer Vorstellungen und Logik ist. In der Ostkirche vermittelt sich das DU unter anderen durch die Ikonen, in denen wir das Du durch die Darstellung erfahren - und das DU in der nicht fassbaren Welt uns sieht. Die Bibel fasst das in Johhannes 1:18 in den Vers "Niemand hat Gott ("DU") je gesehen (Geheimnis); der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist (Jesus, DU), der hat es verkündigt." 

Dieser Gedanke lässt mich nun nicht mehr los. "DU" finden und suchen. Keine Anklage gegen DU, kein Sündenbock mehr für mein Leben. Einfach das "DU".

Und was ist mit den Erklärungen? Was ist mit meinen Anklagen? Was ist mit dem "Gott - WARUM die Krankheit?" 

Gott bleibt ein Geheimnis, mit dem der Glaubende leben muss, wie es der katholische Theologie Karl Rahner formulierte. Es bleibt aber das Vertrauen auf Jesus Christus, in dem die Liebe dieses "DU" zu seiner Schöpfung und zu den Menschen Gestalt geworden ist. Ist also der Weg Gottes mit mir, so es Gott gibt, ein Weg der Liebe? Vielleicht. Wahrscheinlich. Kann schon sein. Oder Ja.

Ich hatte an anderer Stelle bereits geschrieben, dass die Tür zum Glauben von mir nicht ganz zugeschlagen ist. Einen spaltweit war sie offen. Und es scheint, dass sich da jemand hineingezwängt hat. 

Daher bleibe ich "dran".